Gründerland Deutschland

In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München weht er einem förmlich ins Gesicht, der neue Unternehmergeist. Dennoch bescheinigen internationale Studien Deutschland ein eher unterdurchschnittliches Engagement in Sachen Gründung.
Illustration: Sören Kunz
Illustration: Sören Kunz
Mirko Heinemann Redaktion

Das hat mit der hierzulande recht ausgeprägten Kultur der Arbeitsteilung zu tun. Tüftler, Fachkräfte und Experten sind eben nicht immer auch Unternehmer. Müssen sie auch nicht. Arbeit gibt es genug.

Jochen Schweizer ist ein harter Hund. Vor kurzem erzählte der ehemalige Stuntman in der Talkshow von Sandra Maischberger, wie er für einen Filmdreh mit einem Motorrad vom Hamburger Fernsehturm sprang. Das Motorrad war mit einem Seil am Turm gesichert, der Fahrer nicht. „Ich habe mich festgehalten“, so Schweizer lakonisch. Wie das denn komme, dass er keine Angst habe, wollte die Runde wissen. Jochen Schweizer, Hornbrille, Bart, hob eine Augenbraue. „Alle Menschen haben Ängste. Und natürlich auch ich“, sagte er. „Aber Ängste kann man überwinden.“

Heute ist Jochen Schweizer erfolgreicher Unternehmer. Er hat eine Event-Agentur gegründet und Bungee-Jumping in Deutschland populär gemacht. Er verkauft Erlebnisgutscheine, ist Motivationsredner und veranstaltet Extremsport-Events. „Wenn ich eine Chance suche, muss ich in die Unsicherheit gehen“, so Schweizer. Das gelte nicht nur für die Wirtschaft, sondern sei eine Lebenshaltung. „Ich war immer Unternehmer meines eigenen Lebens.“

Diese Lebenshaltung teilen nicht alle Menschen. Im Global Entrepreneurship Monitor rangiert Deutschland in Sachen Gründerkultur im weltweiten Vergleich auf den eher hinteren Plätzen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK sieht das Gründungsinteresse in Deutschland gar „auf einem neuen Tiefpunkt“.

Nicht alle sind Führungspersönlichkeiten

Das muss nicht schlimm sein. Die Mehrzahl der Deutschen sehen in einer Unternehmensgründung einfach derzeit keine große Chancen für sich und ihre Karriere. Der Grund dafür liegt laut DIHK-Gründerreport in der Konjunkturentwicklung: „Das nachlassende Gründungsinteresse ist Spiegelbild der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt.“ In Deutschland gebe Erwerbslosigkeit öfter als in anderen Ländern den Ausschlag zu der Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig führe der zunehmende Fachkräftemangel zu nachlassender Gründungsdynamik. Viele gut qualifizierte Personen wählen anstatt der unternehmerischen Selbstständigkeit ein gut dotiertes Angestelltenverhältnis.

Tüftler, Fachkräfte und Experten sind eben nicht immer auch Unternehmer. Ein Unternehmen gründen und managen, die Führung übernehmen, andere anleiten und das Beste aus ihnen herausholen – das ist einfach nicht allen gegeben. Viele bevorzugen einen festen  Arbeitsplatz und fühlen sich wohl in geordneten Strukturen. Das muss nicht schlecht sein, im Gegenteil: In Unternehmen können Fachkräfte genau das tun, was sie am besten können. Das Prinzip der Arbeitsteilung macht die Wirtschaft effizient und erfolgreich.  

Unternehmer sollten natürlich auch möglichst gut ausgebildet sein. Noch entscheidender über ihren Erfolg sei jedoch ihre Grundhaltung, so Jochen Schweizer. „Sie müssen mit positivem Denken an die Dinge herangehen.“ Weitere Voraussetzungen sei neben einem intelligenten Geschäftsmodell die Bereitschaft, hart zu arbeiten und nicht aufzugeben. „Nicht fürs Anfangen wird man belohnt, sondern fürs Durchhalten.“  

Dabei winken ihnen nicht nur Reichtum und Erfolg, sondern manchmal auch Ruhm, wie in der VOX-Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“. Jochen Schweizer war bis dato einer von fünf Juroren, die Entrepreneure von ihrer Geschäftsidee überzeugen müssen – live vor der Kamera. Schaffen sie das, steigen die Juroren mit eigenem Anschubkapital in das Start-up ein. Außer Jochen Schweizer sind das die bekannten Unternehmer Ralf Dümmel, Judith Williams, Frank Thelen und Carsten Maschmeyer. „Unternehmer im deutschen Fernsehen zu zeigen: Das hätte enden können wie der Versuch, Schlittschuhe in der Sahara zu verkaufen“, schrieb die Wochenzeitung Zeit.

Besser reich und sexy

Tat es aber nicht. Die Einschaltquoten stimmen, die Show geht jetzt in die vierte Staffel. Dabei ist ein Imagewandel zu spüren: Unternehmer werden sexy. Frank Thelen etwa, ein ehemaliger Skateboarder und Start-up-Entrepreneur der ersten Stunde. Er war schon in den 1990er Jahren beim ersten Internetboom dabei. Mit 18 Jahren gründete er eine Plattform zur Produktion von Multimedia-CD-ROMs. Es war das erste von einem halben Dutzend Unternehmen, manche mehr, manche weniger erfolgreich. 2012 erhielt er von Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich den „Innovate 4 Society Award“. Thelen soll über ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Euro verfügen.

