Die Sicherheitsarchitektur Europas verändert sich – und damit auch die Anforderungen an das deutsche Gesundheitswesen. Krisen, hybride Bedrohungen, unterbrochene Lieferketten machen deutlich: Medizinische Versorgung muss auch dann funktionieren, wenn der Normalbetrieb massiv beeinträchtigt ist.
Um die Versorgung auch unter schwierigen Bedingungen sicherzustellen, müssen Krankenhäuser auf länger andauernde Belastungen ebenso vorbereitet sein, wie auf den Ausfall kritischer Infrastrukturen wie Strom oder Wasser und Unterbrechungen von Lieferketten.
Denn die Folgen reichen über das Gesundheitswesen hinaus: Kann die medizinische Versorgung nicht zuverlässig aufrechterhalten werden, gerät auch die staatliche Handlungsfähigkeit unter Druck. Die Widerstandsfähigkeit des Gesundheitswesens ist damit nicht mehr allein eine Frage des Katastrophenschutzes, sondern ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Resilienz und der zivilen Verteidigungsfähigkeit.
Universitätsklinika kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie verbinden hochspezialisierte Medizin mit Forschung und Ausbildung, verfügen über umfangreiche Behandlungskapazitäten und sind zentrale Akteure regionaler Versorgungsnetzwerke. Während der Corona-Pandemie haben sie bereits ihre Bedeutung für die Krisenbewältigung unter Beweis gestellt: Sie haben Expertise entwickelt und Forschung vorangetrieben, Schwerstkranke behandelt, Patientenströme koordiniert, Behandlungskapazitäten abgestimmt und Wissen mit anderen Einrichtungen geteilt. Diese Erfahrungen gilt es für die Vorbereitung auf künftige Krisen zu nutzen.
Eine belastbare Krisenvorsorge erfordert allerdings das Zusammenspiel unterschiedlicher Einrichtungen. Neben Universitätsklinika spielen dabei die BG Kliniken, die auf die Behandlung von Unfallverletzten und die Rehabilitation nach schweren Verletzungen spezialisiert sind, sowie die Bundeswehrkrankenhäuser eine wichtige Rolle. Sie können mit ihren jeweiligen Kompetenzen dazu beitragen, die Versorgung sicherzustellen. Zu einem solchen regionalen Versorgungsnetzwerk gehören neben Krankenhäusern auch Rettungsdienste, ambulante Einrichtungen, Rehabilitationseinrichtungen und Hilfsorganisationen. Entscheidend ist, dass die Gesundheitsversorgung als Netzwerk funktioniert. Dafür braucht es einen Überblick darüber, wo Behandlungskapazitäten, Personal oder Medikamente vorhanden sind. Ein gemeinsames digitales Lagebild kann diese Informationen zusammenführen und so fundierte Entscheidungen ermöglichen.
Damit diese Netzwerke funktionieren, müssen zudem kritische Infrastrukturen, Energie- und Wasserversorgung, sichere IT und Kommunikation, medizinische Güter und Ausweichmöglichkeiten bei länger andauernden Krisen wie einem Bündnis- oder Verteidigungsfall abgesichert sein. Die Herausforderung besteht darin, aus einzelnen guten Vorbereitungen und Erfahrungen belastbare Strukturen und Ausweichmöglichkeiten zu schaffen.
Zusammenarbeit muss vorbereitet, regelmäßig geübt und institutionell abgesichert werden. Das geplante Gesundheitssicherstellungsgesetz muss dafür einen wichtigen Rahmen schaffen, die Bundesländer sind gefordert, die Sicherstellung der Krisenvorsorge auf Landesebene zu realisieren. Entscheidend wird sein, dass aus gesetzlichen Vorgaben eine eingeübte Zusammenarbeit wird – mit klaren Verantwortlichkeiten, gemeinsamen Daten, regelmäßigen Übungen und einer Infrastruktur, die auch unter Druck funktioniert.
»IM KRISENFALL MUSS KLAR SEIN, WER KOORDINIERT«
Prof. Dr. Jürgen Graf, VUD-Vorstandsmitglied sowie Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt, leitet den Planungsstab für die stationäre Versorgung in Hessen. Im Interview spricht er über Koordination, Krisenvorsorge und die Rolle der Universitätsklinika.
Herr Prof. Graf, warum müssen sich Universitätsklinika mit Gesundheitssicherheit beschäftigen?
Die Gesundheitsversorgung gehört zu den grundlegenden Aufgaben des Staates. Wird sie in einer länger andauernden Krise stark beeinträchtigt, kann das auch die Funktionsfähigkeit des Staates treffen. Universitätsklinika haben mit ihrem Leistungsspektrum, der spezialisierten Versorgung und ihren regionalen Netzwerken schon heute eine besondere Funktion. Angesichts der sicherheitspolitischen Lage müssen wir auch für Situationen planen, in denen deutlich mehr Patientinnen und Patienten versorgt werden müssen oder wichtige Infrastrukturen ausfallen.
Welche Rolle können Universitätsklinika dabei übernehmen?
Wir können eine koordinierende Rolle in regionalen Netzwerken übernehmen und dazu beitragen, Kapazitäten und Expertise zu bündeln, Informationen weiterzugeben und Patientinnen und Patienten zu steuern. Diese Funktion ist bereits in der Krankenhausreform angelegt. Während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass das funktioniert: In Hessen haben wir Behandlungen koordiniert, medizinische Expertise ausgetauscht und Einrichtungen vernetzt. In regionalen Clustern können Universitätsklinika, BG Kliniken und Bundeswehrkrankenhäuser gemeinsam mit den Ländern Versorgung koordinieren und Verlegungen ermöglichen. Das ist gerade dann wichtig, wenn in einem Bündnis- oder Verteidigungsfall viele Verwundete versorgt werden müssen und einzelne Häuser schnell an ihre Grenzen kommen.
Was braucht es dafür?
Vor allem klare Zuständigkeiten und Transparenz über die Versorgungskapazitäten – ambulant wie stationär. Eine Krise macht nicht an einer Landesgrenze halt. Deshalb muss vorher feststehen, wie Zusammenarbeit und Kommunikation funktionieren und wer welche Aufgabe übernimmt. Und diese Strukturen müssen regelmäßig geübt werden.
Ein digitales Lagebild sollte zeigen, welche Intensiv- und OP-Kapazitäten, Medikamente, Geräte, Blutprodukte und welches Personal verfügbar sind. Bund, Länder und Einrichtungen müssen diese Informationen austauschen können.
Welche Bedeutung hat die eigene Resilienz der Krankenhäuser?
Eine sehr große. Krankenhäuser werden zunehmend zum Ziel von Cyberangriffen oder Drohnenattacken. Fällt eine für die regionale Versorgung zentrale Einrichtung wie ein Universitätsklinikum aus, hat das weitreichende Folgen – besonders wenn Energie- und Wasserversorgung, IT oder Kommunikation beeinträchtigt sind und Ausweichmöglichkeiten an ihre Grenzen stoßen.
Im Krisenfall muss klar sein, wer koordiniert, wer Patientinnen und Patienten übernehmen kann und welche Informationen verfügbar sind. Wir dürfen diese Zusammenarbeit nicht erst im Ernstfall lernen, sondern müssen sie vorher organisieren und miteinander trainieren.
uniklinika.com