Der Mittelstand hat ein Nachfolgeproblem

 Viele wirtschaftlich gesunde Unternehmen stehen vor einer ungewissen Zukunft. Warum scheitern Nachfolgen - und welche Chancen liegen in einer Übernahme?

Dr. Christian Schuchardt, Projektleiter Nachfolgezentrale Berlin
Dr. Christian Schuchardt, Projektleiter Nachfolgezentrale Berlin
Nachfolgezentrale Berlin Beitrag

Herr Dr. Schuchardt, wie groß ist das Nachfolgeproblem im deutschen Mittelstand tatsächlich?

Es ist größer, als es in der öffentlichen Debatte erscheint. Über Gründungen wird viel gesprochen, über Unternehmensübernahmen deutlich weniger. Dabei stehen zahlreiche Inhaberinnen und Inhaber vor der Frage, wer ihren Betrieb künftig weiterführt. Gelingt die Übergabe nicht, sind nicht nur einzelne Unternehmen betroffen. Es geht um Arbeitsplätze, Erfahrungswissen, Kundenbeziehungen und regionale Wertschöpfung. Wenn ein wirtschaftlich gesunder Betrieb mangels Nachfolge schließt, verschwindet häufig etwas, das sich nicht kurzfristig ersetzen lässt.
 

Warum scheitern Übergaben trotz tragfähiger Geschäftsmodelle?

Häufig beginnt die Vorbereitung zu spät. Viele Betriebe sind stark auf die bisherige Inhaberin oder den bisherigen Inhaber zugeschnitten. Prozesse sind wenig dokumentiert, Kundenbeziehungen personengebunden und Preisvorstellungen nicht immer realistisch. Gleichzeitig fehlt potenziellen Nachfolgenden oft der Zugang zu passenden Unternehmen. Eine Nachfolge ist deshalb kein einzelner Vertragsabschluss, sondern ein mehrjähriger Entwicklungsprozess.
 

Warum ist eine Übernahme echtes Unternehmertum?

Weil Nachfolgende nicht einfach Bestehendes verwalten. Sie übernehmen Verantwortung, treffen Investitionsentscheidungen und entwickeln Geschäftsmodelle weiter. Im Unterschied zu einer Neugründung sind bereits Beschäftigte, Kunden, Umsätze und Strukturen vorhanden. Das reduziert einige Risiken, bringt aber eigene Herausforderungen mit sich. Wer übernimmt, übernimmt auch eine Geschichte, eine Unternehmenskultur und die Erwartungen von Beschäftigten und Kunden.
 

Was kann eine Nachfolgezentrale leisten, was der Markt allein nicht schafft?

Wir schaffen einen neutralen und vertraulichen Zugang zwischen abgabebereiten Unternehmen und Übernahmeinteressierten. Dabei geht es nicht nur um digitales Matching. Wir qualifizieren die Parteien, geben Orientierung, strukturieren den Einstieg in den Prozess, binden bei Bedarf Kammern, Banken sowie Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatungen ein und agieren als Sparring-Partner für den Prozess. Gerade kleine und mittlere Unternehmen benötigen häufig eine koordinierende Stelle, die passende Akteure zusammenführt.
 

Was müssen Politik und Wirtschaft jetzt verändern?

Nachfolge muss wirtschaftspolitisch ähnlich ernst genommen werden wie Gründung. Nötig sind frühzeitige Sensibilisierung, verlässliche Beratungsangebote, tragfähige Finanzierungsinstrumente und regionale Vermittlungsstrukturen. Auch bürokratische Hürden sollten überprüft werden. Die Sicherung bestehender Unternehmen ist keine bloße Bestandspflege, sondern aktive Standort-, Fachkräfte- und Innovationspolitik.
 

Wann sollten Unternehmer mit der Vorbereitung beginnen?

Früher, als viele denken. Ideal ist ein Vorlauf von mindestens drei bis fünf Jahren. In dieser Zeit kann das Unternehmen unabhängiger von der eigenen Person aufgestellt und die wirtschaftliche Situation transparent gemacht werden. Wer rechtzeitig beginnt, erhöht die Chance auf eine passende Nachfolge und einen realistischen Kaufpreis. Eine Nachfolge ist erst dann gelungen, wenn das Unternehmen auch ohne seine bisherige Führung eine überzeugende Zukunft hat.

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