Von null auf 100

Dezember 2019 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Von null auf 100

Wenn eine Start-up-Idee so richtig zündet, das Kapital bereitsteht und auch die Kunden überzeugt sind, wird aus der „Zwei-Mann-Bude“ schnell ein waschechter Mittelständler.

Illustration: Josephine Warfelmann
Julia Thiem / Redaktion

Von null auf weit über 100 in nur sechs Jahren – so könnte man die Erfolgsgeschichte des zweitwertvollsten Start-ups in Europa zusammenfassen. Umsatz: 2,9 Milliarden Euro. Durchschnittliche Wachstumsrate: 350 Prozent. Mitarbeiter: 2.800. Filialen: 350 in zehn Ländern. Die Rede ist vom Berliner Unternehmen Auto1. Bekannt ist das Unternehmen den meisten vermutlich eher durch die Ankaufsplattform wirkaufendeinauto.de.

Die beiden Gründer Hakan Koç und Christian Bertermann liegen laut der neuen Milliardärsliste des Manager Magazins sogar schon auf Platz 183. Da hat sich der Verkauf von Omas altem Auto, den Enkel Bertermann netterweise übernommen hat, doch gelohnt. Denn die Schwierigkeiten damals hatten zur zündenden Geschäftsidee geführt.

Was an dem deutschen Start-up – wenn man es denn überhaupt noch so nennen kann – aber vor allem bemerkenswert ist: Sein Kapitalbedarf ist extrem hoch. Denn Auto1 kauft die Fahrzeuge selber an, um sie anschließend an Händler weiterzuverkaufen. Knapp 900 Millionen Euro soll das Unternehmen daher von Investoren eingesammelt haben, darunter prominente Namen wie der japanische Telekommunikationskonzern Softbank, DN Capital oder JP Morgan.

Das Beispiel Auto1 zeigt, dass Gründer durchaus Zugang zu Kapital finden, wenn das Gesamtpaket passt. Allerdings scheint eben dieses Geld im Falle der Berliner eher aus dem Ausland zu stammen. Das würde dann auch zu den Handlungsempfehlungen passen, die das RKW Kompetenzzentrum im aktuellen Global Entrepreneurship Monitor 2018/2019 gibt. Demnach sei der deutsche Wagniskapitalmarkt nach wie vor zu klein. Man fordert deshalb, die allgemeinen Rahmenbedingungen zur Beteiligungsfinanzierung in Deutschland zu verbessern – insbesondere in den Bereichen Private Equity, Venture Capital und Business Angels.

Allerdings wird in dem Report, dessen Daten seit 1999 jährlich erhoben werden, auch betont, dass Deutschland bei technologieintensiven Gründungen im Vergleich zu ausgewählten Referenzländern mit hohem Einkommen mittlerweile einen Platz im Mittelfeld belegt. Etwas mehr als neun Prozent aller Gründungen würden eine mittlere oder hohe Technologieintensität aufweisen. Damit liegen wir deutlich vor den USA, deren Wert bei nur etwa 5,2 Prozent liegt. Die Forscher werten das als ein Indiz dafür, dass das Image von Gründungen in den USA von den anteilsmäßig wenigen Hightech-Start-ups etwa in Kalifornien oder an der Ostküste um Boston geprägt ist, aber der bei Weitem größte Teil der Gründungen dem Lowtech-Bereich zuzuordnen ist.

Vielleicht war Merkels Rüge gegenüber dem Mittelstand bei der aktuellen Generaldebatte im Bundestag demnach unbegründet. Sie glaubt nämlich, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft habe die Bedeutung der neuen Daten noch nicht richtig erkannt, die „der neue Rohstoff“ seien. Wenn die neue Generation mittelständischer Unternehmen, die heutigen Start-ups, aber bereits in den Startlöchern steht, muss sich die Gesamtwirtschaft weniger Sorgen machen. Alteingesessene Namen könnten jedoch durch neue ersetzt werden, denen die Disruption von Geschäftsmodellen gelingt.