Am 1. April 2026 hob die Rakete der Artemis-II-Mission ab, und mit ihr kehrte die Menschheit nach Jahrzehnten zum Mond zurück. An Bord befand sich auch innovative Technik aus Deutschland: der Kleinsatellit Tacheles des Berliner Start-ups Neurospace. Er soll elektronische Bauteile unter extremen Strahlenbedingungen testen. Für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist dies ein Zeichen technischer Exzellenz: „Deutschland ist bei der Rückkehr zum Mond ganz vorne mit dabei“, betonte DLR-Vorstand Walther Pelzer.
Für andere ist es ein Symbol des Aufbruchs in einer Zeit, die von multiplen Krisen geprägt ist: Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, explodierende Energiekosten sowie geopolitische und soziale Spannungen. Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur, warnt sogar vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit”. Während die Welt auf den Mond blickt, stellt sich die Frage, ob Deutschland auf der Erde noch mithalten kann.
SINKENDE INNOVATIONSFÄHIGKEIT
Die Suchergebnisse zu „Innovation in Deutschland“ spucken Millionen Treffer aus, doch Quantität ist nicht gleich Qualität. Der Innovationsindikator 2025 des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Unternehmensberatung von Roland Berger zeichnet ein ernüchterndes Bild: Im internationalen Vergleich fällt die Bundesrepublik zurück. Länder wie die Schweiz, Singapur oder Dänemark glänzen als hochspezialisierte Innovationsführer. Deutschland hinkt in Schlüsseltechnologien hinter den USA, China und anderen Ländern hinterher. Besonders eklatant ist das Defizit in Zukunftsfeldern wie digitaler Hardware, Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie.
Die Folgen sind bereits spürbar: Traditionelle deutsche Erfolgsbranchen wie der Maschinenbau oder die Automobilindustrie verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Der Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft stockt. Wachstumsund Technologiepotenziale bleiben ungenutzt.
INNOVATION HÄNGT VON FORSCHUNG AB
Doch es gibt auch Lichtblicke. Nicht nur in Nischen wie der Luft- und Raumfahrt entwickeln Unternehmen wie OroraTech aus München Kleinsatelliten mit Thermalkameras, die Waldbrände und militärische Aktivitäten überwachen. SuperVision Earth aus Darmstadt nutzt KI-gestützte Satellitendaten, um Infrastruktur aus dem All zu analysieren. Auch die Schwergewichte der Branche sind Innovationstreiber: Im aktuellen Ranking der innovativsten Unternehmen Deutschlands von Capital und Statista liegt Siemens ganz vorn, gefolgt von Bosch, SAP, BASF und BMW - und hunderten anderen Unternehmen. Sie sind Vorreiter in ihren Branchen und stärken mit großen Investitionen in Forschung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit die Innovationsfähigkeit des ganzen Landes.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In Erlangen entsteht in Zusammenarbeit mit NVIDIA der „weltweit erste vollständig KI-gesteuerte Produktionsstandort“. Digitale Zwillinge, Simulationen und Echtzeitdaten steigern die Effizienz von Produktion und Logistik um bis zu 15 Prozent.
Doch reichen solche Leuchtturmprojekte aus, um den Innovationsrückstand aufzuholen? Und schafft es Deutschland, vielversprechende kreative Ideen aus seinen Universitäten und Forschungsinstituten in die Wirtschaft zu übertragen?
Kritiker verweisen auf zwei zentrale Probleme: Einerseits den Perfektionismus deutscher Ingenieure, die bei der Abwägung zwischen technischer Exzellenz und Kosteneffizienz oft zugunsten der Perfektion entscheiden und so neue, kostengünstige Lösungen blockieren. Zum anderen fehlt es häufig an Kapital für junge Unternehmen, die auf den Märkten skalieren wollen. Eine häufig geäußerte Kritik ist, dass deutsche Investoren „stupid German money“ lieber in kurzfristige Spekulationen als in langfristige Innovationsfinanzierung stecken.
DEUTSCHLAND BLEIBT GRÜNDERLAND
Dabei ist Deutschland durchaus ein Gründerland: 2025 wurden 3.568 Start-ups gegründet, 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch viele dieser jungen Unternehmen drohen später von ausländischen Konzernen übernommen zu werden. Dann wandern Wissen, Geschäftsmodelle und Wertschöpfung ab. Steffen Viete, Experte für Wagniskapital bei der KfW, warnt, dass deutsche Start-ups nur dann langfristig zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen können, wenn ihre Innovationen auch nach einem Exit im Land bleiben. Doch dafür sind der deutsche und der europäische Kapitalmarkt nicht groß genug.
Was ist also zu tun? Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Für Rafael Laguna de la Vera, den Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovation SPRIND, beginnt Innovation mit Bildung: „Die Mutter aller Sprunginnovationen ist Bildung.“ Er plädiert für eine exzellente Schulausbildung und Spitzenforschung als Fundament für zukünftige Durchbrüche.
Peter Leibinger, Präsident des BDI, fordert mehr Mut zu großen Zielen: „Wir müssen uns Großes zutrauen – nur so entfacht sich Innovationsdynamik.“ Malte Kosub, Gründer des zum Einhorn aufgestiegenen Start-ups Parleo, setzt auf harte Arbeit und Ambitionen: „Wer global gewinnen will, muss Opfer bringen.“
KRISEN SIND DER BESTE INNOVATIONSMOTOR
Vielleicht liegt der Schlüssel jedoch woanders, nämlich in der Erkenntnis, dass Krisen oft der beste Innovationsmotor sind. Die Große Depression der 1930er-Jahre führte zu modernen Sozialsystemen, die unseren Wohlstand sichern. Und die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in einem Tempo vorangetrieben, das vor 2020 undenkbar gewesen wäre. Selbst die Artemis-II-Mission profitiert von vergangenen Krisen. Als die Apollo-13-Mondmission 1970 zu scheitern drohte, gelang es den NASA-Ingenieuren nur unter ungeheuren Anstrengungen, die Astronauten sicher zur Erde zurückzubringen. Ihr Credo – „Failure is not an option“ – wurde zum Leitmotiv für das Krisenmanagement weltweit.
Vielleicht wird Deutschland den erratischen und autoritären Herrschern dieser Welt eines Tages irgendwie sogar dankbar sein, dass sie den entscheidenden Anstoß gegeben haben. Denn eines ist klar: In der sich rasant verändernden Welt von heute ist Innovation keine Option mehr, sondern eine Überlebensfrage.