Green Living

Immer mehr Menschen legen Wert auf Nachhaltigkeit – beim Essen, der Kleidung und auch bei der Einrichtung. Inzwischen gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten, das eigene Heim nachhaltiger zu gestalten.

Illustration: Nicole Pfeiffer
Illustration: Nicole Pfeiffer
Iunia Mihu Redaktion

Wenn wir über nachhaltige Inneneinrichtung sprechen, müsste das Credo lauten: am besten nichts mehr Neues kaufen. Denn das wäre am besten für die Umwelt. Oder etwa nicht? Ulla Basqué ist da pragmatisch: „So funktioniert das nicht, denn wir Menschen haben immer wieder den Wunsch nach Veränderung unserer Umgebung“, sagt die Diplom-Innenarchitektin und Immobilienökonomin aus Regensburg. Sie ist zugleich auch Mitglied bei den Architects for Future. Die gemeinnützige Organisation versteht sich solidarisch zur Fridays-for-Future-Bewegung und setzt sich für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad ein.

Gerade in der Baubranche ist das ein wichtiger Ansatz. Denn: Der Bausektor ist mit circa 40 Prozent nicht nur der größte CO2-Verursacher, sondern auch ein enormer Ressourcenverbraucher. Rund 95 Prozent aller mineralischen, nicht nachwachsenden Rohstoffe werden beim Bauen verbraucht. „Gleichzeitig ist die Baubranche für rund 52 Prozent unseres Müllaufkommens verantwortlich“, so Basqué. Vor allem im Innenausbau falle dabei sehr viel Rückbaumaterial an, denn nach Mieterwechsel oder bei Entkernung werde häufig der komplette Ausbau entsorgt.

 
Den Bestand besser nutzen


 
Nachhaltiger wäre es, den Bestand zu nutzen – also die Dinge, die schon da sind. Dadurch würde man Energie und Ressourcen sparen. Im Sinne einer umweltschonenden Innenarchitektur gilt daher: möglichst wenig einreißen oder neu dazubauen. „Bei bereits installierten Einbaumöbeln wäre es gut, wenigstens die Unterkonstruktion zu erhalten, etwa bei einer Einbauküche, wenn man eine optische Anpassung wünscht“, sagt Bernhard Kurz, Geschäftsführer des Instituts für u. Baukunst (IFUB), dessen ungewöhnliches Kürzel im Firmennamen recht selbstbewusst gleich eine ganze Reihe von Adjektiven bündelt. Von „u“ wie „umweltbewusst“, „unnachahmlich“, „unverbraucht“ bis hin zu „unbeschwert“ tauchen diese im animierten Firmentitel auf der Website auf.

Illustration: Nicole Pfeiffer
Illustration: Nicole Pfeiffer
Illustration: Nicole Pfeiffer
Illustration: Nicole Pfeiffer

 Nachhaltig – dieses Wort mag Kurz eigentlich gar nicht. „Wir benutzen viel lieber die Worte ‚enkelgerecht‘ und ‚gemeinwohlorientiert‘. Da spielen viele Faktoren mit rein“, sagt er und verweist etwa auf den Wohnraum, den der Durchschnittsdeutsche pro Kopf in Anspruch nimmt. Statistisch gesehen beansprucht eine Person im Durchschnitt rund 48 Quadratmeter Wohnfläche für sich – 1965 waren das noch etwa 22. „Wenn wir heute die gleiche Menge an Quadratmetern benutzen würden wie damals, könnten wir 200 Millionen Menschen in Deutschland unterbringen“, rechnet Kurz vor und fügt an: „Eigentlich haben wir für alles genügend Fläche – wir müssten nur alles schlauer verteilen.“

Bei der Planung von Innenräumen ist Flexibilität ein wichtiges Kriterium einer nachhaltigen Inneneinrichtung. Große Wohnungen könnten durch einen Umbau je nach Lebensphase verändert werden, etwa indem eine Wand eingebaut und dadurch ein zusätzliches Zimmer geschaffen wird. „Auf der Konzeptebene ist eine flexible Raumnutzung und Flächeneffizienz sehr wichtig“, sagt auch Innenarchitektin Basqué. „Für den Bereich Interior Design heißt das: Man verzichtet künftig zum Beispiel auf fest mit dem Gebäude verbundene Einbauschränke, wie das früher der Fall war.“
 

Aus dem Buchregal wird ein Kleiderschrank


 
Auch bei der Möbelauswahl ist eine gewisse Flexibilität sinnvoll, sodass zum Beispiel aus einem Buchregal ein Kleiderschrank werden kann. „Das macht im Hinblick auf Ressourcenschonung Sinn, allerdings ist oft die Materialität nicht wohngesund“, sagt IFUB-Geschäftsführer Kurz. Was heute verbaut wird, lässt sich praktisch nicht entsorgen und ist meistens schädlich für die Gesundheit. Das fange bereits bei der Wandfarbe an. „Die klassische Wandfarbe aus dem Baumarkt ist flüssige Kunststofffolie. Hier besser auf reine Silikat- oder Kalkfarben zurückgreifen“, sagt Kurz. Eine Alternative zur Farbe sind auch Wandbespannungen, die als einzelnes Highlight an einer der vier Wände im Raum eingesetzt werden. „Wandbespannungen sind gerade sehr im Kommen. Sie sind einfach demontierbar, machen ein tolles akustisches Klima und sehen sehr edel aus“, so Architektin Basqué. Bei Vorhängen sollte man auf den Stoff achten: Nachhaltige Vorhänge gibt es aus nachwachsenden Rohstoffen wie Flachsfasern, Leinen, Baumwolle oder Jute. Nachhaltiges Element im Innenbereich sind auch Pflanzen. Die Raumluft wird gereinigt, die Pflanzen beruhigen und man holt sich ein Stück Natur in die Wohnung.

