Fokus neu denken

 Multifokus ist nicht Multitasking. Unsere Gastautorin plädiert dafür, verschiedene Themen wahrzunehmen, zu priorisieren und bewusst zwischen ihnen zu wechseln.

©Eva Luise Hoppe
©Eva Luise Hoppe
Birgit Amelung Redaktion

Der Begriff Multifokus mag zunächst wie ein Widerspruch klingen: „Multi“ steht für Vielfalt, Komplexität, Gleichzeitigkeit. „Fokus“ steht für Ausrichtung, Klarheit und Priorisierung. Doch gerade diese Spannung beschreibt unsere Gegenwart sehr gut. Unsere Arbeits- und Lebensrealität ist nicht mehr linear. Sie ist mehrdimensional, schnell und oft widersprüchlich. Märkte werden schneller, Technologien verändern Geschäftsmodelle, KI beschleunigt Prozesse und Entscheidungen. Gleichzeitig verlangen Strategie, Personal, Kunden, Innovation und operative Fragen Aufmerksamkeit. In diesem Spannungsfeld zeigt sich, warum unser klassisches Verständnis von Fokus an Grenzen stößt.

Viele Führungskräfte und Unternehmer reagieren darauf mit dem Versuch, schneller zu werden: mehr parallel bearbeiten, mehr Informationen aufnehmen, mehr Entscheidungen treffen. Das Ergebnis: mehr Komplexität, weniger Klarheit. Entscheidend ist, inmitten vieler relevanter Themen bewusst zu steuern: Was braucht jetzt Aufmerksamkeit? Was kann warten? Was ist wirklich wesentlich?
 

MULTITASKING IST REAKTION. MULTIFOKUS IST STEUERUNG.


Wer jetzt denkt, Multifokus bedeute Multitasking, irrt. Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass das menschliche Gehirn zum Multitasking, also dem parallelen Bearbeiten mehrerer Dinge, nicht in der Lage ist. Besonders der präfrontale Cortex, der Teil unseres Gehirns, der für Planung, Impulskontrolle und Priorisierung zentral ist, wird durch ständige Ablenkung beansprucht. Die Folge: Wir sind beschäftigt, aber nicht wirksam. Multifokus hingegen bedeutet, verschiedene Themen wahrzunehmen, zu priorisieren und bewusst zwischen ihnen zu wechseln. 

Gerade im Mittelstand wird diese Fähigkeit wichtiger. Neue Tools, Geschäftsmodelle und Erwartungen von Kunden und Mitarbeitenden erzeugen Chancen, aber auch kognitive Last. Je schneller das Außen wird, desto wichtiger wird die innere Sortierung. Entscheidend ist unser Umgang mit Mikrostress. Damit sind nicht die großen Krisen gemeint, sondern die vielen kleinen Stressmomente, die sich über den Tag ansammeln.
 

DREI HEBEL GEGEN MIKROSTRESS


1. Klare Kommunikationsfenster schaffen. 

Viele Mikrostress-Momente entstehen durch unmittelbare Reaktion. Jede neue Anfrage erzeugt einen mentalen Wechsel: lesen, einordnen, entscheiden, antworten, zurückfinden. Wenn das den ganzen Tag passiert, entsteht Fragmentierung.

2. Deep Work und Light Work unterscheiden.

Strategische Entscheidungen, Innovation, Konzeptarbeit oder schwierige Gespräche brauchen Tiefe. E-Mails, Freigaben und kurze Abstimmungen gehören eher zur Light Work. Sie sind wichtig, sollten aber nicht den Takt des Tages bestimmen.

3. Fokus nicht als Einheitsmodell verstehen.

Menschen organisieren ihre Aufmerksamkeit unterschiedlich. In meinem Buch beschreibe ich dafür fünf Fokustypen: Scanner:innen, Taucher:innen, Navigator:innen, Sprinter:innen und Neo-Generalist:innen.

Der Multifokus-Effekt lädt dazu ein, Fokus neu zu denken. Die Arbeitswelt wird durch KI komplexer werden. Die Zahl der Themen wird nicht abnehmen, ebenso wenig die Geschwindigkeit. Entscheidend ist, ob wir unsere Aufmerksamkeit bewusst führen können: als Voraussetzung für mentale Klarheit, Innovationskraft und unternehmerische Zukunftsfähigkeit. 
 

ÜBER DIE AUTORIN


BIRGIT AMELUNG ist Strategie- und Innovationsberaterin, Organisationsentwicklerin und Autorin. Mit ihrer Agentur AWAKE begleitet sie Unternehmen wie Beiersdorf, Thalia und Google und hält Keynotes über Fokus, Innovation und Healthy High Performance. Ihr Buch Der Multifokus-Effekt (Gabal Verlag) erschien im April 2026.
 

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