Wer übernimmt, wenn die Chefs gehen?

In Berlin stehen tausende Betriebe vor der Übergabe. Es geht um mehr als Eigentum: Arbeitsplätze, Wissen und gewachsene Strukturen stehen auf dem Spiel.

Dr. Christian Schuchardt, Projektleiter der Nachfolgezentrale Berlin
Dr. Christian Schuchardt, Projektleiter der Nachfolgezentrale Berlin
Nachfolgezentrale Berlin Beitrag

Herr Schuchardt, in Berlin stehen in den kommenden Jahren Tausende Unternehmen zur Übergabe an. Warum ist Unternehmensnachfolge gerade jetzt so ein drängendes Thema?

Wir erleben gerade den Wendepunkt einer ganzen Gründergeneration. Viele Betriebe, die nach der Wiedervereinigung entstanden sind, werden in den nächsten Jahren übergabereif. Bundesweit sind es jährlich rund 125.000 Unternehmen, in Berlin etwa 8.000. Dahinter stehen keine abstrakten Zahlen, sondern funktionierende Betriebe: gewachsene Kundenbeziehungen, eingespielte Teams, spezialisiertes Know-how. Wenn sich keine Nachfolge findet, verschwinden diese Strukturen – und mit ihnen Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Das ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein struktureller Verlust für die Wirtschaft. Und oft lässt sich das, was verloren geht, nicht einfach neu aufbauen.
 

Viele denken bei Gründung zuerst an Neuanfang. Warum ist die Übernahme eines bestehenden Unternehmens oft der unterschätzte Weg in die Selbstständigkeit?

Weil die öffentliche Erzählung stark auf Neugründung und Startups fokussiert ist. Dabei ist die Übernahme oft der stabilere Einstieg: Man startet mit einem funktionierenden Geschäftsmodell, bestehenden Kunden und häufig auch mit laufenden Einnahmen. Eine Neugründung braucht dagegen meist mehrere Jahre, um sich zu etablieren. Hinzu kommt: Die bisherigen Inhaber begleiten den Übergang oft und geben ihr Wissen weiter, öffnen Netzwerke und helfen bei der Einarbeitung. Natürlich bringt das auch Herausforderungen mit sich, etwa im Umgang mit bestehenden Teams oder gewachsenen Abläufen. Aber das sind lösbare Aufgaben. Insgesamt ist die Übernahme für viele kein Plan B, sondern ein strategisch klügerer Weg – nur wird er noch zu selten mitgedacht.
 

Was genau ist die Nachfolgezentrale Berlin: eher Plattform, Vermittlungsstelle, Beratung oder alles zusammen?

Im Kern ist sie alles zusammen. Wir sind die erste Anlaufstelle für Menschen, die übergeben wollen, und für diejenigen, die übernehmen möchten. Unsere Plattform bildet die Grundlage für das Matching, also das Zusammenbringen passender Profile. Gleichzeitig strukturieren wir Prozesse, geben Orientierung und binden Partner wie Kammern oder Beratungsstellen ein, wenn es etwa um rechtliche oder steuerliche Fragen geht. Wir verstehen uns dabei bewusst als neutrale Instanz im Hintergrund, die den Prozess ordnet, aber nicht vorgibt. Wichtig ist: Wir sind öffentlich getragen und verdienen an keiner Transaktion. Das schafft Vertrauen und senkt die Hemmschwelle für beide Seiten.
 

An wen richtet sich Ihr Angebot konkret?

An beide Seiten des Marktes. Zum einen an Unternehmerinnen und Unternehmer, die eine externe Nachfolge suchen. Zum anderen an Menschen, die über eine Übernahme nachdenken – etwa Fachkräfte, Rückkehrer oder Quereinsteiger mit unternehmerischem Anspruch. Zunehmend sprechen uns auch Unternehmen an, die andere Betriebe übernehmen möchten, etwa im Rahmen von Wachstumsstrategien. Zusätzlich arbeiten wir mit Intermediären wie Steuerberatern, Rechtsanwälten oder Banken, die solche mandatierten Prozesse begleiten. Unser Angebot ist für alle kostenfrei zugänglich, was gerade den ersten Schritt deutlich erleichtert.
 

Wie läuft der Prozess bei Ihnen ab – vom ersten Schritt bis zum Kennenlernen?

Der Einstieg erfolgt über eine Registrierung auf unserer Plattform www.nachfolgezentrale-berlin.de. Dort werden erste Eckdaten erfasst, etwa Branche, Größe oder Zeithorizont. Danach folgt ein persönliches Gespräch, in dem wir die Ausgangssituation genauer verstehen und einordnen. Auf dieser Basis prüfen wir, wie ein passendes Matching aussehen kann und ob vorab noch Schritte sinnvoll sind, etwa die Aufbereitung von Unterlagen, eine neutrale Unternehmensbewertung oder die Inanspruchnahme von Informations- und Beratungsleistungen. Erst wenn beide Seiten zustimmen, stellen wir den Kontakt her. So bleibt der Prozess überschaubar, gleichzeitig aber gut vorbereitet und für alle Beteiligten sicher.
 

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Nachfolge ist oft ein sensibler Prozess. Wie schaffen Sie Vertrauen?

Vertrauen entsteht bei uns auf mehreren Ebenen. Erstens durch Neutralität: Wir haben kein Provisionsinteresse und verfolgen keine wirtschaftlichen Ziele. Zweitens durch Diskretion: Unternehmensdaten sind nicht öffentlich einsehbar, Kontakte entstehen nur mit Zustimmung beider Seiten. Und drittens durch persönliche Begleitung. Bei uns gibt es feste Ansprechpartner, keine anonymen Prozesse. Gerade weil es oft um Lebenswerke geht, ist dieser menschliche Faktor entscheidend. Viele Gespräche drehen sich daher nicht nur um Zahlen, sondern auch um Erwartungen, Rollen und Verantwortung.
 

Sie sind noch ein junges Projekt. Was haben Sie seit dem Start erreicht?

Seit dem Start im September 2024 haben sich über 1.500 Nachfolgeinteressierte registriert sowie rund 440 Unternehmen. Aktuell begleiten wir etwa 150 konkrete Anbahnungen. Eine Übergabe konnte bereits realisiert werden. Wichtig ist aber: Nachfolgeprozesse dauern oft mehrere Jahre. Deshalb messen wir Erfolg nicht nur an Abschlüssen, sondern auch daran, wie viele tragfähige Kontakte entstehen und wie gut wir die Beteiligten begleiten. Entscheidend ist für uns, dass aus ersten Gesprächen belastbare Perspektiven werden und Prozesse nicht frühzeitig abbrechen.
 

Was raten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern – und Menschen, die von Selbstständigkeit träumen?

Beiden Gruppen würde ich raten: früh anfangen. Für Übergebende gilt: Nachfolge ist ein Prozess mit vielen Bausteinen. Wer zu lange wartet, verliert wertvolle Zeit für Übergabe, Wissenstransfer und Gestaltungsspielräume. Und für potenzielle Nachfolger gilt: Prüfen Sie die Übernahme als echte Option. Die Chancen sind da, die Unterstützung ist vorhanden – und dieser Weg ist oft besser kalkulierbar als eine Neugründung. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen und sich frühzeitig mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

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