»Bei aller Skepsis sollte man die enormen Möglichkeiten sehen!«

November 2020 | Wirtschaftswoche | Economy 4.0

»Bei aller Skepsis sollte man die enormen Möglichkeiten sehen!«

Professor Dr.-Ing. Guido Dartmann und Dr. Christoph Bach leiten gemeinsam die „Expertengruppe Internet der Dinge“ des nationalen Digital-Gipfels, der am 30. November und 1. Dezember als virtuelle Veranstaltung stattfindet.

Illustrationen: Nadja Zinnecker
Interview: Gunnar Leue / Redaktion

Wir sprachen mit ihnen über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Industrie und den Nachholbedarf der europäischen IT-Wirtschaft.

 

Die Vernetzung der physischen Welt mit dem Internet ist die Basis der Economy 4.0. An welchem Punkt auf dem Weg zum Internet der Dinge sehen Sie momentan die deutsche Wirtschaft angekommen?

Dr. Christoph Bach: Wir sind, allgemein gesagt, auf einem gutem Weg, aber es gibt schon noch etliche Dinge voranzutreiben. Genau das wollen wir in unserer Expertengruppe Internet der Dinge tun.  
Prof. Dr. Guido Dartmann: In der Forschung gibt es viele Projekte im Bereich der intelligenten Vernetzung und der Künstlichen Intelligenz, denn viele renommierte KI-WissenschaftlerInnen kommen aus Deutschland. Bisher haben wir es aber zu selten geschafft, Insellösungen für einen bestimmten Anwendungsfall übergreifend in die Praxis zu transferieren. Nötig sind jedoch große, übergreifende Plattformen für die Verknüpfung von Einzellösungen. Da hängen wir in Europa, wenn man sich allein den Börsenwert internationaler Plattformen anschaut, total hinterher.

 

Die Erkenntnis ist nicht neu. Ist das Thema intelligente Vernetzung in Wirtschaft und Politik auch praktisch angekommen?

Dartmann: Ja, das europäische Projekt GAIA-X, das die Grundlagen für eine vernetzte, offene Dateninfrastruktur auf Basis europäischer Werte legen soll, zeigt es. Darüber hinaus braucht es stärkere Anreize für eine zielgerichtete Innovationsförderung im Mittelstand. Und ein zentrales Problem ist der fehlende Fachkräftenachwuchs im IT-Bereich. Das wird sich mittelfristig verschärfen, wenn die Babyboomer-Generation den Arbeitsmarkt verlässt.

 

Was ist konkret notwendig?

Bach: Ziel ist die Förderung des algorithmischen Denkens bei Schülern und Studenten, um sie in die Lage zu versetzen, mit einfachen Tools Anwendungen zu entwickeln. Eine große Herausforderung.
Dartmann: Leider sehen wir in den Lehrplänen der Schulen nicht genügend Inhalte, die genau das fördern. Dabei müssen wir jetzt die nächste Generation von Informatikern und Ingenieuren an die Unis bekommen, damit die in fünf Jahren so weit sind, die entsprechende Technologie zu entwickeln. Hier geht es insbesondere um die Fähigkeit des algorithmischen Denkens, die wie Lesen und Schreiben eine wichtige Grundkompetenz darstellt.

 

Der Mittelstand gilt als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Bereiche Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik wachsen immer stärker zusammen. Laut Marktstudien zeigen sich viele Mittelständler aber zurückhaltend bei der konsequenten Digitalisierung. Erkennen zu wenige die Zeichen der Zeit?

Bach: Mit Schlagwörtern und Sprüchen wie „Ihr müsst KI machen!“ erreicht man die Unternehmen nicht. Man muss das herunterbrechen und ihnen Werkzeuge und Methoden beibringen, die es ermöglichen, in der neuen digitalen Welt mitzuspielen.

 

Aber wie?

Bach: Indem wir das innovative Konzept IoT-Werkstatt, das der Umwelt-Campus der Hochschule Trier mit der „Expertengruppe Internet der Dinge“ des nationalen Digital-Gipfels entwickelt hat, gerade auch an den Mittelstand adressieren. Man muss den Mittelstand abholen, um ihm die Chancen der Digitalisierung aufzuzeigen.
Dartmann: Ursprünglich war dieses Konzept darauf ausgerichtet, Digitalisierung in die Schulen zu bringen und anfassbar zu machen. Der Umwelt-Campus Birkenfeld hat dazu eine grafische Oberfläche weiterentwickelt, auf der IoT-Anwendungen und Algorithmen ohne Programmierkenntnisse zusammengeklickt werden können. Dieses Konzept kann auch anderen Bereichen der Gesellschaft und Branchen helfen, die bisher wenig mit IoT zu tun hatten.  

 

...wodurch die Anforderungen an die Beschäftigten in den Unternehmen steigen. Für sie ist berufliche Weiterbildung quasi Pflicht?

Dartmann: Um die zum Beispiel von unser IoT-Werkstatt zur Verfügung gestellten Werkzeuge nutzen zu können, müssen sich die MitarbeiterInnen natürlich weiterbilden. Der Mittelstand ist sehr divers. Es gibt Hidden Champions mit über zehntausend Mitarbeitern, aber auch kleinere Unternehmen, mit 50, 100 oder 500 Beschäftigten.
Bach: Bei ihnen ist der Bedarf nach externem Know-how besonders groß. Wir bieten ihnen an, den Zugang zum IoT zu erleichtern und Entwicklungen von ersten Prototypen zu beschleunigen. Auch kleineren Mittelstandsfirmen muss der Zugang zu Geschäftsmodellen, die auf IoT basieren, ermöglicht werden.

 

Welche Institutionen können dabei noch helfen?

