»Für die deutschen Unternehmen wird es sehr ruppig«

April 2020 | Wirtschaftswoche | Risikomanagement

»Für die deutschen Unternehmen wird es sehr ruppig«

Mit der Corona-Pandemie ist ein weltwirtschaftliches Risiko aufgetreten, das niemand zuvor auf dem Plan hatte.

Illustration: Maria Corbi
Interview: Mirko Heinemann / Redaktion

Nun kommt es für Unternehmerinnen und Unternehmer darauf an, es einzugrenzen und tragfähige Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Wirtschaftsprognosen sind daher gefragt wie selten zuvor. Welche Ausmaße die Corona-Krise noch bekommen und wie sie verlaufen könnte, darüber sprachen wir mit Professor Dr. Stefan Kooths. Er leitet das Prognosezentrum am Institut für Weltwirtschaft, Universität Kiel.


Herr Kooths, am 19. März hat Ihr Institut die Frühjahrsprognose für die deutsche Wirtschaft wieder kassiert. Aus welchem Anlass?
In unserer Frühjahrsprognose eine Woche zuvor waren wir von einem Rückgang des BIP 2020 um nur 0,1 Prozent ausgegangen, worin ein Corona-Effekt von gut einem Prozent enthalten war. Damals hatten sich die massiven Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung in Deutschland durch die weltweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie noch nicht in dem ganzen Ausmaß abgezeichnet. Deshalb haben wir in einer Schnellschätzung zwei Szenarien entwickelt, wie die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr vonstatten gehen kann.

 

Mit welchem Ergebnis?
In beiden Szenarien rechnen wir für die zweite Märzhälfte mit einem Rückgang des BIP im Vergleich zum Vormonat um fast 18 Prozent. Dieses niedrige Niveau wird voraussichtlich auch im April noch weitgehend Bestand haben.

 

Was wird nach diesem Szenario ab Mai geschehen?
Sofern die derzeitige Stresssituation bis Ende April andauert und sich dann ab Mai allmählich entspannt, fällt das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 4,5 Prozent. Dies wäre ein Rückgang der Wertschöpfung um 150 Milliarden Euro.

 

Und wenn es längert dauert?
Unser zweites Szenario geht davon aus, dass die Erholung erst drei Monate später einsetzt, im August. In diesem Fall würde das deutsche BIP um 8,7 Prozent fallen.

 

Warum haben Sie ausgerechnet diese beiden Zeiträume gewählt?
Wir haben uns daran orientiert, wie die Infektionswellen und das Wirtschaftsleben in China und Südkorea verlaufen sind. Dort wurde die Pandemie allerdings mit sehr drastischen Einschnitten in das Persönlichkeitsrecht unterbunden, die hier wohl kaum zum Tragen kommen dürften. Daher haben wir entsprechend angepasste Szenarien entwickelt. Ich bitte zu beachten, dass es sich bei diesen Szenarien um Überschlagsrechnungen handelt und nicht um eine echte Prognose. Wir verweisen in punkto Belastbarkeit auf die Zahlen der am 8. April vorgelegten Gemeinschaftsdiagnose mit den übrigen Wirtschaftsforschungsinstituten. Allerdings: Mit Blick auf den tatsächlichen Durchseuchungsgrad segeln wir weiterhin im Blindflug. Das macht es extrem schwer, Dauer und Umfang der Gegenmaßnahmen abzuschätzen. Repräsentative Stichproben wären hier sehr wünschenswert, um Licht in die Dunkelziffern zu bekommen. Das würde im Übrigen auch die wirtschaftlichen Folgen mildern, denn Unsicherheit ist Gift für die konjunkturelle Entwicklung.

 

Dennoch, aus Ihren Einschätzungen wird klar: Für die Wirtschaft geht es an die Substanz. Wie schätzen Sie die Finanzrisiken der Unternehmen ein?
Für die deutschen Unternehmen wird es sehr ruppig, aber zumindest gibt es einen Lichtblick: Die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung der Unternehmen hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert. Sie liegt nun europaweit in der Spitzengruppe. Das macht die Unternehmen widerstandsfähiger. Größere Probleme dürften die kleinen Unternehmen bekommen, die ihre Eigenkapitalquoten nicht so stark ausbauen konnten. Diese sind freilich besonders zahlreich.

