Erstens kommt es anders...

...und zweitens als man denkt? Selbstbestimmt leben, aktiv sein und nicht einsam – das wünschen sich wohl alle für ihre Zeit nach der
Rente. Die Wohnform spielt dafür eine entscheidende Rolle. Allein, zu zweit, in der Gemeinschaft – es gibt mittlerweile eine Vielzahl
von Möglichkeiten, altersgerecht zu wohnen. Ein Streifzug.

Illustration: Anastasija Kretzschmar
Verena Mörath Redaktion

Ich gehe hier erst im Sarg raus“, sagt Frank Weise und zeigt auf die Wände in seinem Wohnzimmer, im Arbeitszimmer, im Flur und Schlafzimmer. Ein Museum: An jedem Zentimeter hängen Drucke und Radierungen. „Wenn ich ein neues Kunstwerk kaufe, muss ich eins abhängen“, sagt er in bedauerndem Ton. Er möchte sich niemals von seiner Kunstsammlung trennen, die er größtenteils mit seiner verstorbenen Frau erworben hat. Das müsste er aber, falls er die 126 Quadratmeter aufgibt und in eine kleinere Wohnung zieht. Frank Weise lebt seit gut 50 Jahren hier in Frankfurt am Main, er kennt alle Mieter:innen, die teils den betagten Rentner unterstützen. „Auch das ist für mich ein Grund nicht wegzugehen“, so Weise, der auch die Mietpreise in der Metropole beobachtet. Eine kleinere Wohnung mit einer günstigeren Miete als die jetzige „werde ich unter Garantie nicht finden“. Also bleibt es dabei, mehrmals täglich die drei Stockwerke hoch und runter zu gehen. Denn einen Aufzug gibt es nicht.

In den kommenden 20 Jahren wird die Altersgruppe der 1960er-Jahrgänge – die Babyboomer – um 3,5 Millionen auf 21 Millionen Menschen wachsen, sagen Bevölkerungsstatistiken. Frauen ab 60 Jahren können ihr weiteres Leben noch 
durchschnittlich für die nächsten 25 Jahre planen, Männer für die nächsten 22 Jahre. Sie beginnen sich zu fragen: Wie möchte ich meine Zeit im Rentenalter gestalten? Zwangsläufig drängt sich das Thema Wohnen auf, denn Haus oder Wohnung sind der Mittelpunkt des Alltags und des Lebens. 
 

»Wer will mit 70 Jahren oder älter immer noch 100 Quadratmeter putzen?«


Zurzeit gibt es etwa 600.000 altersgerechte Wohnungen in der ganzen Republik, doch der Bedarf ist um ein Vielfaches höher und wird Jahr für Jahr ansteigen. Laut einer Studie des Pestel-Instituts aus dem vergangenen Jahr fehlen in Deutschland aktuell etwa 2,2 Millionen barrierearme oder -freie Wohnungen. 2024 werden schon 3,3 Millionen benötigt, so die Schätzung. 85 Prozent der Seniorenhaushalte haben keinen stufenlosen Zugang, teilte letzthin das Statistische Bundesamt mit. Die Klassiker: Im Bad fehlt eine bodengleiche Dusche, der Platz ist nicht ausreichend, um mit dem Rollstuhl zu wenden und in vielen alten Mietshäusern fehlt der Aufzug.

Marianne und Nils Hahne, 63 und 61 Jahre alt, leben sogar im 4. Stock, ohne Fahrstuhl. Das Paar wohnt seit vielen Jahren in einer Eigentumswohnung mitten im Trubel von Berlin-Kreuzberg. Die beiden haben früh begonnen, sich Gedanken zu machen, wie und wo sie später einmal leben möchten. Vor einigen Jahren kauften sie eine 62-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Köpenick, die sie ohne zu hohe Belastung und durch Vermietung finanzieren konnten. In zwei Jahren, so der Plan, werden sie ihre große Wohnung verkaufen und umziehen. „Viele unserer Bekannten finden das seltsam“, erzählt Marianne Hahne. „Aber wir wollen später viel reisen und unterwegs sein, vielleicht mehr als sechs Monate im Jahr.“ Für dieses Lebenskonzept bräuchten sie keine große Wohnung, ergänzt Nils Hahne, der als Selbstständiger kühl rechnet. „Weniger Quadratmeter bedeuten geringere Betriebs-, Strom- und Heizkosten. Und wer will mit 70 Jahren oder älter immer noch 100 Quadratmeter putzen?“ Beim Wohnungskauf haben sie darauf geachtet, dass die S-Bahn in die Berliner Innenstadt gut zu Fuß erreichbar ist, ebenso ein Einkaufszentrum und medizinische Versorgung. Sie sagen, dass keiner von ihnen beiden unbedingt ein eigenes Zimmer brauche und so die viel kleinere Wohnung ausreiche. „In anderen Partnerschaften würde das vielleicht nicht so gut funktionieren“, weiß Marianne Hahne aus ihrem Bekanntenkreis.

