Die Unsicherheit nährt sich selbst

Wenn erratische Politik die Märkte bewegt, ist Volatilität die neue Normalität.

Illustrationen: Gemma Portella Ribas, gemmaportella.com
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Olaf Strohm Redaktion

Viele Anlegerinnen und Anleger nehmen den Finanzmarkt seit einer Weile, so etwa seit der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump, als extrem volatil wahr. In der Tat haben vor allem zuletzt die internationalen Aktienmärkte erhebliche Schwankungen gezeigt. Der DAX ist nach starkem Anstieg 2025 wieder unter die 25.000-Punkte-Marke gefallen, der Nikkei in Japan hat Verluste von rund sechs Prozent hinnehmen müssen und der südkoreanische Kospi ist um bis zu zehn Prozent eingebrochen. Der VIX-Index, der die Marktnervosität misst, hat Fünfmonatshöchststände erreicht. Diese Entwicklungen sind in Berichten von Märkteanalysten wie BlackRock und Union Investment dokumentiert, die seit Jahresanfang eine anhaltende Volatilität feststellen. In der empirischen Kapitalmarktforschung gilt der VIX seit Langem als „Angstbarometer“: Steigt er stark, signalisiert dies meist eine Phase erhöhter Risikoaversion, in der viele Marktteilnehmer gleichzeitig absichern und damit die Schwankungen zusätzlich verstärken.
 

»Märkte reagieren nicht nur auf reale Entscheidungen, sondern bereits auf die Möglichkeit zukünftiger Eingriffe.«


Die Politik der US-Präsidentschaft unter Donald Trump trägt maßgeblich zu diesen Bewegungen bei. Nach seiner Inauguration im Januar 2025 hat Trump seine „America First“-Agenda vorangetrieben, die hohe Zölle vorsieht – bis zu 60 Prozent auf chinesische Importe und 20 Prozent auf europäische Güter. Obwohl der Supreme Court Teile dieser Pläne kürzlich eingeschränkt hat, sorgen Trumps öffentliche Ankündigungen und beinahe tägliche Tweets für anhaltende Unsicherheit und bewegen die Märkte – vom Goldpreis bis zum Ölpreis, man denke nur an die „Very Soon“-Aussage auf die Frage, wann der Krieg gegen den Iran beendet sei. Infolge sank der vormals entfesselte Ölpreis vorübergehend. Studien zur sogenannten „Political Uncertainty“ zeigen, dass Märkte nicht nur auf reale Entscheidungen reagieren, sondern bereits auf die Möglichkeit zukünftiger, schwer kalkulierbarer Eingriffe – ein Erwartungseffekt, der Kurse springen lässt, lange bevor Gesetze tatsächlich beschlossen sind. Aber durch die erratisch-protektionistische Politik geraten auch globale Lieferketten unter Druck. Besonders asiatische Exporteure wie Samsung oder Toyota leiden darunter. Investoren ziehen sich in sichere Anlagen wie Gold oder Staatsanleihen zurück, was die Kursschwankungen verstärkt. In der Forschung spricht man von „Flight-to-Quality“: In Stressphasen werden riskante Assets abgestoßen, während in als sicher wahrgenommenen Anlageklassen die Nachfrage und damit die Kurse steigen. Geopolitische Konflikte verschärfen die Lage zusätzlich.

Illustrationen: Gemma Portella Ribas, gemmaportella.com
Illustrationen: Gemma Portella Ribas, gemmaportella.com

Im Nahen Osten haben die US- und israelische Militäraktionen gegen iranische Ziele sowie die iranische Blockade der Seewege die Ölpreise auf über 100 Dollar pro Barrel Brent getrieben. Dies führt zu höheren Inflationserwartungen und erschwert Zentralbanken wie der Fed und der EZB den Weg zu Zinssenkungen. Der anhaltende Ukraine-Krieg sorgt für volatile Rohstoffpreise und Störungen in der globalen Logistik, was Produktionskosten weltweit in die Höhe treibt und die wirtschaftliche Planbarkeit mindert. 

Die Weltwirtschaft zeigt ein gemischtes Bild, das die Unsicherheit zusätzlich nährt. Nach dem KI-Boom des Vorjahres, der Tech-Aktien stark beflügelt hat, rotieren Investoren nun in zyklische Werte, da Konjunkturdaten aus den USA positive Signale senden, während die Eurozone durch Fiskalpakete und einen schwachen Dollar gebremst wird. Schwellenländer profitieren von Technologie-Trends, leiden jedoch unter den Handelsbarrieren. Liquiditätsengpässe in Asien zwingen zu Zwangsverkäufen, und die Korrelation zu Kryptowährungen verstärkt den Effekt. 

Genug Futter also für Volatilität auf allen Ebenen. Behavioral-Finance-Studien zeigen, dass Menschen Risiken nicht neutral bewerten, sondern Verluste stärker gewichten als Gewinne – ein Phänomen, das als „Loss Aversion“ bekannt ist. In volatilen Phasen verstärkt diese Verlustangst Herdenverhalten: Wenn andere verkaufen, steigt der Druck, es ihnen gleichzutun, um keinen weiteren Rückgang zu verpassen. Als roter Faden durchzieht zunehmender Protektionismus alle diese Entwicklungen. Unternehmen wie Konsumenten horten ängstlich Liquidität statt zu investieren und der schwache US-Dollar macht amerikanische Aktien für europäische Investoren weniger attraktiv. Positive Faktoren wie eine robuste US-Wirtschaft und abnehmende Inflation werden von diesen Risiken überschattet.

Für Privatanlegende hat die neue Normalität der Volatilität weitreichende Konsequenzen. Kurzfristige Kursstürze führen dazu, dass Sparpläne ausgesetzt, Aktienfonds verkauft und vermeintlich „sichere“ Tagesgeld- oder Festgeldangebote bevorzugt werden. Langfristig kann dies die Renditechancen von Kleinanlegerinnen und -anlegern deutlich schmälern, da sie ausgerechnet nach Rücksetzern – also zu vergleichsweise günstigen Kursen – aussteigen. Finanzpsychologen empfehlen deshalb einfache, aber disziplinierte Strategien: breit streuen, feste Regeln für Rebalancing festlegen, auf einen ausreichend langen Anlagehorizont achten und tägliche Kursbewegungen weitgehend ausblenden. In einer Welt, in der Unsicherheit zum Dauerzustand geworden ist, wird Gelassenheit zur vielleicht wichtigsten Währung an den Märkten.
 

»Wer Stabilität schaffen will, braucht berechenbare Prozesse, transparente Entscheidungswege und eine klare Sprache.«


Nicht zuletzt stellt die steigende Volatilität auch die Politik selbst vor ein Dilemma. Einerseits sind schnelle, deutliche Maßnahmen gefragt, um Krisen wie Kriege, Lieferkettenprobleme oder Energieknappheit zu adressieren. Andererseits erzeugen häufige Kurswechsel, inkonsistente Kommunikation oder der Eindruck, Entscheidungen seien getrieben von innenpolitischen Machtspielen, zusätzlichen Lärm in den Märkten. Wer Stabilität schaffen will, braucht nicht nur die richtigen Instrumente, sondern auch berechenbare Prozesse, transparente Entscheidungswege und eine Sprache, die nicht bei jedem Interview neue Spekulationen auslöst. Denn solange die Akteure an den Finanzmärkten das Gefühl haben, dass alles jederzeit wieder infrage steht, bleibt Volatilität die neue Normalität – und die Unsicherheit nährt sich weiter selbst.
 

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