Wer zu spät kommt...

Warum sollten Mittelständler ihr jahrzehntelang erfolgreiches fossiles Energiekonzept umstellen? Weil es an der Zeit ist.

Illustrationen: Daniel Crespo, danielcrespo.es
Illustrationen: Daniel Crespo, danielcrespo.es
Mirko Heinemann Redaktion

Ein Mittelständler, der mit einem nachhaltigen Energiekonzept bis zu 70 Pozent energieeffizienter wirtschaftet als zuvor? Das muss ein Fake sein. Oder „öko“, wie mancher sagen wird. Und schon scheiden sich die Geister: in diejenigen, die mit dem alten System gut zurechtkommen und es bewahren wollen. Und in diejenigen, die in der Transformation, dem Wandel, Chancen sehen: mehr Unabhängigkeit, mehr Umweltverträglichkeit, weniger Kosten. 

Das Unternehmen Allnatura (nicht zu verwechseln mit der Bio-Lebensmittelmarke Alnatura) aus dem schwäbischen Heubach gehört zweifellos zu den letzteren. Sein Kerngeschäft ist die Herstellung und der Vertrieb von hochwertigen Massivholzmöbeln, vor allem Betten und Lattenroste. Dem holzverarbeitenden Betrieb ist der Nachhaltigkeitsbegriff in die Wiege gelegt. Denn dem Wald wird nur so Holz entnommen, wie im gleichen Zeitraum auch nachwachsen kann. Seit der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz diese Maxime im Jahr 1713 formulierte, ist Nachhaltigkeit ein Grundpfeiler der Holzwirtschaft. 

Nachhaltigkeit als Unternehmensprinzip setzen viele Mittelständler längst um: Unternehmerische Verantwortung, Generationenprinzip, Respekt für Mitarbeitende, soziales Engagement und vieles mehr wird längst vorbildlich gelebt. Nun erreicht der Nachhaltigkeitsanspruch zunehmend auch den Energiebereich, und zwar nicht, weil er „öko“ ist, sondern schlicht: weil er langfristig Kosten einspart. Trotz eines anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds, wie es heißt, investieren KMU konsequent in Transformationsprojekte, so der „Energiewende-Kompass 2025“, den die Norddeutsche Landesbank (NordLB) in Auftrag gegeben hat. Demnach fließen im Durchschnitt 36 Prozent der Investitionsbudgets in Maßnahmen rund um die Energiewende. 

Die Konsequenz, mit der Allnatura dabei vorangegangen ist, nötigt Respekt ab. Das erklärte Ziel des Energiekonzepts war, möglichst ohne fossile Energien auszukommen und den gesamten thermischen und elektrischen Energiebedarf des Gebäudes durch erneuerbare Energien zu decken. Gleichzeitig sollte der Komfort nicht zu kurz kommen. Die Umsetzung erfolgte über Geothermie, PV-Anlagen, Beschattung, Wärmerückgewinnung und Klimadecken.

Allnatura rechnet auf seiner Webseite vor, wie effizient das Konzept ist: Seinen Heizenergiebedarf von 113.000 Kilowattstunden pro Jahr deckt das Gebäude durch eine Wärmepumpe und acht Geothermie-Sonden mit jeweils rund 120 Meter Bohrtiefe. Thermische Energie kommt somit aus dem Erdreich, das im Winter bis zu 12 Grad, im Sommer bis zu 15 Grad Celsius warm ist und somit die Vorlauftemperatur der Wärmepumpe entsprechend optimiert. Drei PV-Anlagen liefern einen Großteil des Strombedarfs inklusive Wärmepumpe von etwa 124.000 Kilowattstunden pro Jahr. Insgesamt wurden 129 Kilowatt Peak installiert. Ein Batteriespeicher von 24 Kilowattstunden Kapazität reicht aus, um einen Großteil der überschüssigen Energie bis zum späteren Eigenverbrauch zu puffern. Eine PV-Anlage auf dem Dach des Carports speist mit rund 35 Kilowatt Peak unter anderem eine Ladestation für Elektrofahrzeuge.
 