Eine repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag von immoverkauf24 und ImmoScout24 ergab, dass knapp ein Fünftel der Deutschen befürchtet, wegen zu hoher Wohnkosten im Alter ausziehen zu müssen und sich keinen altersgerechten Wohnraum leisten zu können. Oft werden die vertrauten Wohnungen für Senior:innen zu groß. Jedoch kosten teils kleinere Wohnungen heute mehr als solche mit alten Mietverträgen, und sie sind wertvolle Räume für Erinnerungen.
 

»96 Prozent der über 65-Jährigen leben im eigenen Zuhause, die meisten sogar allein.«


Einen großen Aufschwung erlebt das „Betreute Wohnen“, auch „Servicewohnen“ genannt. Beide sind keine geschützten Begriffe: Es kann sich um Eigentums- oder Mietwohnungen handeln, die zu einem Pflegeheim gehören, oder um seniorengerechte Appartements im normalen Wohnungsbau oder um Mehrgenerationenhäuser oder hotelähnliche Residenzen mit Sauna, Wellness oder Freizeitangeboten. Es gibt Mindestleistungen, die im Miet- oder Kaufpreis enthalten sind, und Zusatzleistungen, die gebucht werden können. Fixe, standardisierte Preise existieren nicht, denn die Leistungen und Kosten sind abhängig vom Träger, von der Anlage, dem Standort und dem Betreuungsangebot. Aber eine Faustregel liegt nahe: Je luxuriöser die Anlage ist, desto höher sind die Kosten, je umfangreicher die Zusatzleistungen, um so kostspieliger wird das Betreute Wohnen. 
Mietkosten in einer Betreuten Wohnung liegen etwa zehn Prozent über dem örtlichen Mietspiegel. Aus einem Katalog werden die Zusatzleistungen gewählt: 24-Stunden Notruf, Hausmeister- und/oder Winterdienstservice, Wohnungsreinigung und Wäscheservice, Organisation von Essen durch Bringdienste, Einkaufs-, Begleit- und Fahrservice, Organisation von Freizeit und viele mehr. Bei Bedarf werden teils ambulante Pflege oder Tag- und Nachtpflege angeboten. Für Betreutes Wohnen mit Miete und Grundpflege, Putzen und Einkauf fallen mindestens 1.500 Euro pro Monat an. Betreutes Wohnen eignet sich vor allem für Senior:innen, die nicht stark beeinträchtigt sind. Mittlerweile gibt es laut Pflegedatenbank an knapp 8.000 Standorten rund 400.000 solcher Wohnungen für Betreutes Wohnen, 18.000 sind im Bau. Eine Steigerung seit 2018 um 35 Prozent.

Illustration: Anastasija Kretzschmar
Illustration: Anastasija Kretzschmar
Illustration: Anastasija Kretzschmar

Aber nach wie vor verbleibt die Mehrheit Älterer im eigenen Hausstand – selbst die Hochbetagten: 96 Prozent der über 65-Jährigen leben im eigenen Zuhause, die meisten sogar allein. Die Voraussetzung im eigenen Haus oder der Mietwohnung zu verbleiben ist, barrierefreie Zugänge zu schaffen, ebenerdige Duschen oder Haltegriffe zu haben und insgesamt die Wohnsituation an die Bedürfnisse im Alter anzupassen. Die Lage der Wohnung oder des Hauses spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ältere brauchen eine gute Anbindung an Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen und öffentliche Verkehrsmittel. Manche mögen es ländlich, andere städtisch. 