Reich und sexy ist eben besser als arm und sexy. Unter diesem Motto macht sich auch die ehemals arme Bundeshauptstadt auf zu neuen Ufern. Im aktuellen Ranking der Internetbank ING-DiBa liegt Berlin bei der Wahl für einen geeigneten Gründungsstandort auf dem ersten Platz in Deutschland. „In der Hauptstadt wohnen besonders viele junge Leute, zudem ist das Ausbildungsniveau der Menschen überdurchschnittlich hoch“, so die Autoren. Hinzu kommen die höchste Beschäftigungsquote im Hochtechnologiesektor und die starke Gründerszene.

Die besten Gründer-Standorte

Laut Deutschem Start-up-Monitor 2016 ist es vor allem die digitale Wirtschaft, die derzeit boomt. Die meisten Entrepreneure sind in der Softwareentwicklung tätig, andere bieten Software-Services oder digitale Produktionstechnik an. Aber auch Ausgründungen aus den Hochschulen, etwa aus der Medizin, bieten erfolgversprechende Geschäftsmodelle. Zusätzlichen Schub geben Forschungseinrichtungen, innovative Unternehmen und eine gut vernetzte Szene. In Berlin etwa gründen sich Start-ups mit innovativen Materialien rund um das Dünnschicht-Cluster in der Wissenschaftsstadt Adlershof. Berlin erlebe gerade, dass eine hohe Innovationskraft nicht nur eine Investition in die Zukunft ist, sondern sich auch schon in der Gegenwart auszahlen kann, so die ING-Diba: 2014 und 2015 hatte die Hauptstadt durchschnittlich das höchste Wirtschaftswachstum bundesweit.

Stadtstaaten haben es in solch einem Ranking allerdings einfacher als die Flächenstaaten, relativieren die Studienautoren. Bei den Flächenstaaten liegen Bayern und Baden-Württemberg ganz weit vorn. Am weitesten hinten liegt Ostdeutschland. Innovation und Kreativität entstehen in der Regel da, wo Offenheit anderen Kulturen und Denkweisen gegenüber herrscht. Abschottung ist destruktiv. „Die viel gelobte Gründerszene des neuen High-Tech Mekkas Berlin hat eben noch nicht das ganze Land erreicht“, sagt dazu die ING-
Diba-Studie.  

Längst sind Bundesländer, Regionen und Kommunen untereinander in einen Wettbewerb um die besten Jungunternehmer getreten. Manche verweisen auf ihre gut ausgebaute Infrastruktur, andere werben mit ihren „Clustern“. Dahinter steht der Gedanke der Vernetzung: Wer bereits Ansiedlungserfolge innovativer Unternehmen einer bestimmten Branche vorweisen kann, wird attraktiver für ähnlich ausgerichtete Nachzügler. Diese profitieren dann von dem regional bereits vorhandenen Know-how, von Fachkräften, Forschungseinrichtungen oder der Nähe zu Industrieunternehmen. Um die Attraktivität zu steigern, haben sie daher ausgeklügelte Förderprogramme aufgelegt. Einen Überblick bietet das Bundeswirtschaftsministerium unter der Webadresse www.foerderdatenbank.de.

Obwohl immer mehr Wagniskapitalgesellschaften und Investoren die europäische Gründerszene ins Visier nehmen, haben es hiesige Start-ups in punkto Finanzierung immer noch ungleich schwerer als ihre Kollegen in Übersee. Während junge Unternehmen vergleichsweise leicht an Wagniskapital kommen, klafft in der weiteren Entwicklung eine Lücke. „Uns fehlt es immer noch an Wachstumskapital“, erklärte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Mitte Dezember auf der 2. Deutsch-Französischen Digitalkonferenz in Berlin. In den USA sei es sehr viel einfacher, Investitionen zu erhalten. Zum Ausgleich arbeitet die Bundesregierung gemeinsam mit der Regierung Frankreichs derzeit an einem neuen Fonds für Start-ups. Das Geld soll die digitale Wirtschaft aufpeppen, das Volumen des Fonds soll eine Milliarde Euro betragen.

Unternehmertum ist Arbeit

Derweil wird in der „Höhle der Löwen“ kräftig weiter gebrüllt: In der nächsten Staffel sind noch Ralf Dümmel, Judith Williams, Frank Thelen und Carsten Maschmeyer dabei. Jochen Schweizer ist ausgestiegen, wegen des hohen Aufwands, sagte er dem Magazin Gründerszene. Das habe vor allem mit seinem Engagement für die Start-ups zu tun, in die er investiert habe . Mit denen sei er im Übrigen „sehr zufrieden“: Hip Trips zum Beispiel schreibe dieses Jahr schwarze Zahlen. „Ich werde mein Eigenkapitalinvestment schon nach zwei Jahren wieder drin haben.“ Oder die Protein Power Shakes von Frooggies: „Die kommen super gut im Markt an.“ Dazu kommen 2017 neue Projekte seiner eigenen Firma. Wie war das noch? „Nicht fürs Anfangen wird man belohnt, sondern fürs Durchhalten.“