 

Was bedeutet das für die kleinen und mittleren Unternehmen?
Für die staatlichen Akteure ist es im Zweifel einfacher, wenige große Banken zu retten als viele kleine Unternehmen. Das ist kein quantitatives oder fiskalisches Problem, sondern liegt an der Schwierigkeit, Mittel schnell genug dorthin zu lenken, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Es stehen zwar die richtigen Finanzierungsinstrumente zur Verfügung, etwa die Programme der KfW, aber die Vergabe muss eben auch administrativ bewältigt werden, und die Zeit wird knapp. Das Problem wird aber in der Politik wahrgenommen, und daran wird gearbeitet.

 

Der Bund nimmt 156 Milliarden Euro neue Schulden auf, um die Wirtschaft zu unterstützen, Was bedeutet das für den Staatshaushalt?
Das ist nichts, was die deutschen Staatsfinanzen umhaut. Wir reden von 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist verkraftbar, denn es sind im Wesentlichen einmalige Effekte, auch wenn die öffentlichen Haushalte auch im kommenden Jahr die Krise noch spüren werden. In einer solchen Ausnahmesituation sind höhere Defizite nicht zu kritisieren. Denn genau für solche Fälle ist die Aussetzung der Schuldenbremse aus guten Gründen zugelassen. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, in guten Zeiten den Staatshaushalt zu konsolidieren. Das bedeutet aber auch: Es kann jetzt im europäischen Kontext fraglich werden, ob die Anleger allen Ländern zutrauen, das Anschwellen ihrer Staatsschulden zu schultern. Im Zuge der Anti-Corona-Programme verschlechtert sich objektiv die fiskalische Solvenz der Länder. Daher können sich die Akteure an den Kapitalmärkten jetzt zu Recht fragen, ob die Halter von Staatsanleihen die einzigen bleiben werden, die ungeschoren durch die Krise kommen.

 

Droht angesichts der Corona-Krise die Gefahr, dass wir andere weltwirtschaftliche Risiken aus dem Blick verlieren, etwa den grassierenden Protektionismus?
Bislang sehen wir nicht, dass Länder aus konjunkturellen Gründen versuchen, sich auf Kosten des Auslands einen schlanken Fuß zu machen, um Produktionseinbrüche abzufedern. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Eher ist das Gegenteil der Fall: Man versucht den internationalen Handel möglichst aufrecht zu erhalten, soweit es die Anti-Corona-Maßnahmen zulassen. Vielleicht werden wir diesem Aspekt der Krise sogar seinen positiven Lerneffekt abgewinnen. Es zeigt sich in diesen Zeiten ganz konkret, dass Importe nützlich sind – auch entgegen der falschen keynesianischen Vorstellung, derzufolge größere Importe das Bruttoinlandsprodukt verringern. Es ist nämlich genau umgekehrt: Importe helfen uns in einer arbeitsteiligen Welt, noch produktiver zu sein. Was wir kritisieren, ist, dass es innerhalb der Europäischen Union plötzlich Exportstopps für medizinische Güter gegeben hat. Das ist ein Fehler, weil es die Folgen der Pandemie weiter verschärft.

