Herr Dr. Werkmeister, Herr Thum, Sie drängen auf eine Reform der Ausbildung in den Therapieberufen. Um welche Berufe geht es da?
Werkmeister: Es geht im Wesentlichen um die Physiotherapie, die Ergotherapie und die Logopädie, Berufe mit je ca. 23.000, ca. 10.000 und ca. 4.000 Auszubildenden pro Jahr. Diese Berufe sind essenziell für unser Gesundheitssystem. In allen drei Bereichen herrscht Fachkräftemangel – allein für die Physiotherapie geht man aktuell von einer Fachkräftelücke von rund 12.000 Therapeut*innen aus. Durch den demographischen Wandel wird sich diese Situation weiter verschärfen.
Wo erfolgt die Ausbildung in diesen Berufen und warum ist eine Reform so wichtig?
Thum: Die Ausbildung in diesen Berufen erfolgt primär an Berufsfachschulen, mit Praxisanteilen in unterschiedlichen Einrichtungen. Die Berufsgesetze sind veraltet, es braucht dringend einen zeitgemäßeren Rahmen für die Ausbildung. Es gibt zudem riesige Unterschiede, was den finanziellen Rahmen der Ausbildung angeht – das sorgt für große Ungerechtigkeit, für mangelnde Attraktivität und zunehmend auch für strukturelle, problematische Veränderungen im Bereich der Ausbildungsressourcen.
Was meinen Sie damit konkret?
Thum: Wir haben aktuell in diesen Ausbildungsgängen drei „Klassen“ von Auszubildenden: Manche erhalten eine Ausbildungsvergütung und müssen kein Schulgeld aufbringen, einige erhalten zwar keine Ausbildungsvergütung, müssen aber immerhin kein Schulgeld zahlen; andere jedoch – und das sind weiterhin sehr viele – erhalten keine Vergütung und werden mit Schulgebühren belastet.
Woran liegt das?
Werkmeister: Die Schulgebühren sind vor allem Folgen einer Unterfinanzierung durch die Bundesländer. Es gibt daneben, quasi parallel zu der Schulfinanzierung der öffentlichen Hand, eine Finanzierung von Ausbildungseinrichtungen an Krankenhäusern über das Krankenhausfinanzierungsgesetz. An diesen Schulen gibt es seit 2019 eine Ausbildungsvergütung – was eigentlich erfreulich ist, allerdings wurde sie nie auf andere Schulen ausgeweitet. Dadurch erleben wir seitdem diese ungleichen Rahmenbedingungen für Auszubildende, aber auch für unterschiedliche Schulträger.
Wie fällt diese Ungleichheit in der Praxis aus?
Thum: Benachteiligte Schüler*innen leiden unter den zurecht als unfair wahrgenommenen Ungleichbehandlungen. Wir erleben zudem teilweise irre Vorgänge: Unter dem gegenwärtigen System hat die öffentliche Hand die Möglichkeit, Kosten zu sparen und diese auf die Kassenfinanzierung über das KHG zu verlagern. Es gibt Bundesländer, die eine komplette Verlagerung der Schulfinanzierung in den Bereich des KHG angestrebt haben, um damit Kosten zu sparen und sich noch mit einer „flächendeckenden Ausbildungsvergütung“ brüsten zu können, für die sie selbst nicht aufkommen müssen. Es gibt Krankenhausträger, die ihre Wettbewerbsvorteile dafür nutzen, komplette Belegschaften von bestehenden Schulträgern abzuwerben…
Und was sind die Folgen?
Werkmeister: Grundsätzlich leidet die Attraktivität der Ausbildung unter der Unterfinanzierung. Es vollzieht sich zudem unter den aktuellen Bedingungen eine tendenzielle Verlagerung von Ausbildungsressourcen an Krankenhäuser, der Pluralismus der Ausbildungsträger wird begrenzt. Freie Schulen außerhalb von Krankenhäusern sind häufig eher in der Fläche aktiv und pflegen Praxiskooperationen mit einer Vielzahl von Trägern der praktischen Ausbildung. Entsprechend der Heterogenität der späteren Arbeitsfelder sind das z. B. ambulante Praxen, Rehabilitationskliniken, Kindertagesstätten, Schulen, Pflegeheime und Werkstätten für behinderte Menschen. Die meisten Angehörigen der Berufsgruppen arbeiten nicht in Krankenhäusern. Durch die Verlagerung der Ausbildungsstätten in Richtung der Krankenhäuser werden jedoch andere Praxisträger vom Ausbildungssystem abgekoppelt und finden keinen Nachwuchs mehr. Viele freie Bildungsträger geben angesichts der ungleichen Konkurrenz ihre Schulen auf. Diese kommen nicht mehr wieder, auch nicht die dort etablierten Kooperationsbeziehungen zu den Praxisträgern. Dramatische Folgen für die Versorgung drohen.
Wie stehen die Zeichen für eine Reform?
Thum: Die Politik muss liefern. Ohne zügige, vernünftige Reformen fliegt uns das um die Ohren. Um den steigenden Fachkräftebedarf in der Versorgungspraxis zu decken, braucht es ein breites Netz aus Schulen und vielfältigen Trägern der praktischen Ausbildung, dazu attraktive Ausbildungsbedingungen. Nach mehr als 25 Jahren Stagnation braucht es dringend eine Modernisierung der Ausbildungs- und Berufsgesetze, auch weil die Versorgungssituation in Deutschland zunehmend unter Druck gerät.
Die Politik ist gefordert, Maßnahmen gegen den zunehmenden Fachkräftemangel zu ergreifen. Dazu gehören Ausbildungsinitiativen, bessere Vergütungsbedingungen sowie Strategien zur Integration internationaler Fachkräfte. Die Bestrebungen zur Teilakademisierung sollten vorangetrieben werden. Ziel muss es sein, die Berufsbilder auf Qualifikationsniveau EQR/DQR 6 zu heben. Bei der Ausbildung der Erzieher*innen ist dies z. B. gelungen.
Wie sieht die Lösung bei der Finanzierung aus?
Werkmeister: Wir brauchen das
Rad nicht neu zu erfinden: Es muss eine verbindliche bundeseinheitliche Finanzierungssystematik geschaffen werden, die alle wesentlichen Stakeholder berücksichtigt und gute Rahmenbedingungen setzt. Dazu gehören insbesondere eine angemessene Schulfinanzierung, eine allgemeine Schulgeldfreiheit sowie eine flächendeckende Ausbildungsvergütung. Orientieren könnte man sich dabei an dem Fondsmodell aus der Pflege.
VERBAND GEMEINNÜTZIGER BILDUNGSEINRICHTUNGEN IM GESUNDHEITS- UND SOZIALWESEN E.V. (GEBEGS)
GeBEGS vertritt die Interessen von aktuell ca. 180 beruflichen Schulen und Instituten für Fortund Weiterbildung im Gesundheits- und Sozialwesen und hat Mitglieder im gesamten Bundesgebiet. Die Ziele von GeBEGS sind es, Menschen für eine Aus-, Fort- oder Weiterbildung und Tätigkeit in Gesundheits- und Sozialberufen zu gewinnen, das gesellschaftliche Ansehen dieser Berufe zu erhöhen, die Bildungsqualität weiterzuentwickeln sowie die Aus-, Fort- und Weiterbildung in den genannten Berufsfeldern an gesellschaftliche Erfordernisse anzupassen und die Berufsfeldentwicklung voranzutreiben.
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