Wohngesundheit geht Hand in Hand mit Recyclingfähigkeit. Denn: Gesunder, umweltfreundlicher und ressourcenschonender Innenausbau und Möbelbau impliziert, dass Rohstoffe nicht schädlich und recycelbar sind. Ulla Basqué von den „Architects for Future“ erklärt: „Recyclingfähig heißt: Materialien und Möbel bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen, lassen sich demontieren und wieder an anderer Stelle nutzen.“ Die Realität tät sieht aber derzeit noch anders aus. Im Bereich der Innenarchitektur werden, ähnlich wie in der Hochbauarchitektur, sehr viele Verbundstoffe verwendet, insbesondere Kunststoffe, die nicht voneinander zu trennen und für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft ungeeignet sind. Oft sind Rohstoffe verklebt. „Solange man mineralische Kleber verwendet, ist das okay – aber die meisten Kleber sind kunststoffbasiert. Und dann habe ich das Problem, dass man die Stoffe nicht voneinander trennen kann, und damit sind sie wieder nicht recyclingfähig“, sagt die Expertin.

Kreislaufgerecht die Wohnung einrichten – das bedeutet vor allem auch, vorhandene Dinge selbst zu reparieren. Das ist fast immer nachhaltiger. „Das macht auch glücklicher“, so Bernhard Kurz, „denn die emotionale Bindung ist größer, wenn ich etwa den alten ausgefransten Sessel von der Oma repariere – und es ist natürlich nachhaltiger, weil ich in dem Moment ein Bauteil nicht neu erstellen muss.“ In Bezug auf Innenausbau blickt er auch gerne mal in die Vergangenheit. „Alte Gebäude sind die pure Inspirationsquelle“, sagt Kurz. „So wie noch vor 100 Jahren gebaut wurde, das war umweltgerechtes Bauen. Alte Bauteile wie zum Beispiel Holzbalken oder Ziegel wurden fast immer weiterverwendet.“ Heute ist das jedoch anders – kurzlebiger und billiger und meistens aus Plastik.

 
Teppiche zum Leasen


 
Beispiel Bodenbelag: Am nachhaltigsten sind Vollholzparkett und Dielenboden aus echtem Naturholz. Dieser wird genagelt und nicht – wie Laminat – geklebt. Empfehlenswert ist auch Vollholz, welches schwimmend, also nicht klebend, verlegt werden kann. Ulla Basqué erklärt: „In dem Moment, wo ich klebe, habe ich eine feste Haftung, die sehr schwer zu entfernen ist. Meistens sind es lösungshaltige Kunstharzkleber und das ist dann nicht mehr umweltfreundlich.“

Inzwischen gibt es auch Bodenfliesen aus Myzelfasern, die aus Pilzen gewonnen werden. Auch Zementfliesen, die mit mineralischem Mörtel verlegt werden, sind zu empfehlen. „Diese Zementfliesen werden empfohlen, weil sie im Gegensatz zum Feinstein wenigstens mineralisch sind. Auch eine Bodenbeschichtung auf Pflanzenölbasis ist empfehlenswert“, erklärt die Expertin. Möchte man aus Akustikgründen etwa Teppich verwenden, gibt es hierfür auch Leasing-Konzepte: Dann werden sogenannte Teppichfliesen verlegt, die man einfach austauschen kann. Zum Recycling nimmt die Firma die Fliesen dann wieder zurück.

Der Baustoff Lehm erfährt derzeit auch im Innenausbau eine Renaissance – zu Recht, schaut man sich die Umweltbilanz an. Die Lehmbauplatte hat nämlich im Vergleich zur Gipskartonplatte drei wesentliche Vorteile: Sie verbraucht in der Herstellung fünfmal weniger Energie, ist schalldämmend, speichert Wärme und reguliert die Feuchtigkeit. „Das merkt man daran, dass nach einer heißen Dusche der Spiegel im Bad gar nicht beschlägt“, erklärt Basqué. Für den Innenausbau gibt es auch Paneele aus granuliertem Heu, Seegras oder mit Grasfaserplatten aus Feuchtwiesengräsern. Wände verkleiden oder Möbel bauen – der Einsatz dieser nachhaltigen Paneele ist groß und ersetzt die gängigen beschichteten Spanplatten. Und auch Möbelhersteller entwickeln sich weiter: Hersteller experimentieren mit neuen Materialien aus dem Drachenbaum oder Pilzen, die etwa bei der Herstellung von veganem Leder zum Einsatz kommen.
 

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