Ende der Verschwendung

In einer idealen Welt fallen keine Abfälle mehr an. Alles bekommt ein zweites, drittes oder gar viertes Leben – bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Illustration: Marcela Bustamante
Illustration: Marcela Bustamante
Julia Thiem Redaktion

Biomüll, Restmüll, Papiermüll, Altglas, Altkleider, gelber Sack, Sperrmüll, Pfandsystem – international nennt man uns Deutsche die Mülltrennweltmeister. Und tatsächlich ist es uns gelungen, unseren Restmüll auf diese Art innerhalb der letzten 35 Jahre zu halbieren. Wobei das nach wie vor nicht genug ist. Auf Statista finden sich Daten, wonach das Abfallaufkommen von Haushalten von rund 36.000 Tonnen im Jahr 2010 auf über 38.000 Tonnen in 2022 angestiegen ist. Damit sind wir im europäischen Vergleich mit Abstand Spitzenreiter. Und selbst unser Plastikmüll kommt uns mittlerweile teuer zu stehen. Denn seit 2021 muss jeder Mitgliedstaat 80 Cent pro Kilogramm nicht recyceltem Kunststoffabfall an die Europäische Union zahlen – was die deutschen Steuerzahler laut Industrievereinigung Kunststoffverpackungen im vergangenen Jahr rund 1,5 Milliarden Euro gekostet hat.

Kein Wunder also, dass immer mehr Plastikmüll illegal entsorgt wird. So hat Greenpeace gerade gemeinsam mit RTL-Reportern und GPS-Trackern den Weg von deutschem Plastikmüll bis in die Türkei und nach Südostasien verfolgt. Denn aktuell wird gerade einmal die Hälfte des Plastikmülls hierzulande recycelt. Oder anders ausgedrückt: Müll getrennt sammeln können wir schon gut. Beim Recycling sowie der Rückführung von Materialien in den Kreislauf gibt es noch sehr viel Luft nach oben.

Wenn es nach dem Willen der EU-Verantwortlichen geht, soll sich daran grundlegend etwas ändern. Zunächst gilt es, den Plastikmüll deutlich zu verringern, wofür ein umfassendes Maßnahmenpaket sorgen soll. Dazu zählt der bereits erwähnte Preis für nicht recycelten Kunststoffabfall, aber auch das Verbot von Einwegprodukten, für die es Materialalternativen gibt. Strohhalme, Wattestäbchen oder Einmalbesteck aus Plastik sind seitdem aus den Supermärkten verbannt. Zudem sollen die Hersteller stärker an den Kosten für Reinigung, Transport und Entsorgung beteiligt werden, findet man aufseiten der EU. Und wer schon eine der neuen Coca-Cola-Flaschen in der Hand hatte: Keine Sorge, Sie leiden nicht an Muskelschwäche. Die Plastikdeckel gehen ab 2024 von keiner Trinkflasche mehr ab. Das Konzept nennt sich „Tethered Caps“ – englisch für „angebunden“ – und ist ebenfalls Teil des Maßnahmenpakets.
 Gleichzeitig will die EU auch die Recycling-Quote erhöhen. So sollen Getränkeflaschen bis 2025 zu 25 Prozent aus wiederverwertetem Kunststoff bestehen, ab 2030 sogar zu 30 Prozent. Denn das Einsparpotenzial durch effizienteres Recycling ist groß, wie das Öko-Institut in einer aktuellen Studie vorrechnet. 1,95 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente jährlich würden die dualen Systeme in Deutschland durch das Sammeln, Erfassen und Verwerten gebrauchter Verpackungen einsparen. Gleichzeitig sei es mit rund vier Millionen Tonnen erzeugter Sekundärrohstoffe im Jahr eine wichtige Rohstoffquelle für die Wirtschaft, heißt es in der Studie weiter. „Sowohl die Qualität als auch die Menge der von den dualen Systemen zur Verfügung gestellten Rohstoffe nehmen weiter zu“, erklärt Axel Subklew, Sprecher der Initiative „Mülltrennung wirkt“. „Das duale System ist damit ein wesentlicher Teil der Strategie, von einer linearen auf eine Kreislaufwirtschaft umzustellen.“

 Es ist aber nicht nur der riesige Müllberg, der Recycling und Kreislaufwirtschaft so weit oben auf die Agenda spült. Es sind auch die endlichen Ressourcen, die den Unternehmen sowie der Forschung und Wissenschaft eine gewisse Kreativität abverlangen. Beispiel Halogene wie Fluor, Chlor, Brom oder Jod. Hier werden geeignete Abbaugebiete immer seltener und bedeuten oftmals auch eine direkte Gefahr für Mensch und Umwelt. Ohne Halogenverbindungen können jedoch viele Alltagsprodukte nicht produziert werden. Besonders geläufig sind Polyvinylchlorid, besser bekannt als PVC, oder Polytetrafluoethylen, das gute alte Teflon. Wirklich alltagstaugliche Alternativen gibt es bisher nicht und auch das Recycling war problematisch und erfolgte – wenn überhaupt – aus den Rauchgasen durch Verbrennung und damit mit erheblichem Energiebedarf.

Einen komplett neuen Weg verfolgt das Projekt „Halocycles“ von Forschern der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Technischen Universität Kaiserslautern, wie sein Sprecher Prof. Dr. Siegfried Waldvogel vom Department Chemie der Uni Mainz erklärt: „Wir können die Halogene elektrochemisch freisetzen, ohne das Kohlenstoffgerüst zu verbrennen, und somit vermeiden wir auch die Bildung von Dioxinen. Die Halogene stehen damit der Kreislaufwirtschaft für neue Produkte zur Verfügung.“ Auf Basis von erneuerbarem Strom von Windrädern, der vor allem nachts im Überschuss zur Verfügung steht, hätte diese Elektrosynthese sogar einen großen Nachhaltigkeitsfaktor und könnte helfen, die Stromnetze zu stabilisieren. Das hat auch die Carl-Zeiss-Stiftung überzeugt, die das Projekt im Rahmen ihres Programms „CZS Durchbrüche“ in den nächsten sechs Jahren mit rund vier Millionen Euro fördert.

Apropos erneuerbare Energien: Die erste Generation der Windkraft- und Solaranlagen steht mittlerweile am Ende ihres Lebenszyklus. Nach 20 Jahren endet die feste EEG-Einspeisevergütung für die Anlagenbetreiber, was einen Weiterbetrieb älterer Anlagen oftmals unwirtschaftlich macht. Dann heißt es entweder Repowering – also alte Anlagen durch neue, effizientere ersetzen – oder eben Rückbau und Recycling. Und hier gibt es vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie, ICT, eine gute Nachricht: 80 bis 90 Prozent der verwendeten Materialien sind bereits verwertbar. Lediglich bei den Verbundwerkstoffen in den Rotorblättern und Gondelverkleidungen sehen die Forscher eine Herausforderung, die es in den kommenden Jahren zu lösen gilt. Hier sei in naher Zukunft mit einem Anstieg an Materialien zu rechnen, weshalb nach einer ökologisch und ökonomisch vertretbaren Entsorgungsmöglichkeit zu suchen sei – gerade, wenn erneuerbare Energien auch weiterhin nachhaltig bleiben sollen.
Auch dieses Beispiel zeigt, welche Bedeutung ein effizientes Recycling in den kommenden Jahren haben wird – zum Schutz der Umwelt, für eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen und für eine bessere Energieeffizienz. Mit Blick auf Windkraftanlagen wird bereits an Alternativen für den Rotorblattbau geforscht. Eine mögliche Lösung: der biobasierte Leichtbaustoff Hanf.

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