Endlich unabhängig!

Oktober 2016 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Endlich unabhängig!

Niedrigzinsumfeld, geringer Finanzierungsbedarf, hohe Liquidität: Der Mittelstand ist in einer komfortablen Situation.

Illustration: Nicole Pfeiffer
Claudia Behrend / Redaktion

Sogar Großbanken, die einst das Mittelstandsgeschäft verschmähten, umwerben heute die kleinen und mittleren Unternehmen mit ihren Krediten. Mittelständler aber erinnern sich noch gut an die Zeit, als sie von den Finanziers kurz gehalten wurden. Sie bleiben vorsichtig. Zu Recht!

„Unsere Schuldscheinfinanzierung Mitte dieses Jahres war gleich mehrfach überzeichnet“, berichtet Fabian Kracht, Geschäftsführer Finanzen und Organisation bei Peri, Weltmarktführer für Schalungs- und Gerüstsysteme. „Auch die Konditionen für die Finanzierung von Immobilien sind gerade sehr attraktiv.“

Was für Anleger wenig zufriedenstellend ist, gereicht Darlehensnehmern zum Vorteil: die derzeit extrem niedrigen Zinssätze. Davon profitieren hingegen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU). „Gerade Großbanken, die sich früher nicht für den Mittelstand interessierten, haben diesen inzwischen stark im Fokus“, so Birgit Felden, Professorin für Mittelstand und Unternehmensnachfolge am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Wolf-Dietrich Herold, Geschäftsführender Gesellschafter von Delo, einem führenden Hersteller von Industrieklebstoffen, bestätigt dies: „Das Interesse der Banken am Mittelstand ist über die Jahre definitiv größer geworden, und das gilt sowohl für die klassischen Geschäftsbanken als auch für die privaten Institute.“

Gute Liquidität – niedrige Zinsen

Wirtschaftlich betrachtet ist das plausibel. „Die Banken schwimmen gerade im Geld“, so die Professorin Felden. Und statt möglicherweise Strafzinsen zu zahlen, ist es für Banken viel attraktiver, Darlehen zu vergeben. Bei der gegenwärtig guten Geschäftslage steht dem jedoch kein besonders hoher Finanzierungsbedarf gegenüber. Felden: „ Liquidität ist kein Problem.“ Rund 30 Prozent der deutschen Unternehmen bräuchten derzeit überhaupt kein Fremdkapital, so auch das Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem Sommer. Ob dies allerdings so bleibt, ist zumindest unsicher. Der Verband „Die KMU-Berater – Bundesverband freier Berater“ hat in seiner jüngsten Umfrage festgestellt, dass sich das Verhalten der Banken bereits ändert. Die dort befragten Unternehmen bewerteten ihre Finanzierungs- und Banksituation bei neun von zehn Fragen schlechter als noch im Vorjahr. Betrachtet man nicht nur den Mittelstand, sondern alle deutschen Unternehmen, die auf Fremdkapital angewiesen sind, zeigt sich in der Tat ein etwas schwächeres Bild: In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK vom August beurteilten lediglich 56 Prozent der Befragten ihren Finanzierungszugang als gut.

Unsicherheit angesichts Zukunft

Selbst bei diesen besteht jedoch nach wie vor eine gewisse Verunsicherung. „Nach den Erfahrungen in der Finanzkrise haben viele Mittelständler noch eine gewisse Skepsis, ob sie nicht wieder ohne Schirm dastehen werden, wenn mal wieder schlechtes Wetter herrscht“, so Herold. Bei Delo wird daher zwar sehr stark in die Mitarbeiter, die Forschung und die Entwicklung sowie in neue Labor- und Produktionsgebäude investiert. Die Finanzierung erfolgt jedoch weitestgehend aus dem Ertrag. Herold: „Auf diese Art können wir unsere eigenen technischen Entscheidungen treffen, ohne Einfluss von Banken oder anderen Geldgebern, die mit den Feinheiten unseres Geschäfts nicht vertraut sind.“

Das betrifft jedoch nicht nur Delo. Viele Mittelständler wollen unabhängig von Fremdkapital sein. Dies zeigt auch das Ergebnis der Analyse des Verbands der Vereine Creditreform zur „Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand – Frühjahr 2016“. Danach haben die historisch niedrigen Zinsen nicht zu einer vermehrten Kreditfinanzierung geführt. Der Grund: Nahezu ein Drittel der mittelständischen Unternehmen gilt mit einer Quote von über 30 Prozent als eigenkapitalstark.

Kredite präferiert

Entsprechend verteilen sich beispielsweise die Finanzierungsanteile für Sachinvestitionen im Durchschnitt wie folgt: 58 Prozent Cashflow, 20 Prozent Bankkredite und 17 Prozent Leasing. Wenn also Kapital benötigt wird, bevorzugen Mittelständler für die Finanzierung ihrer Investitionen nach wie vor Kredite. Auffällig ist jedoch, dass 44 Prozent der Unternehmen zwar von einer Steigerung der Zinssätze in den nächsten zwei Jahren ausgeht, die Mehrheit jedoch Kreditfinanzierungen mit Laufzeiten von fünf Jahren eingeht und sich damit nicht gegen das Risiko eines Zinsanstiegs absichert, so die Autoren der gerade von den Unternehmensberatungen Ebner Stolz und Wolff & Häcker veröffentlichten Finanzierungsstudie „Neue Herausforderungen für den Mittelstand.“

Andere Finanzierungsmöglichkeiten

Zwar habe das Wissen über die unterschiedlichen Finanzierungsformen zugenommen, so Felden, insgesamt seien allerdings viele Mittelständler nach wie vor verhalten. „Alternative Finanzierungsformen sind für uns kein Thema“, sagt beispielsweise der Geschäftsführende Gesellschafter Herold von Delo. Auch bei der international tätigen Grimme Landmaschinenfabrik, einem der Top 10 der Weltmarktführer im deutschen Mittelstand spielen sie keine Rolle.

Dabei geht die Bandbreite der Finanzierungsformen weit über Kredite und Leasing hinaus. Eine Möglichkeit sind Unternehmensanleihen, also Inhaberschuldverschreibungen, die über Börsen verkauft werden. „Für Anleihen gab es mal einen richtigen Hype“, so Felden. „Das Mindestvolumen liegt jedoch im zweistelligen Millionenbereich, daher ist diese bankenunabhängige Finanzierung für die Masse der kleineren Unternehmen nicht relevant.“

Unabhängig von der Unternehmensgröße ist hingegen der Verkauf von Forderungen. Das Interesse am Factoring nehme zu, so Felden, betreffe allerdings ebenfalls eher die größeren Unternehmen. Ab etwa 1,5 Millionen Euro – je nach Branche – sei es ein modernes und schnelles Finanzierungsinstrument. Das Crowdfunding ist wohl die neueste Art der Finanzierung.

„Crowdfunding ist natürlich gerade in aller Munde, allerdings kommt es nicht ohne Grund vor allem bei Start-ups zum Einsatz, die sonst Schwierigkeiten mit der Finanzierung haben,“ so Herold. Das kann die Professorin Birgit Felden bestätigen: „Crowdfunding hat sich im Unternehmensbereich noch nicht durchgesetzt. Es gibt allerdings erste Ansätze, die ich sehr begrüße.“