Investments in einer geopolitisch neu ausgerichteten Welt

Es ist turbulent – in der Politik, der Wirtschaft und an den Märkten. Anleger müssen sich zunächst mit der großen Gemengelage auseinandersetzen, um gezielt nach Chancen Ausschau halten zu können.

Illustration: Carina Crenshaw
Illustration: Carina Crenshaw
Julia Thiem Redaktion

Die stecken laut Dr. Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vor allem in den Transformationsprozessen.

Herr Dr. Demary, das letzte Mal haben wir zu Beginn der Corona-Pandemie miteinander gesprochen. Auch da Thema: Krise. Es sind irgendwie immer die heiklen Themen, zu denen Sie Rede und Antwort stehen müssen.
In der Tat. Ich habe tatsächlich auch den Eindruck, dass sich die Krisen häufen. Seit ich beim Institut der deutschen Wirtschaft tätig bin, das ist seit 2008, gab es die Finanzmarktkrise, die Euroschuldenkrise, Corona und nun den Krieg in der Ukraine – jeweils mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen auf Märkte und Weltwirtschaft. Langweilig wird es demnach nie.

Wobei ein Blick auf die Märkte zeigt: Die Corona-Krise hatte nicht annähernd derartige Auswirkungen auf Finanzen, Weltwirtschaft oder Inflation, wie wir sie jetzt erleben. Ist es dieses Mal ernster?
Es ist zumindest eine andere Krise – wegen der Inflation, die war bei den vorherigen Krisen niedrig. Das lag auch daran, dass die Geldpolitik bisher die Möglichkeit hatte, die Wirtschaft zu unterstützen. Diese Option gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr. Bei 7 Prozent Inflation können wir nicht mehr mit einer expansiven Geldpolitik rechnen – im Gegenteil. Es ist wahrscheinlich, dass die Verantwortlichen geldpolitisch auf die Bremse treten. Und ich glaube, diese Tatsache ist an den Aktienmärkten auch bereits eingepreist.

» Die große Chance, die ich für Anleger aktuell sehe: wieder im eigenen Land oder bei den europäischen Nachbarn investieren. «

Schwingt da ein Hauch von Kritik mit, dass die Geldpolitik zu lange zu locker war?
Nein, keine Kritik. Denn egal, ob die Geldpolitik zu locker war oder nicht, es hätte an der jetzigen Situation nichts geändert. Die Inflation wird aktuell von den Energiepreisen befeuert und nicht von einer übertrieben hohen Nachfrage. Die Geldpolitik ist für mich daher nicht der Auslöser dieser Inflation. Aber: Sie könnte bei weiterer Expansion natürlich dazu beitragen, dass auch die Inflation weiter steigt. Oder mit anderen Worten: Ich könnte mir vorstellen, dass aus der Energiepreisinflation eine Nachfrageinflation werden könnte.

Wann könnte der Inflationstreiber auf die Nachfrageseite wechseln?
Dafür muss man sich den Investitionsbedarf anschauen. Aktuell wollen wir vor allem unsere Energieabhängigkeit von Russland reduzieren. Stichworte sind hier LNG-Terminals oder die grüne Transformation. Aber auch das gestiegene Sicherheitsbedürfnis wird vermutlich steigende Militärausgaben nach sich ziehen. Wenn die Geldpolitik diese Nachfrage durch niedrige Zinsen unterstützt, kann sie sich entfalten und damit den Inflationsdruck erhöhen.

Zöge ein solches Szenario vor allem steigende Rohstoffpreise nach sich?
Davon bin ich überzeugt. Der Krieg in der Ukraine wird enden, und alleine für den dortigen Wiederaufbau werden Rohstoffe in großen Mengen benötigt. Gleichzeitig erleben wir schon jetzt bei den elementaren Rohstoffen wie Metall oder Holz eine Knappheit. Das muss zwangsläufig einen gewissen Preisausschlag nach sich ziehen.

Sind das dann schon die berühmten zwei Seiten einer Medaille, steigende Rohstoffpreise, des Häuslebauers Leid ist des Anlegers Freud?
Gewinnmöglichkeiten sehe ich hier durchaus. Worauf sich Anleger allerdings einstellen müssen: höhere Schwankungen aufgrund der hohen Unsicherheit am Markt. Niemand vermag so recht einzuschätzen, wie es geopolitisch weitergeht, und da denke ich nicht nur an Russland, sondern auch an die Rolle Chinas. Auch hier kann es ebenso zu Spannungen kommen, wie in den USA, sollte Trump wirklich noch einmal wiedergewählt werden. Und diese Unsicherheit spüren Anleger an den Aktienmärkten in Form höherer Schwankungen übrigens schon jetzt deutlich.

