An die frische Luft

Oktober 2019 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

An die frische Luft

Ländliche Regionen, die eine Kultur der Innovation schaffen, können an dem Trend zu High-Tech-Gründungen partizipieren. Denn die Metropolen werden immer voller – und teurer.

Illustration: Johannes Fuchs
Jürgen W. Heidtmann / Redaktion

Unternehmensgründungen auf dem platten Land? Wer hier an Bio-Bauernhöfe und Pflegeheime denkt, liegt nicht ganz falsch. Aber auch das klassische Digital-Start-up mit brillanter Geschäftsidee und innovativer Unternehmenskultur ist abseits der Metropolen immer häufiger zu finden. So hat der promovierte Mathematiker Dr. Christoph Weiß etwa sein Unternehmen WSoptics 2013 in Altenstadt gegründet, einer Gemeinde in Oberbayern mit rund 3.500 Einwohnern, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Florian Sepp. Das Unternehmen entwickelt Soft- und Hardware für die Metallbearbeitung, insbesondere für die Laserbearbeitung von Blechen. „Mein Kollege und ich kennen uns aus Schulzeiten, wir sind hier aufgewachsen und hatten zu Firmenbeginn den Vorteil, dass wir bei einem uns bekannten Unternehmen vor Ort unsere Lösungen testen konnten“, erzählt Weiß gegenüber dem Portal produktion.de.


Dieses Beispiel zeigt, dass auf dem Land womöglich sogar die wichtigeren, weil in die  Wertschöpfungskette der traditionellen Industrie enger eingebundenen Unternehmen entstehen. Immerhin sind mehr als die Hälfte der 3,5 Millionen Betriebe in Deutschland im ländlichen Raum ansässig. Mehr als die Hälfte der Menschen leben in ländlichen Regionen. Mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird dort erzielt. Nach einer Umfrage des Internetportals Für-Gründer.de sitzt ein Viertel der Top 50 Start-ups in Städten mit weniger als 150.000 Einwohnern.


Heute arbeiten elf Mitarbeiter für WSoptics, etwa jeder Zweite wohnt in der näheren Umgebung, während die andere Hälfte täglich aufs Land pendelt, etwa aus Augsburg oder München. Die längste Anfahrtszeit liegt bei rund einer Stunde. Da bei dem Unternehmen in Altenstadt ausschließlich qualifizierte Fachkräfte mit akademischem Abschluss arbeiten, sei es schwieriger, Personal zu gewinnen. Weitere Nachteile: eine schlechte Internetanbindung, die Anfahrt nach München für „Meet-ups der Software-Szene“ sei zu weit.


Auf der anderen Seite sind da die günstigen Mietpreise und die schwache Konkurrenz um die Arbeitskräfte. Die Versuchung zu wechseln, sei also geringer. Außerdem sei der ländliche Standort für Kunden positiv, da diese selbst meist nicht in Großstädten starten und mit dem Firmenwagen anreisen. „Die geringen Lebenshaltungskosten auf dem Land und ein Arbeitgeber in einer Region, wo es sonst wenige hochqualifizierte Arbeitsplätze gibt, können durchaus attraktiv sein und ein Leben auf dem Land ermöglichen.“


Franz-Reinhard Habbel, Leiter des Innovators Clubs des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, kann dies nur bekräftigen: „Wenn Deutschland weiterhin ökonomisch stark bleiben will, sind wir auch in Zukunft auf die Attraktivität ländlicher Räume angewiesen“, erklärte er der Programmreihe „EXIST im Dialog“. „Wir müssen deshalb sicherstellen, dass ländliche Regionen im digitalen Zeitalter attraktive Rahmenbedingungen für Gründer, Unternehmer und Arbeitnehmer vorhalten.“


Hierzu brauche es vor allem eine flächendeckende Breitbandversorgung, „die Lebensader im 21. Jahrhundert.“ Ohne sie führten alle anderen Bereiche ins Abseits. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, sich nur auf die technische Infrastruktur zu beschränken. Damit allein entstehe noch kein investitions- und gründungsfreudiges Klima. Habbel sieht die Kommunen in der Pflicht, kreative Ideen zu entwickeln. Statt der Neujahrs-Empfänge der örtlichen Wirtschaft könne man etwa Fachkonferenzen entwickeln, die nach Lösungen suchen, um vor Ort Gründungen von innovativen Unternehmen zu unterstützen.


Eine starke Allianz von Wissenschaft und kommunaler Verwaltung sei wichtig. Möchte man Abwanderung, Unternehmensschließungen und Arbeitsplatzverluste in der Region vermeiden, müsse man frühzeitig auf Studierende und Wissenschaftler zugehen und ihnen signalisieren: „Wir unterstützen dich bei der Gründung deines Unternehmens hier vor Ort und wir sorgen dafür, dass du dich mit deiner Familie hier wohlfühlen wirst. Das bedeutet, man muss sich Gedanken darüber machen, welche weichen Standortfaktoren für die jungen Leute attraktiv sein könnten. Was für ein Wohn- und Lebensumfeld wünschen sie sich? Darüber müsse man mit allen Beteiligten sprechen, auch in den digitalen Netzwerken“, so Habbel. Ebenso wichtig sei es, eine Innovationskultur zu schaffen. Das sei Aufgabe des Bürgermeisters und der lokalen Multiplikatoren. „Sie müssen sich die Frage stellen, wie sie in ihrer Gemeinde für ein Ambiente der Offenheit, der Transparenz, des Miteinanders sorgen.


Auch die Wirtschaftsförderung müsse sich da neu ausrichten, so Habbel. „Wirtschaftsförderung bedeutet zukünftig eben auch Wissensförderung. Darüber hinaus müssen wir lernen, junge Leute stärker zu unterstützen. Der Wille, die unterschiedlichen Arbeitskulturen zu überwinden, muss von beiden Seiten kommen. Beide müssen aufeinander zugehen. Ein bisschen Offenheit und Lust aufeinander wäre da ganz gut.“


Ein Beispiel ist die agile Gründerszene im Nachbarland Österreich. Abseits der Hauptstadt Wien gründen sich zahlreiche Start-ups – etwa in Nieder-österreich. „Für die klassischen Hipster unter den Start-ups, die sich eher an Webplattformen orientieren und das städtische, vibrierende Umfeld suchen, ist Niederösterreich sicher nicht der präferierte Standort“, sagte Michael Moll, Geschäftsführer des accent Gründerservices der Zeitung Die Presse. „Wir haben aber einen Vorteil für Personen oder Forschungsgruppen, die im Gegensatz dazu eher fokussiert an ihren Geschäftsideen arbeiten und sich nicht ablenken lassen wollen.“


Der Drang in die Städte ist weiterhin groß. Aber die Grenzen der Entwicklung liegen derzeit dort, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermutet: in der galoppierenden Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Einer Studie der Unternehmensberatung PwC zufolge haben immer mehr Berliner Start-ups Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche. Dabei sei das größte Problem nicht der Mangel an Fachkräften, davon gibt es in Berlin offenbar genug. Die meisten Gespräche scheitern an den Gehaltsvorstellungen der Bewerber. Sie sind schlicht zu hoch.