Eine Frage des Kapitals

Den Traum von den eigenen vier Wänden träumen Viele. Für Durchschnittsverdiener wird er aber wohl in absehbarer Zeit genau das bleiben. Schuld ist der Anstieg bei Baukosten und Zinsen.

Illustration: Till Lukat
Illustration: Till Lukat
Julia Thiem Beitrag

Christine Lagarde lässt dieser Tage Wohnträume platzen. Erst Mitte Juni verkündete die EZB-Chefin entschlossen die nächste Leitzinserhöhung und ließ durchblicken: Weitere Zinsschritte werden folgen, solange die Inflation in der Eurozone nicht unter Kontrolle ist. Für Immobilienbesitzer und solche, die es mittels eines Kredits werden wollen, sind das schlechte Nachrichten. Denn wenn die Leitzinsen steigen – also die Bedingungen, zu denen sich Kreditinstitute bei den Notenbanken Geld leihen können –, steigen auch die Kreditzinsen. Aktuell schwanken diese für eine Baufinanzierung mit zehnjähriger Zinsbindung zwischen 3,5 und 4 Prozent pro Jahr – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Immobilienkauf, wie der Finanzierungsspezialist Dr. Klein in seinem Trendindikator Baufinanzierung aufzeigt. Demnach ist die durchschnittliche Darlehenshöhe für Immobilienfinanzierungen im April auf 271.000 Euro zurückgegangen, der niedrigste Wert seit rund drei Jahren. Ende 2021 waren es im Schnitt noch 319.000 Euro.

Entsprechend hätten sich auch die Monatsraten zur Kredittilgung deutlich erhöht, heißt es im Trendindikator. Die Standardrate für eine Finanzierung von 300.000 Euro bei zehn Jahren Zinsbindung, 2 Prozent Tilgung und 80 Prozent Beleihungsauslauf – also dem prozentualen Anteil der aufgenommenen Summe im Verhältnis zum Beleihungswert der Immobilie – habe zuletzt bei 1.500 Euro gelegen und damit etwa doppelt so hoch wie Ende 2020 und Anfang 2021.

Um diese Zahlen einmal in Relation zu setzen: In Deutschland gilt man bereits ab einem Einkommen von monatlichen knapp 5.200 Euro brutto als Gutverdiener und man zahlt den Spitzensteuersatz. Gleichzeitig zeigt das Online-Portal Statista, dass private Haushalte in Deutschland mit einem Nettoeinkommen zwischen 3.500 und 5.000 rund 1.100 Euro für Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung ausgegeben haben. Wer netto 5.000 Euro und mehr zur Verfügung hat, gab rund 1.400 Euro aus. Hier wird deutlich: Durchschnittsverdiener können sich die eigene Immobilie kaum noch leisten.

Hinzu kommt, dass auch die Preise für Bauleistungen stark gestiegen und Handwerker kaum zu bekommen sind. Zahlen des Statistischen Landesamts in Wiesbaden zeigen, dass Häuslebauer in Hessen 2022 im Schnitt schon 13,8 Prozent mehr für den Hausbau zahlen mussten als 2021. Doch auch diejenigen, die schon stolze Eigenheimbesitzer sind, könnten von der wirtschaftlichen Gesamtlage, der hohen Inflation und den steigenden Zinsen noch eingeholt werden – dann nämlich, wenn ihre Zinsbindung ausläuft und sie die verbleibende Kreditsumme zu deutlich unattraktiveren Konditionen weiterfinanzieren müssen. Das wird vermutlich nicht jedem gelingen.

Wer dennoch am Traum vom Wohneigentum festhalten will, sollte sparen. Denn je mehr Eigenkapital ich mitbringe, desto geringer ist die Summe, die ich fremdfinanzieren muss. Und auch der gute alte Bausparvertrag erlebt eine Renaissance, weil er günstige Zinsen und Sparen kombiniert. 40 Prozent mehr Bausparverträge seien wohl auch deshalb 2022 abgeschlossen worden, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Privaten Bausparkassen der Nachrichtenagentur dpa.
 

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