Ein Riecher für Innovationen

Juni 2016 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Ein Riecher für Innovationen

Die erfolgreichen Start-ups von heute wandeln sich zum Mittelstand von morgen. Ihr Rezept: gute Ideen, kreative Mitarbeiter, eine flexible Finanzierung.

Illustration: Friederike Olsson
Elisabeth Schwiontek / Redaktion

Vom Start-up zu einem namhaften Unternehmen der „User Experience“-Branche: Centigrade, 2005 gegründet, hat inzwischen 45 Mitarbeiter an den vier Standorten Saarbrücken, München, Frankfurt am Main und Mülheim an der Ruhr. „Wir unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung von digitalen Anwendungen, die benutzerfreundlich, visuell attraktiv und technisch elegant sind“, sagt Designer Florian Moritz. Im Gründungsjahr 2005 fing er als Praktikant bei Centigrade an, heute leitet er den Bereich „Visual Design“. Zum Team gehören Designer, Game Illustratoren, Software-Architekten und Usability-Experten – Spezialisten fürs Einfache in einer Welt mit immer komplexer werdender Technik.


Know-how ist gefragt

„Ob es um App-Anwendungen oder um die Bedienlogik von Biege- und Lasermaschinen in der Industrie geht: Der Nutzer steht immer im Mittelpunkt unserer Arbeit“, betont Florian Moritz. „Das ist die Grundlage für Anwendungen, die nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern auch leicht zu bedienen sind und zum Unternehmen passen.“ Zu den Kunden von Centigrade gehören mittelständische Firmen ebenso wie international aufgestellte Konzerne. So ist das Know-how der Centigrade-Spezialisten auch auf dem Weg zur Industrie 4.0 gefragt – dann also, wenn Fertigungsprozesse mit Informationstechnologie verschmelzen, wenn Maschinen untereinander und mit Menschen kommunizieren.


Der „Riecher für Innovationen“ ist für Florian Moritz ein wichtiger Erfolgsfaktor. „Und man muss ihn behalten, wenn das Unternehmen wächst.“ Laut Schätzungen des Bundesverbands Deutsche Startups (BVDS) gibt es in Deutschland rund 6.000 so genannte Start-ups, also junge Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen. Mit Erfindergeist, kreativen Ideen und neuen Geschäftsmodellen bringen sie die Wirtschaft voran, erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit und schaffen Arbeitsplätze. Der Schwerpunkt dieser Neugründungen liegt im Bereich der digitalen Ökonomie. Doch die Start up-Szene ist vielfältig. Auch in den Branchen Medizintechnik, Handel, Wohnen oder Tourismus entwickeln Jungunternehmer innovative Produkte und Dienstleistungen. Dabei sind die Mittelständler der Zukunft auf ein unterstützendes Umfeld angewiesen.

Erfolgsfaktor Mensch

Ein Drittel der deutschen Start-ups, rund 2.000, haben ihren Unternehmenssitz in Berlin. Die Hauptstadt zieht wie kein anderer Ort in Deutschland junge, gut ausgebildete Fachkräfte aus aller Welt an. Und die Zusammensetzung der Mitarbeiter entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Start-ups. Das beginne schon beim Gründungsteam, sagt der BVDS-Vorsitzende Florian Nöll: „Sowohl die fachliche als auch die persönliche Mischung muss stimmen.“ Wichtig seien zudem eine präzise Marktanalyse vor dem Start und die Wahl der richtigen Finanzierungsform. „Ein Patentrezept dafür gibt es in der vielfältigen Startup-Szene aber nicht“, so Florian Nöll. Für fast 80 Prozent der Gründerinnen und Gründer sind eigene Ersparnisse die wichtigste Finanzierungsquelle,

 