Weil Sie über den Wiederaufbau der Ukraine sprechen: Sind Sie optimistisch, dass sich das Blatt hier wendet?
Wir hören ja schon von deutlichen Vorstößen der ukrainischen Armee. Und auch die Sanktionen gegen Russland zeigen Wirkung. Die Frage ist, wie lange Putin diesen Krieg finanzieren kann. Und ehrlich gesagt habe ich da meine Zweifel. Vor allem, wenn Schweden und Finnland der Nato beitreten sollten, hat Russland plötzlich eine direkte Grenze zur Nato, die – immer der bisherigen Logik Putins folgend – bewacht und gesichert werden muss. Er könnte sich also durchaus in diesen Kriegswirren schneller verzetteln und übernehmen.

Die russischen Energieressourcen reichen Ihrer Meinung nicht für eine langfristige Finanzierung des Kriegs?
Ich glaube nicht, dass die russische Wirtschaft den Sanktionen lange standhalten kann. Und vor allem: Wie will Putin die Unternehmen ersetzen, die sich aus dem Land zurückziehen? Und ich rede hier nicht über Luxusgüter, sondern elementare Aspekte wie Software-Updates. Woher sollen die künftig kommen? Zumindest kenne ich kein russisches Computer-
Betriebssystem.

Wir haben jetzt viel über die politische Gemengelage und über die aus den Unsicherheiten resultierenden Schwankungen für Anleger gesprochen. Irgendwo müssen sich da doch auch Chancen verbergen …
Die große Chance, die ich für Anleger aktuell sehe: wieder im eigenen Land oder bei den europäischen Nachbarn investieren. Und damit meine ich genau die Aspekte – grüne Transformation, Sicherheitsbedürfnis, Energieunabhängigkeit – die ich bereits angesprochen habe. Die Renditen sind vermutlich überschaubar, die Risiken dafür aber auch.

Und Anleger haben sich in den vielen Jahren des Niedrigzinsumfelds ja nach sicheren Alternativen verzehrt …
Und so schlecht sind die Renditen auch gar nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass der Investitionsbedarf weiter steigt, dann muss das Sparkapital nicht mehr händeringend nach Investitionsobjekten suchen, sondern hat mehr Möglichkeiten, was konsequenterweise einen höheren Zins mit sich bringt.
Könnten sogar Staatsanleihen aus dem negativen Bereich kommen?

Das halte ich für möglich – plus einen Prozentpunkt kann ich mir gut vorstellen.
Weil die Leitzinsen erhöht werden?

Ich glaube, die steigenden Renditen werden sich auf die Nachfragesituation stützen und die Leitzinsen ziehen hinterher. Sicherlich dürfen wir in den nächsten Jahren mit einer Zinserhöhungstendenz am Markt rechnen, und die Zentralbanken müssen da mitziehen.

Gibt es Fakten, auf die Sie diese Annahme stützen?
Es gibt zahlreiche Studien, die den Investitionsbedarf allein für Klimaneutralität beziffern – und die Zahlen sind hoch. Werden diese Investitionen getätigt, verlassen wir definitiv das Niedrigzinsumfeld. Wir reden hier über eine Größenordnung von 860 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren alleine in Deutschland, eine Schätzung der Boston Consulting Group für den BDI. Und diese grüne Transformation ist ja kein rein deutsches Thema, wird aus Anlegersicht also global betrachtet spannend.

 

 

Illustration: Carina Crenshaw
Illustration: Carina Crenshaw

Welche anderen Beispiele haben Sie im Kopf?
Wie heißt es so schön, off the top of my head: Die USA wollen ihre komplette Schulbus-Flotte elektrifizieren. Und wer etwas stärker ins Risiko geht, beispielsweise in Geschäftsmodelle investiert, die noch nicht erprobt sind, wird auch noch auskömmlichere Renditen am Markt finden. Ein Beispiel ist hier sicherlich das Prinzip „Carbon Capture and Storage“, wo es darum geht, CO2 aufzufangen und einzulagern. Mit diesem Konzept könnten auch CO2-intensive Branchen plötzlich klimaneutral werden. Klingt zunächst nach einer super Technologie. Ob es jedoch auch wirtschaftlich und praktikabel ist, gilt es noch zu beweisen.

