Dass ausgerechnet ein Konzern der Digitalwirtschaft seine Angestellten wieder häufiger aus dem Homeoffice in das Büro zurückholen wollte, sorgte vielerorts für Erstaunen. Anfang 2025 ist es passiert und sogar Teil einer Betriebsvereinbarung: SAP, das global tätige Unternehmen aus Walldorf in Baden-Württemberg, Vorreiter der Philosophie des flexiblen und mobilen Arbeitens, hat seine Regeln zum Homeoffice deutlich verschärft. Die 25.000 Mitarbeitenden in Deutschland müssen nun an mindestens drei Tagen in der Woche im Büro (oder auf Terminen) sein, zwei Tage Homeoffice sind erlaubt. Ausnahmeregelungen bleiben möglich: Pflegt ein Beschäftigter einen Angehörigen oder hat einen besonders weiten Arbeitsweg, kann die Regel gelockert werden.
SAP ist keine Ausnahme. Viele Unternehmen holen ihre Beschäftigten zurück in die Büros. Meistens, weil sie bemerkt haben, dass durch persönliche Begegnungen Dinge passieren, die im Homeoffice so nicht möglich sind. Persönliche Treffen in virtuelle Räume auszulagern und dann zu hoffen, dass dort ähnlicher Teamgeist entsteht, dass dort ähnlich inspirierende Gespräche möglich sind, dass dort ähnlich spektakuläre Innovationen entstehen, hat sich als nicht zutreffend erwiesen. Deshalb sollen die seit Pandemiezeiten teils sehr flexiblen Arbeitsregelungen wieder verbindlicher werden. In der Regel ist die Handhabung weniger restriktiv als in früheren Zeiten: eine wohl dosierte Anwesenheitspflicht, um mehr persönliche Treffen zu ermöglichen.
Der Trend ist global. Weltweit glauben Firmen, dass die persönliche Zusammenarbeit im Büro schneller, reibungsloser und kreativer ist als die Remote-Kommunikation, will der US-amerikanische Founder Report herausgefunden haben. Viele Arbeitgeber seien überzeugt, dass sich Leistung, Reaktionsgeschwindigkeit und Verbindlichkeit besser sicherstellen lassen, wenn Teams vor Ort sind. Dazu kommt: Persönliche Begegnungen schaffen Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für erfolgreiche Kooperationen und Zusammenarbeit. So sagt es sinngemäß Sabine Remdisch, Professorin für Personal- und Organisationspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie forscht zum Thema Digital Leadership und hat sich viel mit globalen Unternehmensstrukturen beschäftigt. Sie weiß um die Vorteile von flexiblen und mobilen Arbeitsmodellen, kennt aber auch deren Nachteile. Als große Herausforderung sieht sie vor allem das Anlernen neuer Mitarbeitender über die Distanz. Besonders hier sei der schnelle Aufbau von Vertrauen essenziell. Effektiv seien regelmäßige Face-to-Face-Meetings. „Diese persönlichen Treffen, bei denen man sich sprichwörtlich in die Augen schaut, sind äußerst wertvoll. Sie helfen nicht nur, die Distanz abzubauen, sondern fördern auch den Vertrauensaufbau.“
Das sieht SAP-Chef Christian Klein ähnlich. Für das Onboarding neuer Mitarbeitender brauche es Kolleginnen und Kollegen im Büro; es funktioniere nicht, wenn „niemand in den Büros arbeitet“, sagte er Bloomberg News. „Ich glaube nicht daran, dass man es über eine Videokonferenz-Plattform schafft, unsere Unternehmenskultur zu verstehen. Oder dass man derart angelernt werden kann, dass man seinen Job bestmöglich ausüben kann.“ Zudem sei der Austausch im Büro für die Karriere förderlich, so Klein, weil die Feedback- und Leistungskultur im Unternehmen eine klarere Beobachtbarkeit der Leistung erfordere. Das entscheidende Argument aber betrifft die Innovationskraft des Unternehmens: Persönliche Zusammenarbeit sei notwendig, um neue Ideen zu generieren und den Wettbewerbsvorteil von SAP zu sichern.
Auch Vodafone setzt wieder auf mehr Präsenz im Büro. Der Belegschaft wurde angekündigt, dass künftig zwei Tage im Büro pro Woche zur Pflicht werden könnten. Wo bisher das sogenannte „Full Flex“-Modell galt, was bedeutete, dass Beschäftigte sich frei aussuchen konnten, von wo aus sie ihre Arbeit erledigen, soll es bald eine verpflichtende Regelung zu einer festen Anzahl von Bürotagen geben, erklärte Vodafone Chef Marcel de Groot dem Handelsblatt, das Miteinander stärke „nicht nur Zufriedenheit und Produktivität, sondern auch das Zugehörigkeitsgefühl – innerhalb der Teams und zum Arbeitgeber.“
Auch persönliche Treffen auf Messen, Kongressen und in Meetings liegen nach der Pandemie wieder deutlich stärker im Trend. Die Besuchszahlen in Kongress- und Messezentren liegen zwar teils noch unter 2019, aber deutlich über 2022 und mit höherem Anteil an wirklichen Entscheidern – Präsenz wird gezielter für „hochwertige“ Kontakte genutzt, erklärt die Standortanalyse-Plattform Placer. Globale Geschäftsreisebudgets steigen wieder und sollen im ausgehenden Jahr das Vorkrisenniveau übertreffen, prognostiziert die Global Business Travel Association. Ein wesentlicher Treiber sei die Rückkehr zu Präsenzmeetings und Events. Branchenverbände beziffern den durch Messen generierten jährlichen Geschäftsumsatz weltweit auf mehrere hundert Milliarden Euro, inklusive starker Effekte auf lokale Wertschöpfung über Tourismus, Dienstleistungen und Jobs vor Ort. Und laut einer Erhebung der Hotelgruppe Accor unter 9.000 Fach- und Führungskräften sollen Unternehmen im Schnitt mit rund einem Drittel höherem Umsatzpotenzial rechnen, wenn alle wichtigen Meetings persönlich stattfinden könnten.
Das Eigeninteresse bei so manchen dieser Zahlenwerke ist nicht zu übersehen. Dabei liegen die ökonomischen Wertschöpfungseffekte auf der Hand: Natürlich sind sie größer, wenn Menschen persönlich in Verkehrsmittel steigen, Unterkünfte buchen und Geschäftsessen in Restaurants organisieren, anstatt zu Hause zu sitzen. Ob die Investition in Zeit und Geld sich auszahlt? Fraglos sind, neben den ökonomischen, die psychologischen Effekte von persönlichen Begegnungen nicht zu unterschätzen: Menschen sind soziale Wesen und brauchen Nähe.
Nur in Beziehungen und in der direkten Interaktion wird Bindung gestiftet, erhalten und die subjektive Lebenszufriedenheit erhöht, so die Soziologin Romy Simon an der TU Dresden. Zufriedenheit? Daran sollten alle Akteure in der Wirtschaft interessiert sein.