Wenn Forschung auf Industrie trifft

Gigafactories, KI-Cluster, Fachkräfte und Kunden – so finden Unternehmen, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten, den richtigen Standort.

Illustration: Lena Neuner
Illustration: Lena Neuner
Axel Novak Redaktion

Ob Impossible Cloud aus Hamburg oder Blue Swan aus Bayern – Deutschlands KI-Unternehmer können bei der Wahl ihres Standorts auch poetisch sein. Die beiden Unternehmen gehören zu den Bewerbern für eine der sieben geplanten europäischen KI-Gigafactories. Neben ihnen haben sich auch die Deutsche Telekom, Schwarz Digits und der Cloud-Anbieter Ionos beworben. Dahinter steckt jedoch mehr als der Run auf die Milliardenförderung. Eine Gigafactory ist aktive Standortpolitik, denn sie zieht Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Investoren und Fachkräfte an und schafft regelrechte Wirtschaftscluster.

Für Unternehmen, die im Bereich KI tätig sein wollen und einen neuen Standort suchen, könnte ein solches Cluster entscheidend sein.

Doch eine solche Gigafactory ist nur ein Kriterium bei der Wahl des richtigen Standorts. Ein anderes ist die Nähe zu Fachkräften. KI-Unternehmen gehen häufig dorthin, wo wissenschaftliche Kompetenz und ein entsprechender Talentpool vorhanden sind. Städte wie München, Aachen, Karlsruhe oder Berlin bieten exzellenten Zugang zu Fachkräften und Forschungsnetzwerken. Auch die Fraunhofer-Institute und die regionalen Forschungsverbünde spielen eine wichtige Rolle. An manchen Standorten sind attraktive Ökosysteme entstanden. Silicon Saxony etwa verbindet Forschung und Industrie im Bereich der Chipindustrie und mit der Informations- und Kommunikationstechnik. Die Rhein-Ruhr-Region wiederum profitiert von 22 Hochschulen und einer der höchsten Dichten an Forschungseinrichtungen in Europa.

Doch auch andere Faktoren beeinflussen die Standortwahl. Berlin punktet mit einer etablierten Start-up-Kultur und zieht Talente aus der ganzen Welt. In vielen Tech-Teams ist Englisch Alltag, was beim Aufbau internationaler Teams hilft. Außerdem sind in Berlin viele Investoren präsent – und natürlich ist auch die Nähe zur Politik von Vorteil. München verbindet Forschung mit einer starken industriellen Basis. Unternehmen wie Siemens und BMW oder viele Mittelständler sind auch im Bereich KI aktiv und entsprechende Kunden.

In Frankfurt wiederum gibt die Finanzwirtschaft den Takt vor, denn hier sitzen Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank und die Europäische Zentralbank. Für KI-Unternehmen aus den Bereichen Finanzdienstleistungen, Betrugserkennung oder Risikomanagement ist die Nähe zu Kunden und Regulierungsbehörden wichtig. Hinzu kommt mit dem DE-CIX einer der weltweit bedeutendsten Internetknoten. Hamburg wiederum profitiert von Hafen, Handel und Logistik – Hapag-Lloyd, Airbus, Otto und Beiersdorf sind hier. Dadurch wird die Stadt für KI-Anwendungen rund um Lieferketten, Frachtoptimierung oder vorausschauende Wartung interessant. Spezieller ist die Situation im Südwesten. Die Region um Stuttgart ist nicht nur ein wichtiges Zentrum für die Autoindustrie, sondern hier sind auch KI- und Robotikforschung stark. Das regionale Cyber Valley erstreckt sich bis nach Tübingen. 

Dass dieses Neckarstädtchen auch die Heimat des Dichters Friedrich Hölderlins ist, dürfte jedoch bei der Standortentscheidung für viele Unternehmen kaum eine Rolle spielen. Die Poesie der deutschen KI-Szene hat ihre Grenzen. 
 

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