Die Dienstreise der Zukunft

Die Klimakrise fordert ihren Tribut – auch auf dem Verkehrssektor. Betroffen sind vor allem Pendler und Dienstreisende. Wie wird sich die berufliche Art zu reisen verändern? Welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmen, ihre Mobilität nachhaltiger zu gestalten? Interview mit Andreas Knie, Professor für Soziologie und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität“ am Wissenschaftszentrum Berlin.

Illustration: Mark Magnaye
Illustration: Mark Magnaye
Interview: Sarah Kröger Redaktion

Herr Knie, wie sehr ist die grüne Dienstreise schon in deutschen Unternehmen angekommen?
Viele Unternehmen möchten sich gerne fortschrittlich geben und ihre Produkte möglichst grün anbieten. Sie wollen ihren Mitarbeitenden grüne Angebote machen und im Trend der Zeit sein. Bisher waren sie in diesem Punkt aber sehr fantasielos. Zum Beispiel wird immer noch viel zu oft versucht, Mitarbeitende zu binden, indem man ihnen mehr oder weniger ein Auto schenkt. Gerade bei den mittleren und höheren Führungskräften ist das der Fall, die dann ein Prozent vom Listenpreis des Firmenwagens zusätzlich versteuern müssen, im Großen und Ganzen aber sehr günstig wegkommen. Meistens sind das dann aber Verbrenner, also Autos, die mit Benzin oder Diesel betrieben werden. Denn die Autos sollen das Unternehmen nicht so viel kosten.

Was wären denn fantasievollere Alternativen?
Die Unternehmen könnten ja auch E-Bikes verschenken. Nicht als Lohnumwandlung, sondern zusätzlich, on top. Dann gibt es für die Mitarbeitenden ein E-Bike, das diese natürlich versteuern müssen. Oder Leute, die viel reisen, bekommen die Bahncard 100 geschenkt. Ich spreche hier nicht von kleineren Zuzahlungen, die es oft zu Jobrädern oder Jobtickets gibt. Das ist nicht analog zu dem, was wir beim Firmenwagen erleben. Hier liegt der Ball ganz klar bei den Arbeitgebern. Beim Auto sind allerdings die Rahmenbedingungen einfacher: Sie können größere Mengen einkaufen, auf die es dann Rabatt gibt. Außerdem ist das Auto sofort als Betriebsausgabe steuerlich absetzbar. Das geht beim E-Bike oder der Bahncard 100 nicht ganz so einfach, ist aber möglich. In der IT-Branche ist das übrigens schon anders, da sind Tickets für den Fernverkehr oder E-Bikes hoch im Kurs.

»In der IT-Branche sind Tickets für den Fernverkehr oder E-Bikes hoch im Kurs.«

Woran hakt es noch?
Ein Grundproblem der grünen Mobilität ist das Silodenken der einzelnen Anbieter. Egal ob Sie nach Ihrer Bahnfahrt noch einen Roller von Tier oder das E-Bike von Lime nutzen möchten – für jedes einzelne Sharing-Produkt brauchen Sie im Moment eine eigene App. Die Unternehmen sehen es ungern, dass jemand Drittes auf sie bucht. Es sei denn, Sie haben Glück und sind in Berlin bei Jelbi oder in Hamburg bei Switch. Die haben viele der Produkte in einer App. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, wie wir beim Roaming im Mobilfunk-Markt sehen. Die Kunden haben einen Vertrag mit einem Anbieter, sind aber weltweit in allen Netzen unterwegs. Das würde auch beim Verkehr den Markt sehr attraktiv machen. Da sind wir aber noch lange nicht, obwohl es den Gedanken dazu schon seit 20 Jahren gibt. Das geht nur gesetzlich zu regeln, sonst kommen wir da nicht vorwärts.

Andreas Knie, Professor für Soziologie und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität“ am Wissenschaftszentrum Berlin
Andreas Knie, Professor für Soziologie und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität“ am Wissenschaftszentrum Berlin

Der Gesetzgeber sollte den Mobilitätsmarkt also stärker regulieren?
Ja. Wer mit öffentlichem Geld Produkte anbietet, so wie der öffentliche Verkehr, oder wer auf öffentlichen Straßen Produkte anbietet, so wie die Sharing-Anbieter, muss sich gegenseitig buchbar machen. Sodass ich als Vertragspartner des einen Anbieters auch auf alle Verkehrsmittel der anderen Anbieter zugreifen kann. Mit dem 49-Euro-Ticket ist das nun indirekt passiert, hier hat der öffentliche Verkehr aktuell aber Probleme mit der Einnahmenaufteilung.

Was wäre Ihr ideales Zukunfts­szenario der grünen beruflichen Mobilität?
Die Menschen besitzen keine eigenen Verkehrsmittel mehr, sondern nutzen das, was sie gerade brauchen. Für die berufliche Mobilität wäre das in erster Linie der öffentliche Fern- und Nahverkehr. Das Flugzeug würde ich aufgrund der hohen Klima-Emissionen ausschließen, jedenfalls innerdeutsch. Dann brauchen wir schnelle und zuverlässige Zugverbindungen und On-Demand-Services für die Letzte Meile vom öffentlichen Nahverkehr zum Zielort. Alle Verkehrsoptionen, die ich brauche, sollte ich in einer App auf meinem Smartphone finden, buchen und abrechnen können. Und je mehr ich fahre, desto günstiger sollte es sein. Nutzen statt besitzen ist also die Formel. Davon reden wir schon länger, das müsste jetzt endlich mal Realität werden.