New Work

Die Coronapandemie hat die Debatte um neue Arbeitsmodelle beschleunigt – und bewegt viele Unternehmen zum Umdenken. Dabei geht es um weit mehr als Flexibilisierung und Homeoffice.
Illustration: Sophia Hummler
Illustration: Sophia Hummler
Klaus Lüber Redaktion

 

Wie wollen wir arbeiten? Wie können wir überhaupt arbeiten? Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserem Leben? Diese Fragen waren schon immer Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse – und damit auch ein Wechselspiel zwischen den Wünschen und Visionen der Arbeitenden und den Bedürfnissen und Möglichkeiten derjenigen, welche die Arbeit anbieten. „Unternehmen durchlaufen aktuell eine Findungsphase“, sagt Elisabeth Denison. „Das ist aber auch ganz normal. Denn wir stecken mitten in einem Umbruch, der nun noch einmal deutlich beschleunigt wurde.“

Damit meint Denison, die sich als Chief People Officer bei Deloitte intensiv mit der Arbeitswelt der Zukunft beschäftigt, – natürlich – die Coronakrise. Also jene Krise, die zum Beispiel in kürzester Zeit dazu geführt hat, ganze Belegschaften ins Homeoffice zu katapultieren. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) sprach von einem „großflächigen, bundesweiten Experiment der Digitalisierung von Arbeit und Kooperation“.

Das hatte zum einen den Effekt, dass die bloße Möglichkeit der Beschäftigten, von zu Hause zu arbeiten, deutlich anstieg: von 22 Prozent im Dezember 2019 zu aktuell fast doppelt so vielen, wie eine Langzeitstudie der Universität Leipzig zeigt. Zum anderen wird dies auch Einfluss darauf haben, wie weite Teile der Gesellschaft in Zukunft ihre Arbeit wahrnehmen. Stefan Rief, Leiter des Forschungsbereichs Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung im Fraunhofer IAO, prognostiziert: Immer mehr Menschen werden für längere Phasen dem Büro fernbleiben. Die Fahrt dorthin wird zu einer bewusst getroffenen Entscheidung. Leben und Arbeiten auf dem Land, jenseits des Speckgürtels der Metropolen, könnte für viele immer attraktiver werden.

Nicht nur das Wo und Wann der Arbeit, auch der Modus der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen ändert sich. Für immer mehr Menschen werden Beteiligung, Autonomie und Sinnstiftung ein Thema. „Das hat vor allem in den letzten zwei Jahren extrem zugenommen“, erzählt Prof. Dr. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability (IBE). Und damit seien nicht nur hippe Start-ups in Berlin gemeint, auch der deutsche Mittelstand fernab der großen Metropolen habe diese neuen Werte verinnerlicht. „All unsere mittelständischen Weltmarktführer aus der Provinz sind ja genau deshalb so erfolgreich, weil sie es schaffen, einen identitätsstiftenden Teamspirit unter ihren Mitarbeitern zu generieren. Also in etwa: Das ist mein Betrieb und wir gehören zu den innovativsten der Welt.“ Gerade diese sogenannten „Hidden Champions“, so Rump, lebten die neue Arbeitskultur.

Homeoffice und der Wunsch nach flexiblem, ortsunabhängigem Arbeiten ist natürlich auch bei Deloitte ein Thema, aber eigentlich nur die Spitze eines Eisbergs an Veränderungen, die noch auf uns zukommen, sagt Denison. „Auf der einen Seite stellen Arbeitnehmende ein ganzes Bündel an neuen Ansprüchen an Unternehmen. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen gut funktionierende Arbeitssettings schaffen, um weiter innovativ sein zu können.“

 

Illustration: Sophia Hummler
Illustration: Sophia Hummler

Dabei favorisiert Denison ein hybrides Modell von Online- und Präsenzarbeitszeiten. Remote Working erlaubt Deloitte seinen Mitarbeitenden standardmäßig an bis zu drei Tagen am Stück, danach ist Präsenz erwünscht. „Viele suchen diesen Austausch ja auch.“ In den Deloitte-Büros können sich Mitarbeitende über eine App ihren Arbeitsplatz buchen und zum Beispiel sehen, welche Teamkollegen am selben Tag im Büro sind.

Die Flexibilisierung von Arbeitsorten und -zeiten ist nur ein Trend von vielen, der die Arbeitswelt der Zukunft prägen wird. Die 2020er-Jahre, so die Meinung vieler Expertinnen und Experten, haben eine neue Ära der Arbeit eingeläutet. In vielen Branchen und Berufsbildern sei die Arbeit vielfältiger, partizipativer, agiler und innovativer geworden.

Hat sich damit etwas eingelöst, wovon Visionäre der Arbeitswelt schon seit Langem träumen? Seit der industriellen Revolution fungiert der Mensch als bloßes Werkzeug, um bestimmte Arbeiten zu erledigen – dabei sollte es eigentlich genau andersherum sein, so der Philosoph Frithjof Bergmann schon in den 1970er-Jahren: Arbeit, die im Dienste des Menschen steht, als Mittel, sich selbst zu verwirklichen. New Work nannte Bergmann sein Konzept, basierend auf der Frage: Wie können wir Arbeit zu dem machen, was uns stärkt, statt uns auszulaugen?

Tatsächlich geben sich immer mehr Unternehmen Mühe, ihre Arbeitsstrukturen in diesem Sinne zu verändern. Gut funktioniere das schon im Bereich der Flexibilisierung von Arbeit, stellt der aktuelle HR-Report 2021 des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE und des Beratungsunternehmens Hays fest, der sich im Schwerpunkt mit dem Thema New Work beschäftigt. Allerdings müsse man, wenn man das Konzept wirklich ernst nehme, auch an die „Substanz“ gehen und Führungsstrukturen grundlegend verändern, so der Bericht. Das gelinge den Firmen im Augenblick noch weniger gut, ist aber für viele Expertinnen und Experten eine der Grundvoraussetzungen für wirkliche Veränderung.

Notwendig wird echte Veränderung schon allein deshalb, weil viele Fachkräfte diese einfordern. Auf diese gut ausgebildeten Talente sind die Unternehmen aber massiv angewiesen. Rekrutiert wird immer öfter auch aus dem Ausland. „Der Fachkräftemangel hat den Arbeitsmarkt endgültig globalisiert“, sagt Elisabeth Denison von Deloitte. Mehr Einwanderung internationaler Talente, wie sie die Bundesregierung zum Beispiel durch das 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz fördert, wäre ein Ansatz. Ein anderer, internationalen Fachkräften zu ermöglichen, von überall in der Welt für deutsche Unternehmen zu arbeiten. „Hier ist die Politik dringend gefragt, bessere rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen“, so Denison.

 

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