»Die Welt ist unübersichtlich geworden.«

Früher ein Tabu, heute fast normal: Warum immer mehr junge Menschen sich Hilfe suchen, und was das über unsere Zeit verrät. Ein Gespräch mit der Trauma- und Neuropsychologin Georgia Ribes Zankl.

Illustrationen: Ingeborg Schindler ingeborgschindler.com
Illustrationen: Ingeborg Schindler ingeborgschindler.com
Katharina Finke Redaktion

Über Krafttraining spricht heute jeder offen, über Therapietermine zu reden, wird langsam genauso normal. Doch hinter der neuen Offenheit steckt ein Hilferuf, wie die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck belegt. Für die repräsentative Erhebung wurden mehr als 2.000 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren befragt. Das Ergebnis: Knapp 30 Prozent benötigen psychologische Unterstützung – ein neuer Höchststand. Neben mentalem Stress prägen wirtschaftliche Sorgen wie Inflation und unsichere Jobaussichten ihre Lebensrealität. Angesichts monatelanger Wartezeiten auf einen Therapieplatz gewinnt das Thema politische Dringlichkeit. Doch was passiert, wenn eine ganze Generation den Umgang mit der eigenen Psyche ins Digitale verlagert? Ein Gespräch mit der systemischen Therapeutin, Traumatherapeutin und klinischen Neuropsychologin Georgia Ribes Zankl.
 

Fast jeder dritte junge Mensch sucht heute psychologische Hilfe. Merken Sie das auch?

Auf jeden Fall. Vor allem durch Instagram und TikTok beobachten wir ein neues Verständnis von Therapie. Viele junge Menschen informieren sich selbst, diagnostizieren sich mit ADHS, Autismus oder Bindungsstörungen und suchen beim Psychologen vor allem Bestätigung. Über das eigentliche Leid möchte niemand reden, das gilt als uncool. Mir scheint, dahinter steht vor allem eine verzweifelte Suche nach Identität.
 

Ist es nicht ein Fortschritt, wenn junge Menschen so aufgeklärt sind?

Gut ist, dass sie wissen: Es gibt Hilfe, und sie nehmen sie auch an. Bei den Symptomen liegen sie meist gar nicht falsch. Aber dieses Faktenwissen bringt sie nicht weit. Die Ursachen ihrer Probleme suchen junge Menschen heute fast ausschließlich in sich selbst; externe Faktoren wie Traumata oder Konflikte geraten in den Hintergrund. Statt sich zu fragen, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, konzentrieren sie sich nur darauf, wie sie trotz ihrer Symptome funktionieren.
 

Laut Studie zeigen 60 Prozent der Jugendlichen ein suchtähnliches Smartphone-Verhalten, viele nutzen bei Problemen bereits KI-gestützte Beratung. Kann eine KI ein Gegenüber sein?

Nein. Mit einer KI kann man keine Beziehung führen. Wer das glaubt, sitzt einer Projektion auf. Eine KI ist so trainiert, dass sie niemals urteilt und einem immer recht gibt. So flüchten sich Menschen in harmonische Scheinbeziehungen. Doch die KI simuliert Empathie nur per Algorithmus. Gerade die echte Beziehung zum Therapeuten aber ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gelungene Therapie.
 

Die Studie zeigt auch enorme Zukunfts- und Wirtschaftsängste: Jede fünfte Person plant konkret die Auswanderung. Was muss passieren?

Die Welt ist unübersichtlich geworden. Jugendliche werden zwischen dem digitalen Versprechen, schnell reich zu werden, und realen Existenzängsten zerrieben. Wir müssen genau dort ansetzen, wo sie überfordert sind. Um Orientierung zu geben, bräuchten wir schon viel früher im Leben Beratung. Und politisch brauchen wir dringend mehr Kassenzulassungen für Therapeutinnen und Therapeuten.
 

Nächster Artikel