Da sind zum Beispiel Anton und Alma Stein aus Frankfurt am Main. Beide sind im gleichen Alter wie die Eheleute Hahne und leben seit 20 Jahren in einer großzügigen 4-Zimmer-Altbauwohnung mit Balkon, verkehrsgünstig und in einem ruhigen Viertel mit vielen Familien. Die Miete ist zwar in den zwei Jahrzehnten kräftig gestiegen, aber vergleichsweise kostengünstig. Der Sohn ist schon vor fünf Jahren ausgezogen, die Tochter macht derzeit Abitur und wird sicherlich bald flügge. Zwei Zimmer werden für Home-Office genutzt, Lego, Puppenhaus und Kindermöbel sind längst verschwunden. „Ich kann mir nicht vorstellen, mich zu verkleinern“, erzählt Anton Stein schmunzelnd, „solange ich es mir leisten kann, bleibe ich genau hier.“ Schon gar nicht käme ein Landleben für ihn in Frage, „ich brauche das urbane Leben“. Für Alma Stein ist es von Bedeutung, dass, „alle Freundinnen und Freunde nah sind und das Nachtleben. Aber sie könnte sich vorstellen, ein Landrefugium zu haben. „Ein Tiny-Häuschen vielleicht“, überlegt sie, „nicht zu weit von der Innenstadt und mit Öffentlichen zu erreichen.“ Aber wenn sie es sich leisten könnte, würde sie die graue, kalte Jahreszeit irgendwo im Süden verbringen. Alma Stein könnte sich – wenn sie wollte – frühzeitig um ein bezahlbares Zimmer in einer Land-WG kümmern, sogar im Ausland. Denn das Prinzip der Studenten-WG wird längst auch auf spätere Lebensphasen übertragen. Dabei bleibt die Wohnform der eher intimen Senioren-WG eine Ausnahme, Mehrgenerationenhäuser und Gemeinschaftsprojekte haben mehr Anhänger. Ein passendes Projekt oder eine passende Wohnumgebung zu finden, nimmt allerding viel Zeit in Anspruch. Diese Hürde will das soziale Start-up „bring-together“ aus Leipzig mit seinem niedrigschwelligen Angebot für Interessierte an experimentellem, visionärem, altersübergreifendem und gemeinschaftlichem Wohnen, Leben und Arbeiten nehmen. „Normalerweise brauchen Wohnprojekte etwa zehn Jahre, bis sich die richtigen Personen gefunden haben, diese Zeit verkürzen wir. Wir bieten eine Suche nach Region, Wohnform, Lebensstil, Alter und sozialen gemeinschaftlichen Kriterien“, sagt Mary-Anne Kockel, Mitgründerin und Geschäftsführerin von bring-together. Einzelpersonen würden auf ihrer Plattform etwa sieben bis 12 Monate benötigen, bis sie etwas Passendes gefunden hätten. 

Als sie und die Mitstreiter:innen Karin Demming und Christoph Wieseke 2015 begannen, war das Angebot für gemeinschaftliche Wohnformen und Wohnprojekte unübersichtlich. Sie durchforsteten rund 200 Webseiten und werteten diese aus. Heute werden den Nutzer:innen ihrer Plattform nach einer Registrierung und angelegtem Profil mit wenigen Klicks für sie geeignete Wohnprojekte angezeigt. Am Ende kann über einen PLUS Tarif für 36 € im Quartal Kontakt zu Projekten aufgenommen werden. Das Team hatte den richtigen Riecher: 2022 haben 1,7 Mio. Menschen nach gemeinschaftlichem Wohnen und dem Angebot gesucht, knapp 6.000 Menschen wurden mit der Matching-Plattform an ein Gemeinschaftswohnprojekt vermittelt – ob ausgebauter Bauernhof mit altersgerechten Wohnungen im Allgäu bis zum Mehrfamilienwohnhaus in Berlin für Familien, die einander unterstützen. 