 

Solche Beschränkungen stellen den freien Binnenmarkt infrage. Erleben wir einen Rückfall in voreuropäische Muster?
Die reflexhaften Exportverbote für Medizingüter sind ja zum Glück wieder vom Tisch, aber auch die Grenzschließungen offenbaren wenig Einsicht in die Nützlichkeit des Binnenmarktes, gerade auch zur Bewältigung der aktuellen Krise. Ansonsten gilt aber, dass für die wirtschaftspolitische Reaktion jetzt durchaus die nationalen Instanzen in erster Linie gefragt sind. Allgemein gilt: Wegen der großen Unsicherheit sind jetzt Instrumente gefragt, die selbstdosierend, zielgenau und reaktionsschnell wirken. Kurzarbeit ist ein Paradebeispiel für ein solches Instrument. Zugleich müssen alle Maßnahmen aber auch in das jeweilige institutionelle Gefüge passen – etwa in die Struktur von Förderbanken. Zudem haben wir es mit einem symmetrischen Schock zu tun, der die EU-Länder ähnlich und nahezu synchron trifft, wobei das Eigeninteresse der beteiligten Länder allemal ausreicht,  das richtige zu tun. Es besteht daher kein Trittbrettfahrerproblem, bei dem sich das eine Land darauf verlässt, dass die anderen tätig werden. Sondern das länderindividuelle Interesse ist stark genug, um wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Das und der Zeitfaktor sprechen für ein stabilitätspolitisches Handeln auf nationaler Ebene. Mit einer Ausnahme: Falls ein Land zu schwach ist, um sein Bankensystem zu stützen, ist die europäische Ebene gefragt. Denn eine Bankenkrise würde kaum an den Landesgrenzen haltmachen und die Gesamtlage dramatisch verschärfen.

 

Wie wird es mittelfristig mit der Wirtschaft weitergehen?
Für die weitere Entwicklung unterscheiden wir ein V- und ein U-Szenario: Im V-Szenario lassen die dämpfenden Maßnahmen ab Mai allmählich nach, und die Corona-bedingten Produktionsausfälle klingen binnen sechs Monaten ab. Das U-Szenario sieht vor, dass die Erholung erst im August einsetzt und die Produktion in den verschiedenen Branchen erst zu Beginn des kommenden Jahres auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehrt.

 

Welches Szenario ist wahrscheinlicher?
Das U-Szenario unterstellt einen fast halbjährigen Lockdown weiter Teile des Wirtschaftslebens und geht damit an die Grenze dessen, was man sich derzeit vorstellen kann. Daher dürfte die tatsächliche Entwicklung näher am V- als am U-Szenario liegen.

 

Kann der erlittene Schaden wieder gutgemacht werden?
Aufgrund der weltweiten Belastung der Konjunktur gehen beide Szenarien von keinen nennenswerten Nachholeffekten im weiteren Jahresverlauf aus, auch wenn dafür freie Kapazitäten – vor allem in der Industrie – verfügbar wären. Die Wirtschaftspolitik kann den Schaden begrenzen und gleichmäßiger auf alle Bürger verteilen, und das tut sie auch nach Kräften, kompensieren kann sie ihn aber nicht.


Und wie könnte das nächste Jahr aussehen?
Wenn man der Sache etwas Positives abgewinnen will: Es ist ein heftiger Einschlag, aber er ist recht kurz. Wir rechnen damit, dass 2021 das BIP aufgrund der Aufholeffekte in beiden Szenarien kräftig zulegen wird. Im V-Szenario um 7,2 Prozent, im U-Szenario um 10,9 Prozent.


Können Sie auf dieser Basis so etwas wie eine Zwischenbilanz ziehen?
Die Entwicklung in diesem Jahr stellt eine krasse Ausnahmesituation dar. Die Produktionseinbußen sind im Wesentlichen der Reflex auf einen massiven Interventionsschock – wirtschaftliche Aktivität wird ja aus seuchenpolitischen Gründen bewusst staatlich eingeschränkt. Dafür gibt es in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte keine Vergleichsmuster. Der Einbruch der Börsenkurse und das Zurückfahren von Produktionsprozessen erfolgt viel rasanter als während der durch die Globale Finanzkrise ausgelösten Großen Rezession 2008/2009. Allerdings sehe ich gute Chancen, auch entsprechend rascher wieder aus dem Produktionstal herauszukommen. Aber: Die Prognoseunsicherheit bleibt extrem hoch, das muss man bei allen Szenarien leider immer dazu sagen.