MEHR ALS 50 PROZENT DER ENERGIE SELBST PRODUZIERT


Besonders interessant ist die dritte Anlage an der südseitigen Energiefassade am Hauptgebäude. Sie liefert rund 21 Kilowattstunden Peak und soll vor allem den winterlichen Betrieb der Wärmepumpe gewährleisten. Während Schnee, Eis und ein flacher Sonneneinfall den Ertrag der Dachanlagen einschränken, produziert die nach Süden ausgerichtete Energiefassade noch immer genug Strom für die Grundversorgung der Wärmepumpe. Zusammen erzeugen die PV-Anlagen jedes Jahr etwa 110.000 Kilowattstunden Strom. Die Energieeffizenz wurde mit vollflächigen Klimadecken verbessert, die sowohl für Heizung als auch Kühlung sorgen: Der Heizwärmebedarf wird damit um rund 30 Prozent verringert, die Kälte im Sommer wird passiv, also energieneutral, durch die Geothermie zur Verfügung gestellt. Prognostiziert wurde eine Eigenverbrauchsquote von etwa 57 Prozent und eine ebenso hohe Autarkiequote. Im Vergleich zur konventionellen Energiebeschaffung reduzieren sich die Energiekosten langfristig um über 70 Prozent. It’s the Economy, Smartie! Zum einen beim Thema Energieeffizenz: Eine Studie der Wirtschaftsberater von PwC hat schon vor zehn Jahren ausgerechnet, dass sich Investitionen in Energieeffizienz lohnen. In mehr als jedem dritten Unternehmen ließen sich die Energiekosten durch Investitionen in Energieeffizienz um 20 Prozent und mehr reduzieren. Mehr als die Hälfte der Investitionen der befragten Mittelständler amortisierten sich demnach nach 8,5 Jahren. 

Ein wichtiger Faktor dabei ist die Elektrifizierung bestehender fossiler Wärmeinfrastruktur – vorrangig durch Wärmepumpen. Die Wärmepumpe ist eine Schlüsseltechnologie, weil sie aus erneuerbarem Strom effizient Wärme bereitstellt und damit fossile Heizungen ersetzen kann. Für Unternehmen besonders interessant sind sogenannte Großwärmepumpen ab 100 Kilowatt Leistung. Sie arbeiten nach dem gleichen Prinzip wie Haushaltswärmepumpen, sind aber deutlich leistungsstärker und erreichen höhere Temperaturen. 

Es gilt, jetzt eine zukunftsichere Energieplanung aufzusetzen. Das tun viele bereits. Laut Energiewende-Kompass 2025 der NordLB planen 70 Prozent der Befragten, ihre Ausgaben für Innovation und Technologie in den kommenden zwölf Monaten zu erhöhen. Besonders gefragt sind KI-basierte Lastmanagementsysteme, mit denen sich kurzfristige Stromspitzen steuern lassen, sowie moderne Speichertechnologien. Das wird sich mittelfristig auszahlen. Nachhaltigkeit wird, ja muss, sich durchsetzen, schon weil die Folgen des Klimawandels immer drastischer werden und der globale Raubbau keine langfristige Alternative darstellt. Als Siemens Financial Services (SFS) im vergangenen Jahr 50 weltweit führende Produktionsmaschinenhersteller hinsichtlich ihres Umgangs mit Energie und Resourcen analysiert hat, hat der Finanzdienstleister festgestellt: Mehr als 75 Prozent der 50 weltweit führenden Maschinenbauunternehmen nutzen für ihre Maschinen Nachhaltigkeit als Verkaufsargument gegenüber potenziellen Kunden. 

Warum nicht selbst vorangehen? Wer jetzt ein nachhaltiges Energiekonzept umsetzt, mit PV, Wärmepumpe, elektrischem Fuhrpark, Wallbox, Speicher, Lastmanagement, kann über die KfW Zuschüsse von bis zu 30 Prozent für die energieeffiziente Produktion und von bis zu 20 Prozent bei der Umstellung auf erneuerbaren Energien beantragen. Dazu kommen viele regionale Programme.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, so lautete der Satz eines visionären politischen Führers. Er stieß bei denjenigen, die er damit meinte, auf taube Ohren. Die Konsequenz war der Zusammenbruch und letztlich die Auflösung eines ganzen Staates und dessen maroder Wirtschaft. Wer sich gerne auf die Vergangenheit beruft, sollte auch dieses Beispiel kennen. Und die Zeichen der Zeit deuten.
 

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