Die Kunst der Kreativität

Deutschland muss seine Innovationskraft wiederentdecken. Doch was brauchen Menschen und Organisationen eigentlich, um Neues zu entwickeln? Und: Ist die KI dabei hilfreich?

Illustration: Lena Neuner
Illustration: Lena Neuner
Julia Thiem Redaktion

Die KI ist kreativer als der Durchschnittsmensch. Zu diesem Ergebnis kam im Januar 2026 ein interdisziplinäres Forschungsteam um den Informatiker Yoshua Bengio von der Universität Montreal. Die Wissenschaftler hatten die Kreativität mehrerer großer Sprachmodelle erstmals systematisch mit der von Menschen verglichen und viele der Modelle schnitten erstaunlich gut ab. Dennoch bleibe die höchste Kreativitätsebene klar menschlich, sagen die Forscher. Denn die kreativsten 50 Prozent der Studienteilnehmer lagen im Durchschnitt über allen getesteten KI-Systemen – und bei den kreativsten zehn Prozent war der Abstand zu den Maschinen noch mal deutlich größer. 

Bereits wenige Monate später, nämlich im April, kam eine Forschungsgruppe der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina zu einem ähnlichen Ergebnis. Dort heißt es zusätzlich: KI-Modelle seien als Gruppe weniger kreativ als viele Menschen. Während zwar einzelne LLMs einzelne Individuen in Bezug auf ihre Kreativität überflügeln können, sei die Gesamtheit der KI-generierten Antworten einander viel ähnlicher gewesen als jene der Menschen.

An beiden Studien zeigt sich das Dilemma mit der Kreativität und den idealerweise daraus folgenden Innovationen deutlich: Beide entstehen nicht auf Knopfdruck. Niemand – nicht einmal die KI – kann sie auf Kommando produzieren. Und dann auert sie manchmal auch länger, als es für einen Produktions- oder Wirtschaftszyklus vielleicht wünschenswert wäre. 

Gerade die Studie der Duke University unterstreicht: Immer gleiche oder ähnliche Antworten und Lösungen sind nicht kreativ, erzeugen keine Innovationen. Es ist das Andere, das Neues entstehen lässt. Und genau dafür braucht es die zwei konträren Denkansätze, die Kreativität letztendlich ausmachen, nämlich divergentes und konvergentes Denken. Kreativität ist einerseits die Freiheit, viele verschiedene Ideen sammeln und Ansätze ausprobieren zu können. Dann allerdings gilt es, zu konvergieren, also die besten Ideen logisch auszuwählen und so zusammenzuführen, dass am Ende etwas Innovatives entsteht. Kreativität erfordert also eine empfindliche Balance aus persönlicher Freiheit, Raum für Entwicklung, Experimente und ja, auch für Fehler. Andererseits müssen diese neuen Ansätze dann auch in konkrete Lösungen und/oder Produkte übersetzt werden, was wiederum klare Strukturen, Prozesse und Verantwortlichkeiten erfordert. Denn die Historie ist voll von kreativen Menschen, die getüftelt und entwickelt haben, deren innovative Ideen dann aber von anderen an den Markt gebracht wurden, die dann nicht nur die Lorbeeren, sondern vor allem auch den wirtschaftlichen Erfolg für sich verbuchen konnten. 

Unternehmen, die Kreativität und Innovationsfähigkeit fördern wollen, müssen also den Spagat zwischen Freiheit und Struktur schaffen. Und sie müssen wissen, wofür sie es machen. Denn letztendlich geht es bei Kreativität auch immer darum, etwas Bestehendes zu verbessern oder ganz neue Ansätze und Lösungen für ein bestehendes Problem zu finden. Für beides muss man seine Kunden sehr genau kennen.
 

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