»Ich habe meine Selbständigkeit noch nie bereut«

Gerade in der IT-Branche sind viele Freelancer unterwegs. Sie arbeiten oft hart, aber genießen die Abwechslung und die Eigenverantwortung.

Illustration: Julia Körtge
Illustration: Julia Körtge
Axel Novak Beitrag

Unternehmergeist, Innovationslust, Freiheitswille – ein bisschen von all dem hat Michael Weckerlin angetrieben, als er sich 2003 selbständig machte. „Ich habe Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der FH Aachen studiert, Praktika in großen Unternehmen absolviert, war dann angestellt und habe irgendwann gemerkt: Konzernstrukturen sind nichts für mich. Das hat sich nicht gut angefühlt“, sagt der heute 53-Jährige. Die logische Konsequenz: „Seitdem bin ich freiberuflich an der Schnittstelle von IT und Marketing tätig.“ Als Mister SEO berät Weckerlin nun Kunden dabei, im Web sichtbarer zu werden und KI, insbesondere ChatGPT für sich zu nutzen. Bereut hat der Kölner seine Entscheidung noch nie – und damit geht es ihm möglicherweise ähnlich wie den geschätzt 80.000 Selbständigen in der IT-Branche. Die beschäftigt rund 1,2 Mio. Menschen, knapp sieben Prozent sollen selbständig tätig sein. Im Vergleich zu anderen Branchen ist das viel.

 

DRINGEND GESUCHTE EXPERTEN
 

Und das hat Gründe: Denn gerade in der IT-Branche herrscht massive Aufbruchsstimmung. Programmierer, Informatiker, Systemelektroniker, Gestalter, Web-Adminstratoren oder Consulter wie Weckerlin werden heute dringender denn je gebraucht. Wenn Deutschlands Unternehmen die digitale Transformation erfolgreich bewältigen wollen, dann müssen sie die Selbständigen als Katalysatoren zur Beschleunigung ihrer eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einsetzen. Untersuchungen zeigen: Viele Firmen setzen auf Solo-Selbstständige und Werkvertragsbeschäftigte von Drittfirmen, um ihren eigenen Personalbedarf zu begrenzen, flexibel auf neue Anforderungen von Kunden zu reagieren und ausserdem Zugang zu spezifischem Know-how zu erhalten, das in der eigenen Belegschaft nur unzureichend vorhanden ist. Dabei spielen Selbstständige dann eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, neue digitale Grenztechnologien einzuführen.

Drittunternehmen mit eigenen Beschäftigten wiederum kommen zum Zuge, wenn es um die Implementierung reiferer Verfahren geht, hat das Institut der deutschen Wirtschaft herausgefunden. Hinzu kommt: Im Vergleich zu anderen Geschäftszweigen ist die IT-Branche ausgesprochen innovationsfreudig. Laufend gelangen neue Verfahren und Techniken auf den Markt. Das bedeutet, dass die IT-Unternehmen selber kontinuierlich nach Fachleuten verlangen, die aus neuen Anwendungen kommerziell nutzbare Lösungen entwickeln. Unternehmen anderer Branchen wiederum benötigen Fachleute, die die neuen Anwendungen implementieren und mit bestehenden Prozessen verknüpfen.


EXTERNE IT-DIENSTLEISTER SIND OFT GÜNSTIGER


Doch gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist es oft nicht möglich, die eigene IT-Abteilung laufend auf dem Stand der neusten Technologien zu halten. Für sie ist es daher günstiger, einen externen IT-Dienstleister mit den Neuerungen in seiner Firma zu beauftragen. Selbständige übernehmen dann gut dotierte Einsätze und schulen und beraten die Betriebe. Die Folge: Ein selbstständiger IT-Fachmann muss sein Know-how immer auf dem neuesten Stand halten. „Was mir manchmal fehlt, ist der fachliche Austausch zum Stand von bestimmten Verfahren und Techniken und die Diskussion darüber, wie die Branche gerade tickt“, sagt Weckerlin. Persönliche Weiterbildung und konsequentes Netzwerken sind deshalb essentiel. „Ich bilde mich in vielen Online-Webinaren laufend aus und weiter. Und dann probiere ich meine Erkenntnisse einfach aus und schaue, ob das meinen Kunden hilft“, sagt Weckerlin. Profunde Kenntnisse über die aktuellen Innovationen in der IT-Branche sind für ihn der Schlüssel zum Erfolg als Selbstständiger.

Und zugleich ein wichtiger Ansporn: Denn so kommt er als Selbständiger mit vielen verschiedenen Aspekten der Branche und mit vielen potentiellen Kunden in Kontakt. „Die Abwechslung und das direkte Feedback von Kunden ist oft erfüllender als klassische Projektarbeit“, sagt Mister SEO.

Für Neugeschäfte sind entsprechende Freelancer-Plattformen und die dort angebotenen Ausschreibungen wichtig, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Der wichtigste Faktor für kontinuierliches und gutes Neugeschäft ist allerdings gerade bei Selbständigen ganz simpel: die Weiterempfehlung bestehender Kunden.

Illustration: Julia Körtge
Illustration: Julia Körtge

CHECKLISTE: LOHNT SICH DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT IN DER IT-BRANCHE?


Die IT-Branche bietet leistungsbereiten Fachleuten mit Praxiserfahrung und hoher Motivation viele Chancen. Doch der Weg in die Selbstständigkeit ist nicht einfach. Die Konkurrenz in der IT-Branche ist groß. Nur wer Grundlagen nachweisen kann und innovatives, fundiertes und aktuelles Know-how bietet, hat Erfolg.

Ein Vorteil in der Branche ist: Es ist wenig Eigenkapital erforderlich, die bürokratischen Hürden für Gründer sind niedrig. Ein IT-Freelancer benötigt einen leistungsstarken Rechner mit der entsprechenden Software, ausgezeichnete Netzanbindung und sollte mobil sein.

Ein Vorteil in der Branche ist: Es ist wenig Eigenkapital erforderlich, die bürokratischen Hürden für Gründer sind niedrig. Ein IT-Freelancer benötigt einen leistungsstarken Rechner mit der entsprechenden Software, ausgezeichnete Netzanbindung und sollte mobil sein.

Viele IT-Freelancer sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden und schätzen, dass es ihnen finanziell besser geht als mit einer Anstellung. Laut Umfragen liegen die Honorare bei vier von fünf Selbständigen bei mehr als 2.000 Euro netto im Monat.

Weil sich IT rasend schnell weiter entwickelt, müssen Selbstständige ihr Know-how auf dem neuesten Stand halten – und sich vernetzen. Doch Weiterbildungen sind teuer und zeitlich aufwändig. Die Teilnahme an einem Webinar lässt sich oft nicht einem Kunden in Rechnung stellen, sondern muss über einen längeren Zeitraum in die Kalkulation einfließen.

Allerdings stellen die Abrechnung und Kalkulation von Leistungen manche Freelancer vor einige Probleme. Denn es kommt darauf an, genügend produktive Stunden zu berechnen. Dabei sollten auch der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung und alle Betriebsausgaben hinzugerechnet werden, die nicht einzelnen Projekten zugeordnet sind.

Außerdem müssen Selbständige sich besonders absichern: Neben Krankenversicherungsbeiträgen und Steuerabzügen müssen finanzielle Reserven für Auftragsflauten einberechnet werden.

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