Wir reden jetzt nicht vom Dauerstau auf deutschen Straßen. Nicht vom Benzin, nicht von Feinstaub, CO2, nicht vom Motorlärm und nicht von der grünen Transformation der Mobilität. Sie wird eh kommen, daran gibt es kein Rütteln.
Hier geht es um das pure Fahren. Um die Lust darauf, ein Fahrzeug zu lenken. Es zu beschleunigen und zu bremsen. Schneller oder langsamer zu fahren. Es geht um die Möglichkeit, in jeder Sekunde neu darüber entscheiden zu können, wohin die Reise geht. Die Beschleunigungs- und die Fliehkräfte zu spüren. Sich mit dem Bock tief in die Kurve zu legen, das Adrenalin zu spüren. Aus der Kurve zu beschleunigen. Die Kraft unter sich zu fühlen, gleich ob es die eines Verbrenners oder eines E-Motors ist. Fahrer, Fahrerin zu sein – das Gefühl ist einfach unvergleichlich.
Nichts gegen eine effiziente Bahn, nichts gegen autonomes Fahren, nichts gegen eine bequeme Mobilität. Aber Fahren ist mehr als Fortbewegung. Es ist ein kleines Stück Selbstbehauptung in einer zunehmend regulierten Welt. Zwischen Start und Ziel liegt etwas, das kein Fahrplan kennt: die Autonomie, jederzeit abzubiegen, anzuhalten, die Richtung zu ändern.
Und es ist auch ein Gefühl: Teil der grandiosen Schöpfung zu sein und sie zugleich zu erfahren, im wörtlichen Sinn. Woher kommt denn die Nostalgie, wenn man in alten Filmen kleine Autos sieht, wie sie sich enge Serpentinen hochschrauben, um Alpenpässe zu überqueren? Ja, irgendwo dahinter liegt das Meer. Aber hier geht es doch nicht ums Ankommen!
In Zeiten, in denen Mobilität immer stärker politisiert wird – zwischen Klimazielen, Verkehrswenden und Verbotsdiskursen – wirkt der Wunsch nach individueller Fortbewegung fast schon revanchistisch. Doch gerade diese Art des Reisens, Spürens und Steuerns verbindet den Menschen mit der Welt auf unmittelbare Weise. Asphalt, Wind, Drehmoment – sie übersetzen Freiheit in Körpererfahrung.
Natürlich braucht das Fahren Verantwortung: Rücksicht, Effizienz, Technikbewusstsein. Aber Verantwortung heißt nicht Verzicht. Das Auto, das Motorrad, der E-Scooter, das Fahrrad – sie sind keine Symbole von Egoismus, sondern Werkzeuge einer Gesellschaft, die sich nur dann entfalten kann, wenn sie Vielfalt zulässt. Mobilität ist kein Privileg, sondern ein Stück gelebter Demokratie – jeder fährt anders, niemand gleich.
Vielleicht kann Fahren heute auch als stiller Protest gegen die Entfremdung verstanden werden. Gegen Algorithmen, die die Route bestimmen, gegen Systeme, die uns vorschreiben, wann wir uns bewegen sollen. Wer selbst lenkt, behält den Takt des Lebens in der Hand. Das Brummen eines Motors, der leicht sirrende Anschub einer E-Maschine – sie erzählen dieselbe Geschichte: die vom Menschen, der sich seinen Raum sucht und sich den Luxus gönnt, Zeit in Bewegung zu verwandeln. Fahren ist Bewegung, Kontrolle als Kulturtechnik, Fortkommen als Gefühl. Fahren ist Leben, und wer nicht mit Leidenschaft fährt, hat nicht leidenschaftlich gelebt.
Illustrationen: Daria Domnikova