Europas Energiewende braucht Erdgas

Juni 2021 | Handelsblatt | Zukunft Energie

Europas Energiewende braucht Erdgas

Die Verstromung von Nord Stream 2-Gasmengen spart 160 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr

Ulrich Lissek, Head of Communications and Governmental Relations, Nord Stream 2 AG
Nord Stream 2 AG / Beitrag

Um kaum ein Thema wird in der Öffentlichkeit so heftig gestritten wie um die Energiewende. Klimaziele einzuhalten und die damit einhergehende Notwendigkeit einer Umstellung unserer Energieversorgung werden kaum bezweifelt, aber bei den energiepolitischen Mitteln wird es schnell ideologisch. Es geht im Kern darum, welche Energieträger in welchem Staat wie lange noch genutzt werden, welche Infrastruktur dafür geschaffen oder erhalten werden muss und wie schnell Alternativen ausgebaut werden können. Nirgends liegen Wunschdenken und Machbarkeit weiter auseinander. Der Blick auf das, was die europäische Volkswirtschaft braucht und was ihr zugemutet werden kann, verstellt sich zunehmend. Gerade am Beispiel Erdgas zeigt sich, welche Risiken kurzsichtige Politik mit sich bringt.


Für Europa und insbesondere für Deutschland ist eine sichere und wettbewerbsfähige Versorgung mit Strom und Wärme existentiell. Erdgas trägt etwa ein Viertel zur europäischen Primärenergieversorgung bei, insbesondere die Industrie ist auf den Brennstoff für Wärmeerzeugung angewiesen. Aber auch die Verbraucher sind auf eine verlässliche und günstige Versorgung angewiesen. Erdgas deckt in Deutschland 40 Prozent des Energiebedarfs der privaten Haushalte, in Italien 51 Prozent und in den Niederlanden 71 Prozent.


Bereits heute tragen erneuerbare Stromquellen essentiell zur Deckung des europäischen Stromverbrauchs bei, in Deutschland kommt schon heute die Hälfte des verbrauchten Stroms von Sonne und Wind. Die größeren Schwankungen in der Stromgewinnung der erneuerbaren Energien sind dabei nur eine der Herausforderungen. Vor allem wird es mittelfristig an ausreichend installierter Solar- und Windkraftleistung sowie der nötigen Netzinfrastruktur fehlen, damit erneuerbare Energien den Wegfall von Atom- und Kohlestrom vollständig kompensieren können.


Bei der Stromerzeugung muss Erdgas entsprechend eine wichti-gere Rolle einnehmen. In Deutschland ist der Atomausstieg bis spätestens Ende 2022 geplant. In der Welt der Energieversorgung ist das bereits übermorgen. Die schrittweise Schließung von Kohlekraftwerken ist in vollem Gange. Andere Staaten planen ebenfalls Kohle- und teilweise Atomkraftwerke stillzulegen. Ohne Erdgaskraftwerke und eine ausreichende Versorgung wird ein kalter, wind-armer Wintertag schnell teuer und riskant. Eine Diskussion um Alternativen zu Strom und Wärme aus Erdgas muss die Frage der Risiken kalter Wohnungen und stillstehender Produktionsbetriebe beantworten.


Denn an einigen Stellen wird gerne mit Blick auf den zunehmenden Anteil erneuerbaren Stroms behauptet, dass man schon übermorgen ohne fossile Energieträger auskäme. Dabei wird gerade im Industriestaat Deutschland gerne verdrängt, dass Elektrizität nur rund 20 Prozent des End-energieverbrauchs deckt. Den Rest bilden Treibstoffe für den Verkehr und Brennstoffe für Heizungen und Industrie. Erdgas wird in vielen Anwendungen gebraucht, aber Industrie und Haushalte können ihren Gasbedarf nicht reduzieren, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen. Ohne ein Backup misslingt die Energiewende, oder wird unnötig teuer.


