Als ich vor ziemlich genau 20 Jahren mein Volontariat mit Fokus auf Finanzen begann, fand ich mich in einer klassischen „Männerwelt“ wieder. Auf Kongressen liefen junge Studentinnen als lebende Werbeplakate herum, den jeweiligen Slogan quer über ihrem Allerwertesten platziert. Ich kann mich auch noch sehr gut an eine Award-Verleihung erinnern, bei der zum Ende der Preisvergabe das Licht ausging und Scheinwerfer auf halbnackte, sich auf der Bar rekelnde Frauen den „spaßigen Teil“ des Abends einläuteten – in Anlehnung an den 2000er-Film „Coyote Ugly“. Und zu noch späterer Stunde verteilten schwarze Frauen mit Bauchladen unter dem ausladenden Dekolleté kubanische Zigarren.
Ich war damals jung und unerfahren, weshalb ich weder die offenkundige Misogynie noch den Rassismus als solchen erkannt habe. Nachhaltig verstört hat mich dieses Verhalten dennoch. Eine derart offen gelebte Misogynie wie oben beschrieben scheint heute kaum mehr möglich – auch, weil so viele Frauen in den vergangenen Jahren aufgestanden, laut geworden sind und auf Missstände hingewiesen haben. Und dennoch haut der bayrische Ministerpräsident Markus Söder vor wenigen Tagen den Satz „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland eine Dame ohne Unterleib“ heraus, den die Vorsitzende der Frauen-Union Bayern, Ulrike Scharf, gegenüber dem Radiosender BR24 als „gängige Metapher“ verteidigt. Man müsse die Kirche auch mal im Dorf lassen.
Misogynie ist also vielleicht nicht mehr ganz so plakativ wie noch vor 20 Jahren, sie ist jedoch keinesfalls verschwunden, und das ist ein Problem. Denn so sehr der Söder-Vergleich gerade im Netz für Furore sorgt, hat er doch auch einen wahren Kern: Sowohl die Dame ohne Unterleib als auch die genannten Branchen sind in vielerlei Hinsicht Relikte vergangener Tage. In besagtem FAZ-Interview positioniert sich der bayerische Ministerpräsident nämlich vor allem als Bewahrer des Status quo. Zukunft geht anders und ein rückständiges Frauenbild ist damit wohl politisches Kalkül.
Dabei wäre gerade die Union gut beraten, Frauen mit anderen Augen zu betrachten, wie Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, in einer aktuellen Kolumne vorrechnet. Dort reagiert er unter anderem auf die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz nach mehr Arbeit, damit der Wohlstand im Land nicht weiter gefährdet wird. Für Fratzscher eine „erstaunliche Ignoranz gegenüber dem tatsächlichen Potenzial unseres Arbeitsmarkts.“ Denn das liegt aus Sicht von Fratzscher vor allem auch in der Erwerbstätigkeit von Frauen. Etwa die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet nicht in Vollzeit, womit Deutschland eine der höchsten Teilzeitquoten von Frauen weltweit habe – was nicht am mangelnden Willen der Frauen liege, mehr zu arbeiten. Vielmehr führt der Ökonom die Diskriminierung von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt als ein Kriterium an, die stärker als in vielen anderen Länder sei. „Der Gender Pay Gap gehört zu den höchsten in Europa, Karrierechancen sind oft schlechter, und Frauen sind überdurchschnittlich häufig in belastenden, systemrelevanten Berufen tätig“, schreibt Fratzscher. Außerdem führt er das Ehegattensplitting oder die Kinderbetreuung als strukturelle Hürden für Frauen auf dem Arbeitsmarkt an.
Damit geht der deutschen Wirtschaft nicht nur kurzfristig Potenzial verloren, sondern systematisch, wie die deutsch-schwedische Allbright-Stiftung nicht müde wird, vorzurechnen. Denn nach wie vor gilt: Je höher und machtvoller die Positionen, desto seltener sind Frauen vertreten. Zum 1. September 2024 waren gerade einmal 2,5 Prozent der Vorstandsvorsitzenden eines Dax-40-Konzerns Frauen. Und auch bei den übrigen Unternehmen sieht die Quote mit 4,4 Prozent weiblichen CEOs nicht viel besser aus. Was die Auswertung jedoch zeigt: Quoten können dieses Machtgefälle verändern. Denn immerhin liegt der Anteil weiblicher Aufsichtsratsmitglieder – hier gilt seit 2016 die 30-Prozent-Quote – zum oben genannten Stichtag bei 37 Prozent. Wobei auch in den deutschen Aufsichtsräten lediglich in 6,3 Prozent der Fälle eine Frau den Vorsitz hat. Besorgniserregend ist zudem, dass sich der Frauenanteil in den Vorständen deutscher Unternehmen in den vergangenen sechs Monaten nicht bewegt hat und am 1. März
2025 unverändert bei 19,7 Prozent lag. Auch in den Aufsichtsräten herrsche zurzeit Stagnation, heißt es von der Allbright-Stiftung.
Das mag auch am weltweiten Backlash liegen, den die Frauenbewegung derzeit erlebt. Backlash – zu deutsch Rückschlag – ist eine Rückkehr zu konservativen Wertvorstellungen und damit einhergehend eine Stärkung derartiger politischer Kräfte. Für den Podcast „Penis Papers“ habe ich darüber mit der neuropolitischen Philosophin Dr. Liya Yu gesprochen. Neuropolitik stellt die Frage, was neurobiologisch und kognitiv unter unserer Schädeldecke bei politischen Entscheidungen und Verhaltensweisen passiert. Und Dr. Yu sagt, dass konservative Gehirne eher von Angst getrieben werden: „In ideologischen Gesellschaftsordnungen geht es eigentlich immer um feste Rollen und die liegen uns Menschen eigentlich nicht. Letztendlich wollen wir doch alle vor allem authentisch und frei leben.“ Ihr Lösungsansatz lautet daher: Der Feminismus muss einen neuen, kooperativen Gesellschaftsvertrag pitchen, um dem aktuellen Backlash etwas entgegenzusetzen. „Wir müssen uns fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen“, sagt Dr. Yu. Das gilt übrigens für Männer und Frauen gleichermaßen. Denn wie man am Beispiel von Ulrike Scharf sieht, verteidigen auch viele Frauen patriarchale Strukturen und Denkmuster. Nachzulesen ist dieses Phänomen der „toxischen Weiblichkeit“ unter anderem im gleichnamigen Buch von Sophia Fritz.
Ich persönlich möchte ehrlicherweise nicht in die Anfangszeit meiner beruflichen Laufbahn zurückversetzt werden. Und doch merke ich gerade wieder sehr deutlich, dass wir von echter Gleichberechtigung noch sehr weit entfernt sind. Daher ist meine Hoffnung, dass sich das Patriachat von Fratzschers ökonomischem Argument überzeugen lässt: Die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt ist der Schlüssel – nicht die Bewahrung des Status quo.
Illustrationen: Ivonne Schreiber