Starkes Ökosystem

 Berlin galt lange Zeit als deutsche Start-up-Hauptstadt. Doch nun schließt eine andere deutsche Stadt auf. Das liegt an den veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen – aber nicht nur.

Illustrationen: Ivonne Schreiber
Illustrationen: Ivonne Schreiber
Julia Thiem Redaktion

Eine aktuelle Erhebung der Unternehmensberatung EY sorgt derzeit für Unmut in der Bundeshauptstadt. Demnach muss die sich zwar nicht um ihre politische Vormachtstellung, sehr wohl aber um ihren Titel als Start-up-Hauptstadt sorgen. Denn „aus einem hauchdünnen Vorsprung ist ein deutlicher Abstand geworden“, heißt es von EY. Die Rede ist von der Stadt München, die angetreten ist, Berlin den Rang abzulaufen. EY rechnet vor, dass bayrische Start-ups im ersten Halbjahr 2025 knapp 2,1 Milliarden Euro an Risikokapital eingesammelt haben – 262 Prozent mehr als im ersten Halbjahr und fast genauso viel wie im Gesamtjahr 2024. Die aktuelle Investitionssumme entspräche zudem fast der Hälfte (46 Prozent) des Gesamtvolumens, das im laufenden Jahr in die deutsche Start-up-Szene investiert wurde. Berliner Jungunternehmen sammelten dagegen 1,5 Milliarden Euro ein – was allerdings auch einem Anstieg um 41 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.

Auf die Kapitalströme zu schauen, ist allerdings nur ein Weg, den Spitzenreiter zu küren, weshalb für den Pressesprecher des Startup-Verbands Niclas Vogt Berlin auch nach wie vor das Zentrum des deutschen Start-up-Ökosystems ist – international sichtbar mit einer hohen Dichte an Gründerinnen und Gründern, Talenten und Investoren. Gleichwohl erkennt aber auch er an, dass München sich anschickt, auf Berlin aufzuschließen. „Gemessen an den Gründungen pro Kopf liegen München und Berlin fast gleichauf. Von den vier neuen Unicorns, die 2025 entstanden sind, stammen zwei aus Berlin und zwei aus München. Während in Berlin zwar die meisten Finanzierungsrunden stattfinden, fließt das meiste Kapital mittlerweile nach Bayern“, liefert Vogt ein paar vergleichende Fakten. 

Einen Grund für das verstärkte Interesse an bayerischen Start-ups liefert Dr. Thomas Prüver, Partner bei EY. Aus seiner Sicht hat sich nämlich nicht nur das Start-up-Ökosystem in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren deutlich verändert, auch die Gewichte verschieben sich: „Infolge neuer Megatrends setzen Investoren andere Schwerpunkte als in den Vorjahren: der Krieg in der Ukraine beziehungsweise die steigende Bedeutung des Rüstungssektors zum einen, der weltweite Vormarsch der Künstlichen Intelligenz zum anderen und schließlich die Energiewende und der Umbau der Energieversorgung in Deutschland.“ Und genau in diesen Bereichen hat die bayrische Hauptstadt aktuell die Nase vorn – etwa mit den Start-ups Helsing und Quantum Systems, die im ersten Halbjahr jeweils die größte und viertgrößte Finanzierungsrunde in ganz Deutschland für sich verbuchen konnte. Und auch von den KI-Start-ups, in die in den ersten sechs Monaten des Jahres knapp zwei der 4,6 Milliarden Euro flossen, haben viele ihren Sitz in München und Umgebung. 

München macht aus Sicht von Niclas Vogt zudem noch etwas anderes richtig: „Das Gründungszentrum UnternehmerTUM der Technischen Universität München zeigt, wie systematische Förderungen Exzellenz hervorbringen kann.“ Und diese Nähe zu Hochschulen, Industrie und Kapital nutze München gezielt. Überhaupt würden derzeit bemerkenswert viele Gründungen auch an anderen forschungsstarken Standorten wie Heidelberg, Darmstadt oder Aachen entstehen, sagt Verbandssprecher Vogt: „In Deutschlands Forschung liegt enormes Potenzial, das die Bundesregierung mit den geplanten ‚Startup Factories‘ gezielt heben will. Wir sind heute viel dezentraler und breiter aufgestellt als noch vor zehn Jahren.“
 

»Während in Berlin zwar die meisten Finanzierungsrunden stattfinden, fließt das meiste Kapital mittlerweile nach Bayern.«



Dass München als Start-up-Standort aufholt, ist auch der Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey nicht entgangen. Gegenüber der deutschen Presseagentur führt sie dafür vor allem die geopolitische Lage und damit das Interesse an sogenannten Defence-Technology-Start-ups an: „So wie Berlin in der Corona-Pandemie stark über den E-Commerce Sektor wuchs, sehen wir jetzt, dass gerade massiv in DefTech und in Künstliche Intelligenz investiert wird.“ Der Hauptfokus für Berlin liege jedoch neben der KI vor allem auf Themen wie Gesundheit, Finanzen, Nachhaltigkeit und Games. Gerade bei Healthund BioTech-Start-ups wolle man stärker werden, betont Giffey: „Noch liegt hier München vor uns, aber das wollen wir ändern. Der entstehende gemeinsame Bayer-Charité Campus mit dem Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien in Berlin-Wedding wird dem Startup-Ökosystem in Berlin einen großen Schub geben.“

Und Konkurrenz belebt ja auch bekanntlich das Geschäft. Allerdings kommt die auch aus anderen europäischen Städten, wie Niclas Vogt vom Startup-Verband weiß: „Im Vergleich zu Ländern wie Estland, Frankreich oder dem Vereinigten Königreich sind Gründungen hierzulande immer noch bürokratischer, langsamer und komplexer. Andere Staaten schaffen es, regulatorische Hürden abzubauen, digitale Prozesse zu etablieren und private Investitionen stärker zu mobilisieren. Deutschland ist stark, aber nicht Spitzenreiter.“ Denn gerade die Finanzierungsbedingungen bleiben herausfordernd. Hier beobachtet der Startup-Verband sei 2021 deutlich sinkenden Volumina – gerade bei großen Wachstumsrunden, also dem entscheidenden Schritt hin zu einem etablierten Unternehmen. „Während in den USA 2024 pro Kopf 510 Euro in Startups investiert wurden, waren es in Frankreich 108 Euro – und in Deutschland gerade einmal 90 Euro“, rechnet Vogt vor. 

Zudem habe Europa eine „Exit-Schwäche“. Erfolgreiche Start-ups finden oft nur in den USA den passenden Kapitalmarkt. „Ohne stärkere Beteiligung institutioneller Investoren und bessere Exit-Kanäle bleibt Deutschland unter seinen Möglichkeiten“, ist Vogt überzeugt. Gefragt sei aber auch die Politik, die Gründungsverfahren deutlich vereinfachen müsse, sowie eine klare Strategie, um das enorme Potenzial im Bereich DeepTech zu heben. „Von Quantencomputing über Fusionstechnologie bis zur Raumfahrt: Hier kann Deutschland international ganz vorne mitspielen, wenn die Rahmenbedingungen endlich stimmen“, lautet Vogts Credo. 

Dennoch gibt es Grund, positiv in die Zukunft zu schauen. EY-Start-up-Experte Prüver weiß, dass die vergangenen Jahre für die deutsche Start-up-Szene keine einfachen waren. Die Mehrheit der Start-ups habe diese Herausforderungen jedoch angenommen, womit das Start-up-Ökosystem als Ganzes gestärkt aus dieser Phase hervorgehe.

Nächster Artikel