4,37 Milliarden Sendungen haben Kurier-, Express- und Paketdienstleister 2025 zugestellt. Das ist ein Plus von 1,8 Prozent oder 80 Millionen Paketen, rechnet der Bundesverband Paket- und Expresslogistik in seiner Ende Juni vorgestellten Branchenstudie vor. Was viele nicht wissen: Die sogenannte „Letzte Meile“, also der finale Transportweg der Waren vom lokalen Verteilzentrum direkt zum Empfänger, ist der teuerste Schritt in der gesamtem Logistikkette. Die Spanne reicht von konservativen 35 bis zu über 50 Prozent der Gesamtkosten. Und die Erklärung für diese hohen Kosten liegt auf der Hand: Staus in Innenstädten, ineffiziente Routen, erfolglose Zustellversuche.
Hohe Kosten auf der letzten Meile sind allerdings nicht das einzige Problem. Auch die Emissionen, die hier verursacht werden, sind besonders hoch, weshalb mit verschiedenen Ansätzen versucht wird, den Carbon Footprint der innerstädtischen Logistik zu reduzieren.
BEISPIEL ALTERNATIVE ROUTEN
Im EU-finanzierten Projekt Decarbomile, das 2022 gestartet ist und mit 9,6 Millionen Euro gefördert wird, entwickelt und testet ein Konsortium aus 31 Partnern in den vier europäischen Städten Istanbul, Hamburg, Logroño und Nantes gerade emissionsfreie Zustellkonzepte. In Hamburg sollen dafür beispielsweise die vielen Wasserwege der Stadt genutzt werden. Viele Jahre wurde erprobt, geforscht und entwickelt, seit April dieses Jahres muss die neue Lieferkette auf der letzten Meile nun dem Praxistest standhalten. Dazu sagt Dr. Melanie Leonhard, Hamburgs Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Innovation: „Die Logistik der Zukunft ist leise, sauber und klug organisiert.“
Konkret sieht diese „kluge Organisation“ wie folgt aus: Konsortialpartner DHL transportiert die Pakete und Waren von einem Verteilzentrum am Stadtrand zu einem nahegelegenen Kai, wo alles dann auf ein Schiff verladen wird. Das wiederum wird klimafreundlich mit dem Kraftstoff HVO100 betrieben. HVO steht für Hydrotreated Vegetable Oil und ist ein klimafreundlicher, synthetischer Dieselkraftstoff, der aus biologischen Rest- und Abfallstoffen wie beispielsweise Frittierfetten hergestellt wird. Das alleine reduziert die CO2-Emissionen schon um bis zu 90 Prozent. Die Barkasse, die eine Ladekapazität von 40 Tonnen hat, fährt dann etwa zehn Kilometer bis zu einer Anlagestelle in der Innenstadt, wo DHL Lastenräder für den Weitertransport zum Endkunden oder Einzelhändlern bereitstellt.
DIE ZUKUNFT IST MULTIMODAL
Erprobt wird in Hamburg also eine sogenannte multimodale Logistikkette, die verschiedene emissionsarme oder sogar -freie Transportmittel intelligent verbindet. Carmen Schmidt, Geschäftsführerin der Logistik-Initiative Hamburg, ist überzeugt: „Mit Decarbomile überführen wir innovative Logistikansätze aus der Forschung in die Anwendung und machen ihr Potenzial im städtischen Kontext sichtbar. Die Ergebnisse aus Hamburg liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung nachhaltiger Lieferketten in Europa.“
Ähnliche Konzepte mit Nano-Hubs und elektrischen Lastenrädern werden im Rahmen von Decarbomile auch im spanischen Logroño und im französischen Nantes erprobt. In Istanbul sollen ebenfalls Emissionen eingespart werden, indem Lebensmittler Migros Bestellungen mit E-Lastenrädern statt Motorrädern ausliefert. Denn gerade die Cargobikes haben nicht nur mit Blick auf Emissionen Vorteile. Zum einen sind da die Betriebskosten. Es fallen weder Steuern noch Versicherungskosten an und auch die Wartung ist im Vergleich zu anderen Transportmitteln gering. Cargobikes sind zudem schnell, können auch in verkehrsberuhigten Zonen eingesetzt werden und es ist kein Führerschein erforderlich, was die Personalsuche oftmals erleichtert.
In Istanbul wird aber auch noch ein zweiter Anwendungsfall erprobt, nämlich die effizientere Lieferung mit Unterstützung von Informations- und Kommunikationstechnik. Die Sivas Cumhuriyet Universität hat dafür eine Lösung entwickelt, die Ladungen so zu bündeln, dass eine Tourenplanung mit Echtzeit-Optimierung möglich wird. Das heißt konkret, mehrere Bestellungen können in einem einzigen Fahrzeug zusammengefasst, die betriebliche Effizienz gesteigert und der ökologische Fußabdruck der Lieferungen verringert werden.
TECHNOLOGIE ALS SCHLÜSSEL
Was sich hinter dem Begriff „Echtzeit-Optimierung“ verbirgt sind dabei neue Technologien und Künstliche Intelligenz. Und genau hier steckt viel Potenzial für eine grünere letzte Meile. Denn speziell für den Transport und die Logistik entwickelte KI-Agenten erkennen Abweichungen in Echtzeit und können automatisch gegensteuern – etwa, indem sie alternative Routen oder Transportmittel prüfen.
Auch deshalb entstehen in der Branche gerade spezialisierte KI-Systeme, die mit branchenspezifischen Daten trainiert und dank intelligenter Verknüpfung verschiedener Agenten zu einer Art Schwarmintelligenz werden, die exakte Vorhersagen und darauf basierend zielführende Entscheidungen treffen kann. Nur so können modulare oder multimodale Logistikketten, wie sie aktuell in Hamburg erprobt werden, überhaupt effizient eingesetzt werden. Denn gerade auf der letzten Meile muss alles perfekt ineinandergreifen, um Emissionen und Kosten einsparen zu können. Es gilt, die verschiedenen Teilprozesse wie Tourenplanung, Verfügbarkeit der Transportmittel oder das Zeitfenstermanagement intelligent und damit optimal zu verknüpfen. Dafür sind Unmengen an Daten nötig, die nur dank neuer Technologien wie KI überhaupt zielführend genutzt werden können.
Damit wird auch deutlich, dass sich die Rollenbilder in der Logistik- und Transportbranche kurz- bis mittelfristig verändern werden. Gerade Disponenten und Planer müssen firm im Umgang mit KI-Systemen sein, um den Effizienzanforderungen gerecht zu werden. Entscheidend wird in Zukunft eine Kombination aus Fachwissen, Datenanalyse und Systemsteuerung sein und auch darauf muss sich die Branche, muss sie ihr Fachpersonal vorbereiten. Weiterbildung und Change Management gehören demnach genauso zu einer grüneren letzten Meile wie neue Logistikkonzepte. Denn klar ist auch: Die Menge der Sendungen wird tendenziell weiter wachsen.