»Venture Capital war und ist für uns von immenser Bedeutung«

Linus Kuch, Monkey Works

 

gefolgt von der Unterstützung durch Freunde und Familie (32 Prozent). Das zeigt die Studie „Deutscher Startup Monitor 2015“, die der BVDS zusammen mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG durchgeführt hat (Mehrfachnennungen waren möglich). Mit 29,7 Prozent liegt die Finanzierung durch Business Angels auf Rang drei, die staatlichen Förderungen belegen mit 29,4 Prozent den vierten Platz. Risikokapital nimmt mit 20 Prozent Rang fünf ein, gleichauf mit der Innenfinanzierung aus laufender Geschäftstätigkeit. Auf Platz sechs folgen Bankdarlehen mit 11,9 Prozent. Crowdfunding spielt mit 4,4 Prozent eine untergeordnete Rolle.

Risikokapital fürs Wachstum

Die Finanzierungsform seines Unternehmens fasst Florian Moritz von Centigrade so zusammen: „Bei der Gründung Eigenkapital und ein bisschen Wirtschaftsförderung, kein Crowdfunding, keine Kredite. Wir arbeiten seit der Gründung rentabel, indem wir unsere Einnahmen reinvestieren – in Kollegen, den Wissensaufbau und Innovation.“ Für die Firma Monkey Works in Dresden dagegen ist Risikokapital von großer Bedeutung. Linus Kuch, der Monkey Works 2013 zusammen mit zwei Partnern gegründet hat, erklärt: „Bei uns dreht sich alles um die Darstellung industrieller Prozesse von Maschinen und Anlagen. Maschinendaten lesen, Prozesswerte schreiben, Anlagen überwachen: Unser Schwerpunkt sind mobile Lösungen für Smartphones und Tablets. Relevante Daten sind so stets griffbereit und für die Industrie effizient nutzbar.“ Die ersten Weichen für die Gründung stellte Monkey Works mit Hilfe eines Förderprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums. „Im zweiten Schritt konnten wir Investmentpartner gewinnen, die unsere Vision mit dem notwendigen Kapital ausgestattet haben. Venture Capital war und ist für uns von immenser Bedeutung“, sagt Linus Kuch, dessen Firma heute 15 Mitarbeiter beschäftigt.


Die Spiele-Entwickler von Mimimi Productions in München haben den Start ihres Unternehmens 2011 mit Auftragsarbeiten von Firmen und einer Projektförderung des Landes Bayern finanziert. Fünf Jahre später hat das Studio 19 Mitarbeiter und für seine Spiele verschiedene Preise gewonnen, darunter den Apple-Design-Award. Johannes Roth, einer der beiden Gründer: „Heute arbeitet Mimimi vor allem mit Entwicklungsbudgets von Verlagen und mit den Umsätzen aus veröffentlichten Spielen.“ Crowdfunding hält er für „tot, weil übernutzt“, außerdem kämen dabei die benötigten Summen gar nicht zusammen. Viel wichtiger seien mehr staatliche Fördergelder. „Gemessen an den Umsätzen, die die Games-Branche erzielt, ist die öffentliche Förderung in diesem Bereich viel zu gering“, so der Mimimi-Chef. Sein Tipp für Startups: „Setzt immer auf hohe Qualität und trainiert euer Durchhaltevermögen. In unserer Branche gilt die Faustregel: Man muss zehn tolle Produkte entwickeln, bis ein Hit gelingt.“  


Ideen für innovative Produkte und Dienstleistungen. Ein Team, das diese Ideen mit Leidenschaft umsetzt. Finanzierungen, die zum Untenehmen und seinen Wachstumszielen passen. All das sind entscheidende Faktoren, damit eine Gründung gelingt. Doch für den langfristigen Geschäftserfolg braucht es noch mehr, meint Florian Moritz von Centigrade, nämlich „eine faire, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kunden und innerhalb des Teams“. So zählen also auch
Verlässlichkeit, Vertrauen und langfristiges Denken, mit anderen Worten: die klassischen Werte von Mittelständlern.