Ein Mitarbeiterjahresevent. Es geht um die Zukunft des Unternehmens. Auf der Agenda: Die Präsentation des Vorstands zur neuen Strategie. Seine Folien: randvoll mit Zahlen, Daten und Fakten, die ab der dritten Reihe niemand mehr lesen kann. Sein Sprachstil: dröge, kryptisch und sehr elitär. „Alles klar?“, fragt er zum Schluss. Die Anwesenden nicken teilnahmslos und schauen beiseite. Wer will schon sagen, dass er fast nichts verstanden hat von solchem Zahlengewimmel und Buzzword-Gedöns. Der Firmenchef hat Schreckgespenster an die Wand gemalt und von einem Tal der Tränen gesprochen, um für die nötige Transformation zu werben. Geschichten von einer guten Zukunft? Null. Was die Kunden und der Markt von der Veränderung haben? Nicht ein Wort. Im Fokus, wie üblich: Die Finanzergebnisse, die das Unternehmen erreichen will. Weshalb die Mitarbeitenden sich dafür begeistern und ins Zeug legen sollen? Keine Ahnung.
WANN UND WIE DER FUNKE ÜBERSPRINGT
Menschen unterstützen keine Finanzzahlen und kein Faktenbombardement, sondern Anliegen, die ihnen wirklich etwas bedeuten. Zahlen, Daten und Fakten sind Schwerstarbeit für unseren Denkapparat. Wir verstehen sie zwar kognitiv, doch emotional erreichen sie uns nicht. Kein Funke springt über. Und wenn bei den Mitarbeitenden die Begeisterung fehlt, ist es einfach unmöglich, dies in Kundenbegeisterung zu verwandeln. Geschichten, alles Menschliche und alles Emotionale haben Vorfahrt im Kopf. Nicht derjenige mit den besten Sachargumenten aktiviert uns, sondern derjenige, der das stimmigste Narrativ dazu erzählt.
Außergewöhnliches, geradezu Bahnbrechendes, beinahe Undenkbares kann passieren, wenn es jemanden gibt, der mit klugen Worten und einer packenden Story unsere Sehnsucht entfacht. So wurde das Wettrennen um den ersten Schritt auf dem Mond nicht durch „facts and figures“, sondern durch eine kluge Frage entschieden, die ausgerechnet ein Physiker, nämlich Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun, John F. Kennedy gestellt haben soll: „Wollen Sie, dass die Russen die Ersten sind?“
ZUKUNFT WIRD AUS GESCHICHTEN GEMACHT
Wie wir uns die Welt von morgen erzählen, hat erheblichen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Deshalb brauchen wir bewegende Fortschrittserzählungen und einprägsame Zukunftsbilder. Wer die Zukunft gestalten will, muss sich diese zunächst vorstellen können. Anstatt also rein zahlenlastige Ziele zu formulieren, befassen sich Zukunftsnarrative mit der Frage, worauf eine Organisation hinarbeitet und in welchem Umfeld sie fortan agiert. Sie machen den Zukunftshorizont eines Unternehmens greifbar und stellen wünschenswert dar, welchen Nutzen dies den Menschen bringt. „Jede weltverändernde Handlung setzt eine Erzählung voraus“, schreibt der deutsch-südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han in einem Essay. Die Vorstellung von einer erstrebenswerten Zukunft ist unabdingbar, damit wir beherzt anpacken und in die richtige Richtung laufen. So braucht jede Unternehmensstrategie eine stimmige Story, ein Narrativ über ihren Zukunftszweck, ihr Warum und Wofür, damit wir verstehen, wie sie unser Leben bereichert und fortan verbessert.
GUT ERZÄHLTE NARRATIVE WEISEN DEN WEG
Gut erzählte Geschichten machen etwas mit uns, das reinen Fakten niemals gelingt: Sie berühren. Sie bewegen. Sie spülen Verhärtetes weich. Sie schaffen emotionale Verbundenheit. Sie sorgen für Bereitschaft. Und machen Mut. Sie erlauben es uns auf eine kognitiv attraktive und gefahrlose Weise, Alternativen mental durchzuspielen, bis wir sie schließlich für machbar halten. Sie nehmen uns die Angst vor dem Unbekannten und zeigen uns Wege in Möglichkeitsräume, ohne uns zu bedrängen.
Narrative können uns inspirieren und in hohem Maße beflügeln. Sie sind ein Geheimrezept gegen Beharrungstendenzen. Es kann ihnen gelingen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Widerstände in Luft aufzulösen. Sie weiten unseren Chancenblick, eröffnen neue Perspektiven und vergrößern die Aussicht, gangbare Lösungswege zu finden. Sie können Sorgen in Zuversicht wandeln und Ansporn für Höchstleistungen sein. Sie sprechen das Vorstellungsvermögen an und aktivieren. Auf eine für uns reizvolle Weise können sie helfen, unser Leben, die Arbeitswelt und eine gemeinsame Zukunft bravourös zu gestalten.
MANAGEMENT BRAUCHT ERZÄHLEXPERTISE
Meist sind es gewinnende Worte und Bilder, die alles verändern. So geriet vor Jahren der Großcomputerhersteller IBM in die Krise. Lou Gerstner wurde neuer CEO. Er sollte das Unternehmen vor dem Untergang retten. Eine Zerschlagung in viele kleine Firmen war angedacht. Doch Gerstner wollte erst wissen, was Kunden und Mitarbeitende zu sagen hatten. Oft hörte er das Wort „Elefant“, um das Wesen von IBM zu beschreiben. Gerstner entschied, IBM solle ein Großkonzern bleiben. Aber dessen Charakter musste sich ändern. Und er sagte: „Wir sind ein Elefant. Wir bleiben ein Elefant. In unserer Größe liegt unsere Stärke. Doch in Zukunft werden wir ein tanzender Elefant sein.“
Was für ein Bild! Ein tanzender Elefant, das erzeugt Kino im Kopf. Ein freundliches und zugleich greifbares Bild mit mächtiger Wirkung. Es inspiriert und weckt allseits den Wunsch, sein Möglichstes beizusteuern, um den Elefanten zum Tanzen zu bringen. Gut gewählte Narrative haben genau diese Kraft. Sie füttern die Menschen mit Sinn, bringen Schwung in verknöcherte Unternehmenskulturen, bahnen überfällige Transformation und machen Lust auf den Sprung mit beiden Beinen nach vorn. Genau diesen Spirit brauchen wir dringend.