Wer innovativ sein will, der setzt sich im Team zusammen, trinkt Kaffee, knabbert Waffelröllchen und bespricht die Termine für das nächste Meeting. Teamgeist funktioniert nur in Präsenz, heißt es mittlerweile oft. Weitere Vorteile: Führungskräfte erlangen die Kontrolle über ihre Teams zurück. Endlich werden die Leistungsträger sichtbar, die Überstunden zum Wohl der Firma machen. Deshalb blasen viele Unternehmen in Deutschland zur Rückkehr ins Büro: Return-to-Office, kurz RTO.
Studien zeigen, dass die Produktivität daheim tatsächlich Grenzen hat. Die Techniker Krankenkasse hat mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation untersucht, wie ihre Mitarbeitenden arbeiten. Das Ergebnis: Bei mehr als drei Tagen Homeoffice sinkt die Produktivität. Dann machen sich die Nachteile der geringen Präsenz deutlich bemerkbar. Die Untersuchung zeigt aber auch: Wer von zu Hause arbeitet, schafft 20 Prozent mehr. Forscher der Universität Konstanz sind daher der Meinung, dass der vermeintliche Trend zurück ins Büro gar kein Trend ist. In ihrer Studie stellen sie fest, dass nur jeder fünfte Befragte verschärfte Anwesenheitsregeln registriert.
Denn es gibt Gründe gegen verschärfte Anwesenheitsregeln. Mehr Präsenz im Büro erhöht nicht die Produktivität, sondern führt eher zu Erschöpfung. Die Rückkehr ins Büro betrifft den Alltag der Beschäftigten und ihre Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Zudem sind Führungskräfte gegenüber Remote-Arbeit weniger skeptisch als zuvor. Während früher jede dritte Führungskraft eine stärkere Präsenzpflicht befürwortete, ist es heute nur noch jede vierte. „Organisationen, die krampfhaft versuchen, ihre Mitarbeitenden durch Zwang ins Büro zurückzuholen, müssen sich langfristig Gedanken um ihre Wettbewerbsfähigkeit machen“, sagt Kilian Hampel von der Universität Konstanz. Die Führungskultur verändert sich. „Führungskräfte, die hybride Arbeit professionell gestalten, werden selbst zu Impulsgebern einer modernen Arbeitskultur.“
Der „State of Hybrid Work“-Report des Technologieunternehmens Owl Labs belegt zudem, wie stark sich mangelnde Flexibilität im Job auf die Loyalität auswirkt. Demnach wollen zwei von fünf Arbeitnehmern sich eine neue Stelle suchen, wenn ihre Firma Remote- und Hybrid-Arbeiten massiv einschränkt.
Ein Gleichgewicht aus Homeoffice und Präsenzarbeit wird in vielen Unternehmen allerdings noch nicht erreicht. Stattdessen drängen viele Unternehmen ihre Beschäftigten unbewusst dazu, sich unproduktiv zu verhalten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen nämlich genau: Wer im Homeoffice arbeitet, wird weniger wahrgenommen und damit seltener befördert. Laut einer Umfrage der weltweit größten Jobbörse Indeed und des Marktforschungsinstituts Appinio geben 56,6 Prozent der Hybrid-Arbeitenden zu, dass sie im Homeoffice effizienter arbeiten. Ins Büro kommen sie vor allem aus einem Grund: um Gesicht zu zeigen.
Manche Unternehmen sollen eine striktere Präsenzpolitik sogar gezielt als Instrument zur indirekten Personalreduktion nutzen, vermuten die Konstanzer Forscher. Mitarbeitende, die auf flexible Arbeitsbedingungen angewiesen sind, könnten dadurch zur Eigenkündigung bewegt werden – insbesondere, wenn ihnen alternative Angebote mit höherer Flexibilität offenstehen.
Illustrationen: Carolin Eitel