Das heißt, ESG als Abkürzung für Environmental, Social und Governance ist eine durchaus zukunftsfähige Strategie für Anleger?
Grundsätzlich ja, wobei das ESG-Konzept oder zumindest die Definition von Nachhaltigkeit an der ein oder anderen Stelle noch einmal überdacht werden muss. Vor dem Ukraine-Konflikt hieß es immer, dass Investitionen in Waffen und deren Hersteller vermieden werden sollten. Jetzt sehen wir: Verteidigungsmöglichkeiten werden für die Freiheit und Demokratie eines Landes plötzlich wieder relevant. Damit sind Rüstungshersteller auch aus Anlegersicht wieder hochinteressant. Über die Ethik ließe sich sicherlich diskutieren. Nachhaltig könnte man ein solche, Investment aber durchaus nennen.

Der Ukraine-Krieg hat in Europa gerade zu einer Menge Solidarität geführt und das fast schon verlorene Wir-Gefühl wiederbelebt. Ist das ein Indiz für ein wirtschaftlich wiedererstarktes Europa, das auch für Anleger attraktiver wird?
Zumindest dürfte allen Beteiligten klar geworden sein, dass die europäischen Länder, die eben doch in vielen Bereichen eine gemeinsame Wertebasis haben, näher zusammenrücken müssen. Und wir haben gesehen: Wenn die EU will, kann sie tatsächlich auch relativ schnell handeln. Es könnte dadurch ein wichtiges Signal für mehr Kooperation sein.

Wobei es ja nicht nur Einigkeit gibt, wenn man beispielsweise Richtung Ungarn schaut …
Das ist richtig, vielleicht auch, weil in den vergangenen Jahren viel Porzellan zerschlagen wurde. Ich denke hier an Griechenland. Die Meldung ist in der aktuellen Nachrichtenlage ziemlich untergangen, aber die Griechen haben ihren Kredit frühzeitig an den Internationalen Währungsfonds zurückgezahlt. Griechenland scheint es wirtschaftlich also deutlich besser zu gehen. Und wenn man dann an die exponierte Lage mit den diversen Häfen denkt, ist Griechenland aus meiner Sicht ein interessanter Kandidat für einen europäischen LNG-Terminal.

Heißt das, Anleger müssen sich in einer Welt, die sich auch geopolitisch gerade neu orientiert, von alten Mustern trennen?
Ich würde Anlegern in jedem Fall zu einer gewissen Offenheit raten, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Dort haben die Reformen offensichtlich gewirkt. Ich glaube, in Europa steckt viel ungenutztes Potenzial, das auch Anleger noch nicht in seiner Gänze auf dem Radar haben.

Steckt das Potenzial vor allem abseits der Tech- und Digital-Welt?
Das ist schwer zu sagen. Wenn wir jedoch bei der Transformation bleiben: Die ganzen Rohstoffe, die dafür benötigt werden – egal, ob für die digitale oder grüne Transformation –, müssen ja irgendwie transportiert werden. Seezugänge, Häfen und die traditionellen Transportwege insgesamt bekommen da eine ganz andere Bedeutung – wie man ja auch in China sieht, wenn dort aufgrund der Null-Covid-Strategie die so wichtigen großen Umschlagshäfen plötzlich geschlossen werden. Digitalisierung bleibt natürlich weiterhin ein wichtiges Thema – auch für Investoren. Ich glaube jedoch nicht, dass es das einzige Thema ist, in dem Kursfantasie steckt. Stand heute, können und wollen wir nicht alles digitalisieren. Vieles wird auch weiterhin nur physisch möglich sein, und auch diese Bereiche des (Wirtschafts-)Lebens brauchen Investitionen.

Dr. Markus Demary ist seit 2008 beim Institut der deutschen Wirtschaft. Als Senior Economist fokussiert er sich vor allem auf Geldpolitik und Finanzmarktökonomie. Der studierte Volkswirtschaftler lehrt außerdem im Fach Behavioral Finance an der Universität Ulm.

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