 

»Ein Tiny-Häuschen vielleicht. Nicht zu weit von der Innenstadt und mit Öffentlichen zu erreichen.«


13 experimentelle Wohnprojekte für Ältere förderte das Bundesfamilienministerium im Rahmen des Programms „Leben wie gewohnt“ von Oktober 2020 bis Ende 2023. Darunter ländliche und städtische, meist gemeinschaftliche Projekte und auch mit modernster Technik ausgestattete Wohnprojekte. Ein solches ist das „Haus der Zukunft am ukb“: Dabei handelt es sich um ein visionäres Gebäude mit einem Notfallsimulationszentrum des Unfallkrankenhauses Berlin, einem integrierten Beratungszentrum Pflege und Soziales und dem Smart Living & Health Center e.V. Hier werden eine innovativ ausgestattete Wohnung und ein Konferenz- und Veranstaltungsbereich zum Thema selbstbestimmtes Leben präsentiert. Ziel ist es zu zeigen, wie sich Leben und Wohnen trotz gesundheitlicher Einschränkungen gut und selbstbestimmt meistern lässt, was sich Menschen aller Einkommensniveaus leisten können, und welche Technik in Zukunft unterstützen kann: im Alltag, im Wohn- und Schlafbereich, Bad und Küche. Renata Wachsmuth, 92 Jahre alt, nutzt zwar ihre Apple-Watch, um bei Bedarf ein Notsignal zu senden, und ist flink mit WhatsApp und Mailing, aber noch mehr Technik interessiert sie nicht.

Die Deutsch-Brasilianerin lebt seit zehn Jahren im Betreuten Wohnen der Nova Vita Residenz am Standort Bonn. In Berlin, Essen und Montreux gibt es weitere Häuser der Care Management Deutschland GmbH, ein privater Dienstleistungsanbieter, welcher auf den Betrieb von Seniorenresidenzen spezialisiert ist. Renata Wachsmuth, die bis vor kurzem und 15 Jahre lang ehrenamtlich Essen auf Rädern ausgefahren hat, ist froh und zufrieden mit ihrer Entscheidung, sich frühzeitig in dieser Residenz eine 55 qm-Wohnung reserviert zu haben. Kosten damals 650 Euro, heute sind es 990 Euro. Diese Summe wird bei Einzug verrechnet.

Schon mit 60 Jahren und noch voll im Arbeitsleben als Mitarbeiterin der brasilianischen Botschaft hat sie sich darüber Gedanken gemacht, wie sie im Alter leben möchte. „Ich hatte keinen Partner und keine Kinder und fragte mich, was passiert, wenn ich später Pflege brauche?“ Ihre Pension, Rente und Ersparnisse sind ausreichend, um die heute gut 5.000 Euro monatlich zu bezahlen. Darin sind Miete, Stellplatz für das Auto, Telefon und Internet, kleinere Dienstleistungen enthalten, inklusive sind auch die Angebote wie Gymnastik auf der Matte oder im Wasser, Malkurse und Musikkreise, Tischtennis und Gedächtnistraining. Wer die Woche noch nicht vollgepackt hat, kann sich Ausflügen, Geburtstagskaffees, dem Damen-Dämmershoppen oder Kulturevents anschließen. „Man sollte aber noch recht fit sein und nicht später als mit 80 Jahren einziehen“, rät sie, „sonst ist es schwierig, Anschluss zu finden.“

Einen solchen Komfort kann sich die Mehrheit der Älteren hierzulande nicht leisten. Aber schon eine kurze Recherche im Internet führt zu einer Vielzahl von Optionen, die kostengünstiger sind. 
Allerdings sollten Ältere frühzeitig Visionen entwickeln und gleichzeitig einen Faktencheck einleiten: Wie und wo möchte ich leben, was kann ich mir leisten und was ist realistisch? Veränderungen sollten nicht so lange aufgeschoben werden, bis die Gesundheit sie erzwingt, auch wenn wir alle hoffen, für immer fit und gesund zu bleiben. Und ein Tipp am Ende: Nutzen Sie die Möglichkeit des Probewohnens in einem Wohnprojekt, im Betreuten Wohnen oder in einer Residenz. Das wird häufig angeboten. Es könnte spannend sein und dem ungeliebten Thema Altern seinen Schrecken nehmen.