»Eine Ausstiegsdiskussion bei Erdgas geht an der Realität vorbei …«
 

Für 2050 zeichnen einige politisch geprägte Szenarien eine Welt mit sehr niedriger Nachfrage nach Erdgas auf. Alle technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Energiewende hofft man bis dahin sozialverträglich gelöst zu haben und fordert schon heute den kompletten Verzicht auf Erdgas, ob Kraftwerke, Heizungen oder Pipelines. Dabei ist Erdgas doch gerade eine Versicherung, falls die Energiepolitik nicht greift und der Energiebedarf eben nicht wie gewünscht sinkt. Denn schleppender Ausbau von Erneuerbaren und Stromnetzen, oder die fragwürdige Perspektive von Kernkraft in anderen EU-Staaten können dazu führen, dass die energiepolitischen Ziele nicht oder nur verspätet eingehalten werden. Von der Machbarkeit der weitgehenden Elektrifizierung des restlichen Energieverbrauchs mal ganz zu schweigen. Und ganz nebenbei rechnen viele der Szenarien gerade in Deutschland dann den Gasverbrauch herunter, indem sie Strom aus Nachbarstaaten importieren, ohne genau hinzusehen, wie dieser erzeugt wird. Wer mit dem Blick auf die Energiewirtschaft in drei Jahrzehnten heute behauptet zu wissen, was morgen nicht mehr gebraucht wird, bürgt Haushalten und Industrie ein hohes Risiko auf. Zumal die energiepolitische Versicherungspolice Erdgas einen Weg zum gleichen Ziel – Klimaneutralität – zu geringeren Kosten ermöglichen kann.


Eine ideologiefreie und vor allem realistische Energiepolitik bewertet die Energieträger nach ihrer Emissionsintensität und der Realisierbarkeit einer wirtschaftlich tragbaren Alternative. Eine solche Energiepolitik erkennt an, dass das Potenzial des emissionsärmsten fossilen Brennstoffs Erdgas nicht ausgereizt ist und auch künftig Erdgas ein Tragpfeiler unserer Energieversorgung sein muss. Die komplette Verstromung der von Nord Stream 2 transportierten Jahresmengen (55 Mrd. m3 Erdgas) kann die Hälfte der EU-Stromerzeugung aus Kohle ersetzen und so 160 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Dies entspräche den gesamten CO2-Emissionen des deutschen Verkehrssektors von jährlich 163 Millionen Tonnen.


Zu einer solchen Sicht gehört auch die Realität, dass die Gasproduktion der EU sich in den nächsten fünfzehn Jahren halbieren wird, der Gasbedarf dagegen stabil bleibt und die entstehende Lücke durch Importe gefüllt werden muss. Ein Projekt, um diese Importe zum Markt zu führen, wird Nord Stream 2 sein und ein nüchterner Blick auf die Pipeline sollte die energiewirtschaftliche Ratio des Unterfangens verdeutlichen: eine Anbindung an bereits entwickelte Gasförderung, deren Reserven die der EU um ein Vielfaches übersteigen. Eine moderne Offshore-Pipeline, die effizienter und entsprechend emissionsärmer Gas in die EU transportieren kann. Ein zusätzliches Angebot am Markt, das der EU erlaubt, weniger stark vom Flüssiggas-Weltmarkt abhängig zu sein und die Verbraucher entlastet.


Versorgungsicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und ein effektiver Klimaschutz in der Energieversorgung sind möglich, und Erdgas muss Bestandteil einer daraufhin ausgerichteten Energiepolitik sein. Eine Ausstiegsdiskussion bei Erdgas geht an der Realität vorbei und beschwört unnötig Risiken für die Energieversorgung herauf. Denn nur mit einer stabilen Energieversorgung werden sich die ambitio-nierten Ziele der Energiewende erreichen lassen. Dazu wird Nord Stream 2 einen Beitrag leisten.

 

www.nord-stream2.com