Bach: Wir plädieren dafür, dass auch die IHKs und der Digitalverband Bitkom mit uns zusammenarbeiten, um unser IoT-Werkstatt-Angebot in die Fläche zu bringen.
Dartmann: Viele Bundesministerien fördern Forschungskooperationen von kleinen und mittleren Unternehmen und Hochschulen. Allerdings beobachten wir an den Hochschulen, dass der Anreiz bei vielen Unternehmen noch nicht so groß ist, hauptsächlich wegen des hohen Verwaltungsaufwands. Vielleicht gibt es hier noch Möglichkeiten zur Vereinfachung der Verwaltung solcher Projekte.

 

Ausufernde Digitalisierung bringt neben neuen Geschäftsmodellen auch negative Auswirkungen, unter anderem könnten massenhaft Jobs wegfallen. Das dürfte sie Betriebsräten wie auch manchen Unternehmern nicht geheuer machen.

Dartmann: Das ist verständlich und man muss man die Chancen und Gefahren gegeneinander abwägen. Die Entwicklung hin zum Internet der Dinge lässt sich allerdings nicht aufhalten. Nehmen wir den Gesundheitsbereich als ein Beispiel für die Verschmelzung von IoT und KI. Mit Telemedizin kann man dem Ärztemangel auf dem Lande begegnen und die Kompetenz der städtischen Kliniken in den ländlichen Raum zu bringen. Gerade in der Pandemiezeit erleben wir auch, dass Telearbeit in vielen Branchen funktioniert und unnütze Präsenztreffen ersetzt.  Und dass dabei keineswegs die Produktivität sinkt.  

 

Sie sagen, dass der ländliche Raum sogar überproportional von den Anwendungsmöglichkeiten des IoT profitieren könnte. Wie begründen sie diese optimistische Prognose?

Dartmann: In den Städten haben wir schon eine relativ gute digitale Vernetzung, im ländlichen Raum ließe sich noch viel mehr verbessern. Man könnte mit intelligenten Sensoren Prozesse optimieren: vom Düngemitteleinsatz bis zur Gesundheit der Bienen in Bienenstöcken.
Bach: Oder denken Sie an einen vernetzten Weinberg. Man könnte den Oechsle-Grad oder die Bodenfeuchtigkeit mit Sensorik messen und durch IT-Einsatz das Ertragspotenzial erheblich steigern.

 

Ihr Optimismus geht so weit, dass Sie sagen, mit IoT und KI könnten die globalen Probleme Klimaschutz und Nachhaltigkeit einigermaßen glimpflich gelöst werden. Kann das die hierzulande besonders ausgeprägten Digitalisierungsängste mindern?

Dartmann: Digitalisierung kann man nicht einseitig betrachten. Bei aller Skepsis sollte man aber die enormen Möglichkeiten sehen. Demokratische Staaten in Asien haben es gerade geschafft, durch die digitale Kontaktverfolgung die zweite Welle der Pandemie in ihren Ländern zu vermeiden, sodass es anderer Beschränkungen der Grundrechte nicht bedurfte. In Deutschland sind viele Menschen skeptischer, was auch eine kulturelle Frage ist. An den Erfahrungen aus Asien erkennt man aber zumindest, wie weit uns Information und Vernetzung helfen können, bestimmte Prozesse zu optimieren. Das sollten wir uns auch beim Klimaschutz nutzbar machen. Man kann durch Messdaten in Städten zielgerichtet Prozesse in Verkehr und Logistik optimieren, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. All das ist eine Frage der Aufnahme und Vernetzung von Daten, sprich IoT, verbunden mit Technologien wie KI, die Informationen aus der Datenflut ziehen. Diese Informationen müssen über Datenplattformen der Gesellschaft verfügbar gemacht werden.

 

Was direkt zum Thema Informationssicherheit führt, der privaten wie bei der für Unternehmen. Die digitale Infrastruktur kann auf viele Weise gefährlich werden für die Nutzer, oder?

Dartmann: Auch deshalb brauchen wir eigene Plattformen und ausreichend Fachkräfte, die diese Systeme verstehen. Wenn wir im Technologiebereich autonomer werden, können wir unsere eigenen Vorstellungen von Datenschutz und Standards eher durchsetzen, als wenn wir von Plattformen in anderen Teilen der Welt abhängig sind, wo andere Standards gelten. Die Digitalisierungsfrage ist für den Standort Deutschland in jeder Hinsicht entscheidend. Dahinter steht letztlich die Frage: Werden wir irgendwann nur noch Konsumenten von Lösungen sein, die aus anderen Teilen der Welt kommen oder bleiben wir eine Gesellschaft, die selbst Innovation vorantreibt und in Wohlstand umsetzt? Diese Frage entscheidet sich am Ende über unsere Investition in Bildung.

 

Beim nationalen Digital-Gipfel Ende November kommen Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen und präsentieren Lösungsansätze auf dem Weg dahin. Sind Sie hoffnungsvoll, dass der Gipfel große Fortschritte bringt?

Bach: Den nationalen Digital-Gipfel gibt es seit 2006, und dieser ist nun der erste tatsächliche digitale, weil virtuelle Gipfel. Wir sind zuversichtlich, dass unsere  Handlungsempfehlungen in der Politik Gehör finden und zur Umsetzung in der Praxis führen. Das gilt auch für die anderen Expertengruppen für intelligente Gesundheitsnetze, für Verkehrs-, Energie- und Verwaltungsnetze. In den Expertengruppen, deren Mitarbeiter alle ehrenamtlich mitwirken, sind wir grundsätzlich offen für weitere Teilnehmer, die die Dinge vorantreiben möchten.