Die kulturelle Dimension

Freiheit, Sicherheit und Wohlstand verdanken wir sozialen Errungenschaften. Selbstverständlich sind sie nicht.

Illustration: Malcolm Fisher
Illustration: Malcolm Fisher
Axel Novak Redaktion

Innovation, Flexibilität oder Resilienz – wer mit solchen Schlagworten wirtschaftliches und soziales Geschehen beschreibt, vergisst oft den Hintergrund für eine innovative, flexible und resiliente Gesellschaft. Unser Wohlstand und unsere Freiheit ist das Verdienst vieler Generationen vor uns. Sie haben dafür gesorgt, dass wir heute in Sicherheit aufwachsen, dass wir nicht in Armut versinken und dass wir Perspektiven haben und für andere entwickeln können. Sie sind Grundlage dafür, dass wir auch künftig neue gesellschaftliche Probleme gemeinsam lösen. Gleichzeitig werden dieser Grundlagen mittlerweile als so genannte Soziale Innovationen Teil von Geschäftsmodellen, die die Lebensumstände von Menschen dauerhaft verbessern wollen.

Sozialversicherung

Eine Sozialversicherung ist die grundlegendste Absicherung von Lebensrisiken: Wer seinen Job verliert, landet bei uns nicht zwangsläufig auf der Straße. Wer krank wird, erhält unabhängig von den eigenen Ressourcen ärztliche Hilfe und ist im Alter abgesichert. Das führt dazu, dass viele Menschen in Tätigkeiten aufgehen können, die nichts mit reinem Erwerb zu tun haben.

Gleichberechtigung

Wer es als selbstverständlich betrachtet, dass Geschlechter gleiche Rechte haben, vergisst den langen Kampf um die Gleichstellung. Bis vor kurzem noch waren beispielsweise Frauen in der Bundesrepublik starker sozialer Kontrolle oder der Autorität ihres Mannes unterworfen. Freie Ausbildungs- und Berufswahl, finanzielle und soziale Unabhängigkeit haben sich erst seit wenigen Jahrzehnten in Deutschland durchgesetzt. Sie sind wichtige Antreiber für die Gesellschaft geworden – nicht zuletzt als gigantischer Innovationsschub in der Wirtschaft.

Freiheit der Meinung und Information

Meinungs- und Informationsfreiheit sind wesentliche Merkmale einer funktionierenden Demokratie. Und sie sind das Fundament einer Gesellschaft, in der jeder seine Meinung frei äußern kann und uneingeschränkt Zugang zu Informationen erhält. Die Meinungs- und Informationsfreiheit haben die westlichen Gesellschaften erst nach langen Kämpfen errungen und so den Grundstein für unseren Wohlstand gelegt. Noch heute glauben allerdings einige Menschen, autoritäre Regimes handelten besser und schneller. Sie irren.

Genossenschaften

Diese Formen der sozialen Organisation sind uralt. Im Mittelalter entstanden erste Genossenschaften mit festen Strukturen, die bestimmte Arbeiten gemeinschaftlich erledigen wollten und den Zugang zu Ressourcen möglichst für alle offen halten. Nach der Industrialisierung sorgten Genossenschaften dafür, dass Landwirte Kredit aufnehmen konnten und dass Menschen eine Wohnung fanden. Die Idee, dass sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam Maschinen oder andere Projekte  zu finanzieren, die für den Einzelnen zu teuer sind, ist heute so aktuell wie damals. Ob es um Wohnraum geht, um die Bewirtschaftung von Flächen oder die Kindererziehung und Altenpflege – gemeinsam sind wir meist stärker als allein.

Zuwanderung

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu: Der Spruch gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Gesellschaften. Sie sind konstanten Veränderungen unterworfen, auch durch den kontinuierlichen Austausch mit den benachbarten Gesellschaften. Zuwanderung steht daher nur dann im Gegensatz zur Nation, wenn man eine Nation als unveränderlich begreift. Für Innovation, Fortschritt und die Reaktion auf neue Situationen ist Zuwanderung wichtig. Heute wird sie gern allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen. Dabei hat Zuwanderung auch entscheidende soziale und kulturelle Dimensionen. Abgeschottete Gesellschaften entwickeln sich nicht weiter, sondern verkümmern oder sterben einfach aus.  

Umwelt- und Klimaschutz

In der Nachkriegszeit kam Deutschland durch das Wirtschaftswunder wieder auf die Beine. Aber nach und nach erkannte man, welche negativen Auswirkungen die Industrie auf Ökosysteme und die Gesundheit der Menschen hatte. Das begann mit der Erkenntnis, dass Wachstum Grenzen hat, und führte in Deutschland über den Kampf gegen sauren Regen und Atomkraft zur heutigen Politik für mehr Nachhaltigkeit. Das immer stärker werdende Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz hat die Gesellschaft fundamental verändert und gleichzeitig der Wirtschaft einen ungeheuren Anschub gegeben.

Urbane Lebensqualität

Deshalb steht auch ein Thema wie das Urban Gardening erst am Anfang eines langen Prozesses. Die Mehrheit der Menschheit lebt heute in der Stadt. Erst haben wir der Natur die Städte abgetrotzt, nun geht der Trend zurück zur Natur. Zu Recht. Denn mehr Pflanzen und mehr Grün in der Stadt sind nicht nur gut für das Klima. Weil die urbanen Zentren immer stärker verdichtet werden, schaffen die natürlichen Kreisläufe durch städtisches Gärtnern eine höhere Lebensqualität.

Sharing Economy

Teilen ist mehr als der Abschied von Eigentum und gewohnten Selbstverständlichkeiten. Wer Dinge nicht mehr nur besitzen will, der kann sie anderen zur Verfügung stellen, um Ressourcen und Platz zu sparen. Die Sharing-Idee gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. In den vergangenen Jahren ist das Teilen wieder ins Bewusstsein gerückt, um begrenzte Ressourcen besser zu nutzen. Heute beseelt das Sharing Initiativen, um Werkzeug, Autos, Wohnungen und andere Gegenstände zu teilen. Allerdings ist das Konzept längst nicht zu Ende geführt. Noch ist nicht erwiesen, ob die gegenwärtigen Sharing-Initiativen Güter besser nutzen oder nur bestehendes Eigentum durch eine vermeintlich soziale Komponente ergänzen.

Grundrente oder Bedingungsloses Grundeinkommen

Weitreichender sind die Überlegungen für eine Grundrente oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. Hintergrund ist die Idee, dass unser angehäufte Wohlstand durchaus besser verteilt werden kann. Dadurch wird das Einkommen vom Erwerb durch Arbeit abgekoppelt. Solch ein Konzept könnte die gesamte Gesellschaft tiefgreifend verändern. Ob es sich durchsetzt, ist natürlich fraglich. Unumstritten ist, dass viele der Errungenschaften, von denen wir heute profitieren, zu Beginn undenkbar erschienen.

 

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