Schwindet die Innovationskraft?

 Aus Deutschland kamen über Jahrhunderte spektakuläre Erfindungen. Heute hat sich nur ein Aspekt wesentlich verändert.

Illustrationen: Ivonne Schreiber
Illustrationen: Ivonne Schreiber
Mirko Heinemann Redaktion

Was die Erfindung des Internets für die Menschheit, war ein halbes Jahrhundert davor der Buchdruck. Der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg hatte um 1440 herum erstmals Buchstaben aus Metall entwickelt. Er setzte sie zu immer neuen Wörtern und Sätzen zusammen, bestrich sie mit Druckerfarbe und presste sie auf Papier. Gegenüber dem vorher üblichen Holztafeldruck war die Methode des Letterndruck viel günstiger, schneller und brachte schönere Ergebnisse. Ein weltberühmtes Beispiel ist die Gutenberg-Bibel, eines der ersten auf diese Weise gedruckten Bücher. Der Buchdruck nach der Gutenberg-Methode eröffnete völlig neue Möglichkeiten, Medien zu vervielfältigen. Es läutete damals, wie das Internet heute, ein neues Informationszeitalter ein.

Heute sehen viele Menschen, zumal Politiker, Deutschland im Abseits. Große Erfindungen würden woanders gemacht. Aber stimmt das? Schaut man auf die jüngere Geschichte, hat Deutschland eine beeindruckende Liste bahnbrechender Erfindungen vorzuweisen: Kaum 150 Jahre ist es her, dass der Erfinder Carl Benz ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent anmeldete. Der „Benz Patent-Motorwagen Nr. 1“, ein dreirädriges Fahrzeug, gilt als die Geburtsstunde des Automobils und eine neue Ära der individuellen Mobilität. Ein legendärer Marketing-Coup war die Tour von Carls Frau Bertha Benz: Sie fuhr mit ihren beiden Söhnen von Mannheim etwa 104 Kilometer in ihre Geburtsstadt Pforzheim, wo sie nach knapp 13 Stunden ankam, und wieder zurück. Damit zeigte sie die Alltagstauglichkeit des Automobils auf. 

Es war die Blütezeit der Industrialisierung. Vor allem in der Elektrotechnik war Deutschland Spitzenreiter. Werner von Siemens entwickelte den ersten Dynamo, mit dem sich Bewegungsenergie in elektrischen Strom umwandeln ließ. Auch die erste elektrische Straßenbahn, ebenfalls von Siemens gebaut, fuhr in Deutschland: Sie verband den Bahnhof Berlin-Lichterfelde mit einer 2,5 Kilometer entfernt gelegenen Militärschule.

VON DER INDUSTRIALISIERUNG BIS ZUR DIGITALISIERUNG

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895 eröffnete neue Wege in der Medizin und bildete die Grundlage der heutigen bildgebenden Diagnostik. Im medizinischen Bereich trugen deutsche Forscher entscheidend zur Entwicklung von Hygienestandards, Impfstoffen und Antibiotika bei. Robert Koch gilt als Begründer der modernen Mikrobiologie, seine Methoden zur Isolierung und Kultivierung von Krankheitserregern sind bis heute relevant. Auch die Glühbirne soll eigentlich von einem deutschen Erfinder stammen, Heinrich Göbel, der in die USA ausgewandert war. Ebenfalls lange im Schatten, aber inzwischen unbestritten, ist Konrad Zuses Leistung als Erfinder des modernen Computers. In der Entwicklung des Farbfernsehers, des Lochers, der Kleinbildkamera spielte deutsche Ingenieurkunst eine entscheidende Rolle. Alltagsinnovationen wie die Ringmappe, der Kaffeefilter von Melitta Bentz, der Sicherheitsgurt und der Airbag wie auch die Kontaktlinse aus Plexiglas stammen aus Deutschland. Dass der deutsche Erfindungsgeist auch im Zeitalter der Digitalisierung bahnbrechende Neuheiten hervorbringt, davon zeugt die Erfindung des MP3-Formats durch Karlheinz Brandenburg und sein Team in den 1990er-Jahren. Es hat die Musikbranche international geprägt.

Ist Deutschlands Innovationsfähigkeit im Vergleich zu anderen Ländern wirklich dabei zu „erodieren“, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beklagt? Er verweist auf den „Innovationsindikator“, eine Analyse, die regelmäßig von einem Konsortium um das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erstellt wird. 2024 erreichte Deutschland im internationalen Vergleich Rang 12 bei der Innovationsfähigkeit, zwei Plätze tiefer als im Vorjahr. Allerdings stellte der BDI selbst fest, dass die obersten zehn Ränge von kleineren Nationen besetzt sind, die auf einzelne Technologien spezialisiert sind: Platz 1 hält die Schweiz, gefolgt von Singapur und Dänemark sowie weiteren kleineren Ländern. Im Vergleich der großen Industrieländer führt Südkorea auf Gesamtrang 11. Deutschland liegt unter den großen Industrieländern direkt hinter Südkorea, gefolgt von Großbritannien, den USA und Frankreich.

Deutschland schneidet im Vergleich also doch nicht so schlecht ab, wie die Schlagzeile eingangs suggerieren sollte. Natürlich ist die Dynamik gebremst. Die Bürokratie ist hinderlich. Der Fachkräftemangel ist herausfordernd. Die Weltlage stimmt auch nicht gerade optimistisch. Gemessen daran könnte man den Ideenreichtum hierzulande auch erstaunlich finden. Dass in der größten Gesundheitskrise unserer Zeit ausgerechnet ein Unternehmen aus Deutschland einen entscheidenden Beitrag zu deren Bekämpfung leistet, ist hierbei symptomatisch. Mit dem Impfstoff gegen COVID-19 hat BioNTech einen Meilenstein in der Pandemiebekämpfung gesetzt.

164 ERFINDUNGEN TÄGLICH

Deutschland, das muss man betonen, ist auch heute ein bedeutender Innovationsstandort. Rund 60.000 Erfindungen wurden 2024 zum Patent angemeldet, 164 pro Tag, sowohl von Unternehmen als auch von Privatpersonen. Nur sind Erfindungen heutzutage seltener das Werk eines einzelnen Menschen oder Unternehmens. Wissenschaftler und Forschungsverbünde arbeiten international vernetzt. Wer heute in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, autonome Mobilität oder 3D-Druck arbeitet, ist auf internationale Kooperation angewiesen. Softwarelösungen, Plattformen oder Rechenzentren sind überregionale Ressourcen. Deutsche Unternehmen spielen, vor allem in der Pharmabranche, der Medizintechnik, bei KI für Industrieanwendungen, in der Quantentechnologie und in der Mikroelektronik, ganz vorne mit. 

Eine spektakuläre Neuerung in den 2010er-Jahren war die Entwicklung der EUV-Lithografie. Dabei konnten mit Hilfe von extrem kurzwelligem Licht noch kleinere und schnellere integrierte Schaltkreise hergestellt werden als zuvor. Wichtige Akteure dieser Entwicklung waren die deutschen Unternehmen ASML, Zeiss, Trumpf und das Fraunhofer IOF, deren gemeinsame Arbeit zur Marktreife und Produktion der Technologie führte. Heute ist die EUV-Lithografie eine Schlüsseltechnologie, entscheidend für die Hardware in der digitalen Transformation. Dass der Begriff nicht nur semantisch, sondern auch ganz praktisch an die Erfindung des Buchdrucks erinnert, ist dabei eine schöne Koinzidenz.

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