In diesen Zeiten Bauflächen zu finden, deren maximale Bebaubarkeit festzustellen und dann diese umzusetzen – für Bauherren und Architekten gleicht das einer Sisyphosaufgabe. Die Münchner Brückner Architekten haben für diese Aufgabe Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt. Im Gegensatz zur traditionellen Baurechtsermittlung, bei der Architekten eine kleine Auswahl möglicher Entwürfe durchrechnen, fand die KI unter bis zu 10.000 möglichen Varianten die rechnerisch optimale Lösung – geprüft auf Lärm, Belichtung, Abstände und städtebauliche Vorgaben.
Der Clou: Für das Areal konnte eine um über 40 Prozent höhere Geschossfläche ausgewiesen werden, als es mit klassischen Planungsmethoden realistisch gewesen wäre. Stadtentwickler profitierten von der enormen Zeitersparnis und einer bislang unerreichten Planungssicherheit – ein Paradebeispiel für den Einsatz von KI bei der Nachverdichtung in Metropolen.
BAURECHT AUSSCHÖPFEN MIT KI
Genutzt haben Brückner Architekten die Software Propertymax, ein Tool, das mit der Hilfe von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz das maximale Baurecht für jedes Grundstück ermittelt.
„Wir lösen dort Gleichungen mit 30 Unbekannten, was zumindest theoretisch zu Milliarden von möglichen Lösungen führt“, erklärt Propertymax-Geschäftsführer Andreas Konle. Der zeitliche Aufwand hält sich dabei in Grenzen. Er besteht überwiegend aus der Rechenzeit, in der das Tool vollautomatisch und buchstäblich über Nacht, nämlich wenn die Büromitarbeiter keine Rechenleistung beanspruchen, nach Lösungen sucht. Das Beispiel zeigt, dass Bayern in Deutschland eine der Vorreiterregionen für digitale Bauprozesse ist und gezielt auf KI setzt, um Bauprojekte effizienter, nachhaltiger und rechtssicher zu gestalten. Künstliche Intelligenz revolutioniert die Bauplanung in Deutschland – und das spürt man auf der Baustelle inzwischen hautnah. Auch bei der energetischen Sanierung großer Wohnanlagen – etwa mit „berta & rudi“: Dabei standen Planer vor einer riesigen Aufgabe: 15 Bestandsgebäude sollten fit für die Zukunft gemacht werden – aber wie lassen sich Investitionskosten, Klimaziele und Vorschriften am besten vereinen? Statt endloser Excel-Tabellen kam „berta & rudi“ zum Einsatz.
Mit wenigen Angaben zu Baualter, Flächen, Verbrauchswerten, Nutzungsarten und Geodaten generierte das Tool binnen Minuten realitätsnahe Energiebedarfsprognosen. Die Besonderheit: Gleich mehrere Sanierungsvarianten – etwa mit Photovoltaik, Wärmepumpen, Luft-Wasser-Systemen oder Blockheizkraftwerken – wurden parallel simuliert. In die Planung eingebettet war auch die Auswertung nach Nachhaltigkeitskriterien oder Kosten über den Lebenszyklus: Am virtuellen Schieberegler konnte die Optimierung etwa wahlweise auf Investitionssummen, Betriebskosten oder CO2-Minderung zielen.
Die Software ermöglichte es, für jedes Gebäude präzise – und für das Gesamtquartier ganzheitlich – passgenaue Kombinationen zu finden. Aus Wochen mühseliger Planungsarbeit wurden so wenige Stunden, die Entscheidungsfindung für Bauherr, Verwaltung und Förderträger fiel erstmals transparent und datenbasiert.
SANIERUNG IM DENKMALSCHUTZ
In Ulm hatte ein Architekturbüro die Aufgabe, die Sanierung einer denkmalgeschützten Universitätsbibliothek zu planen. Früher hätte man Wochen für konventionelle Aufmaß-, Skizzen- und Dokumentationsarbeiten eingeplant – doch KI eröffnete neue Wege: Mit mobilen Laserscannern wurden die fünf Stockwerke in wenigen Tagen gescannt, der Datensatz war detailliert bis in kleinste Nischen.
Anschließend setzte das Team auf Aurivus, eine KI-Lösung, die Millionen Datenpunkte als Punktewolke unmittelbar zu einem digitalen Gebäudemodell (BIM) zusammenfügte. Türen, Treppen, Fenster, selbst ungewöhnliche Raumdetails wurden sicher erkannt, nach Bauteilgruppen sortiert und für die weitere Planung vollautomatisch in ein CAD-System eingelesen. Das Ergebnis: Die planerische und digitale Bestandsaufnahme, die früher locker einen Monat beanspruchte, war binnen weniger Tage abgeschlossen.
Diese Geschwindigkeit verschaffte allen Projektbeteiligten einen gigantischen Vorsprung: Schon nach der ersten Woche konnten Architektinnen und Architekten, Denkmalschutz und Bauverantwortliche gemeinsam Varianten diskutieren, Baumaßnahmen vorausschauend modellieren und Planungsfehler frühzeitig vermeiden.
KLIMAFREUNDLICH BAUEN IN BERLIN
Nicht nur Bauen im Bestand, sondern auch das Planen auf knappen Flächen profitiert inzwischen von KI. In Berlin beauftragte die Stadtverwaltung ein Planungskonsortium, für ein eng bebautes Quartier neue Nutzungsmöglichkeiten für Brachflächen und kleine Frei- oder Gewerbeflächen zu entwickeln. Die größte Herausforderung: das optimale Verhältnis von Nachverdichtung, Wohnraum, Freiraum und Klimaanpassung herauszufinden – und zwar schnell und verlässlich. Hier kam „Syte“ ins Spiel – ein KI-basiertes Analyse- und Empfehlungssystem. Es wertete sowohl aktuelle Bebauungspläne, Luftbilder als auch zahlreiche urbane Parameter aus und schlug innerhalb von wenigen Stunden verschiedene Nutzungsszenarien vor. Das Tool identifizierte, welche Areale etwa als Grün- und Wasserfläche belassen werden sollten, welche sich für Wohnbebauung oder Büros eignen und wo mit intelligenter Verdichtung maßvoll nachverdichtet werden kann.
Bemerkenswert: Nicht nur Flächeneffizienz, sondern auch Aspekte wie Windverhältnisse, Verschattung oder Hitzerisiken wurden datenbasiert bewertet und in die Vorschläge übernommen. So gelang es, die komplexen Anforderungen aller Beteiligten auf digitalem Weg auszubalancieren und für die kommunale Grundstücksvergabe ausgefeilte, objektive Vorschläge zu liefern. Das verstärkte die Akzeptanz bei Bürgerschaft, Verwaltung und Investoren erheblich und erleichterte politische Entscheidungsprozesse.
KI ALS TÄGLICHES WERKZEUG
Diese Praxisbeispiele stehen für eine großflächige Transformation im Bauwesen. Das Bauwesen erlebt einen Innovationsschub, wie ihn die Branche seit der Einführung von CAD nicht mehr gesehen hat. Zentrale Erfolgsfaktoren sind die konsequente Digitalisierung, Offenheit für neue Methoden und die Förderung von interdisziplinärer Zusammenarbeit. Ob große Sanierungsprojekte, anspruchsvolle Aufmaße oder urbane Nachverdichtung und Klimaanpassung: Die Beispiele zeigen, dass es sich lohnt, in KI-gestützte Planungstools zu investieren.