Ostdeutschland: Erste Gründungs- generation sucht Nachfolge

Das RKW Kompetenzzentrum steht seit über 100 Jahren dem Mittelstand mit Rat und Tat zur Seite – auch bei Fragen zu Gründung und Nachfolge.

Prof. Dr. Florian Täube Leiter des Fachbereichs Gründung beim RKW
Prof. Dr. Florian Täube Leiter des Fachbereichs Gründung beim RKW
RKW Kompetenzzentrum Beitrag

Herr Professor Täube, ein Dauerthema im Mittelstand ist die Nachfolgeregelung – wie unterstützt hier das RKW?
Das RKW hat von Anfang an die Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums „Unternehmensnachfolge – aus der Praxis für die Praxis“ unterstützt. Diese Initiative wendet sich an ausgewählte Modellprojekte – von der Handwerkskammer bis zur Hochschule, von Gründerinnenverbänden bis zu migrantischen Gründungsinitiativen – die ihre Stakeholder bei der Unternehmensnfolge beraten. An diese Multiplikatoren geben wir unser Wissen und unsere Erfahrungen weiter, etwa in Form von Netzwerkveranstaltungen, Workshops, Podcasts oder Blogs. Im Juni etwa fand an vielen Orten in der Republik und auch online der diesjährige Aktionstag Unternehmensnachfolge statt. Die hier behandelten Themen stehen beispielhaft auch für die Veranstaltungen, die übers Jahr verteilt laufen.  Die Nachfolgegründung – also die Übernahme eines bestehenden Betriebs als Alternative zur Neugründung ist insbesondere bei produzierenden Handwerksbetrieben interessant: Nachfolger:innen müssen weniger in die Ausstattung investieren, Mitarbeiter:innen und Kundenstamm sind schon vorhanden. Ein weiterer Themenblock beschäftigte sich mit der Frage, wie sich Unternehmerinnen und Unternehmer auf Nachfolgesuche mit Übernehmenden zusammenbringen lassen. Übrigens ist das Thema Nachfolge zurzeit vor allem in Ostdeutschland ein großes Thema, hier tritt gerade die erste Gründungsgeneration nach der Wende ab und sucht Nachfolgende.

Stichwort Ostdeutschland: Dort fördern Sie Gründungsökosysteme. Wie sieht das genau aus?
Wir unterstützen ein Modellvorhaben des Wirtschaftsministeriums bzw. Kanzleramts, bei dem es darum geht, den Aufbau von Gründungsökosystemen zu stärken. Über Blogs, Podcasts, virtuelle Veranstaltungen oder bei Events zum Erfahrungsaustausch vermitteln wir Gründungszentren an Universitäten zu Gründungswissen, zum Beispiel dazu, wie Kapital in strukturschwache Regionen kommt oder wie sich junge Unternehmen vernetzen können. Im Juni war Staatsminister und Ostbeauftragter Schneider zu Gast bei unserem Regionaldialog in Rostock.

Wie steht es eigentlich um die Gründerszene in Deutschland?
Das überprüfen wir jedes Jahr in unserem Global Entrepreneurship Monitor. Dabei untersuchen wir durch repräsentative Umfragen das Gründungsgeschehen im Rahmen einer weltweit vergleichenden Studie für Deutschland und untersuchen dessen Rahmenbedingungen durch Expert:innengespräche. Die Zahlen sind eine wichtige Grundlage für alle Gründungsthemen im RKW, aber auch darüber hinaus. Aus Deutschland gibt es gute Nachrichten – die Gründungsquote ist im vergangenen Jahr nach einem wahrscheinlich coronabedingten Rücklauf wieder angestiegen, und zwar auf den zweithöchsten gemessenen Wert von 6,9 %. Trotzdem ist noch Luft nach oben im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Kanada, Großbritannien oder Israel. Außerdem gründen Jüngere eher als Menschen ab 55. Und nach wie vor gibt es auch hierzulande einen Gendergap: 2021 lag die Gründungsquote bei Männern bei 8,4 Prozent, die der Frauen bei 5,3 Prozent. Andererseits geben Frauen seltener auf als Männer. Sehr interessant: Die Gründungsquote bei Migrant:innen – wir schauen hier auf Menschen, die im Ausland geboren sind – ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt der in Deutschland Geborenen, und zwar bei beiden Geschlechtern. Und es gibt auch Unterschiede zwischen den Bundesländern: Die Gründungsquote ist im Osten deutlich niedriger, zugleich herrscht größere Angst vor dem Scheitern, obwohl die eigene Gründungskompetenz als hoch eingeschätzt wird. Das mag an den als schlechter empfundenen Rahmenbedingungen wie dem Kapital- und Arbeitskräftemangel oder der schlecht ausgebauten Infrastruktur liegen.

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