Der Mittelpunkt

März 2016 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Der Mittelpunkt

Unsere Autorin Marie Fink würdigt ihre Küche.

Marie Fink / Redaktion

Als unsere Großfamilie 1960 in das neue Haus am Stadtrand zog, war die Begeisterung groß. Vor allem der großzügige Übergang vom Wohnzimmer zum Esszimmer löste bei den lieben Verwandten Pfiffe der Bewunderung aus.

 

Der schönste Durchbruch war allerdings die Durchreiche zur Küche. Meine Mutter liebte diese geniale Verbindung zwischen Kochen und Wohnen, die doch das schmutzige Geschirr verbarg.

 

Die Küche war – zugegeben – klitzeklein. Zwar schon mit modernem Modulbau versehen, aber nichts weiter als eine Kochstelle. Irgendwann müssen Hausbesitzer jedoch gemerkt haben, dass sich bei Käseigel und Eierlikör doch nicht die Gemütlichkeit einstellen wollte wie früher bei den Großeltern in der Küche. Man denke nur an das fröhliche Einmachen mit der ganzen Familie: ein Ereignis! Auch das gemeinsame Philosophieren über „Coq au Vin“ in der Studenten-Wohnküche war eher der Inbegriff eines wahren Lebensstils.

 

Das Umdenken ließ nicht lange auf sich warten. Kochen und Gastlichkeit gehören einfach zueinander wie Zwillinge. Heute sind Küchen wieder zum Mittelpunkt des Wohnens geworden. Aber nicht nur das: Eine Küche ist jetzt die Darstellung eines Lifestyles. Kochen ist Event. Quoten-Kochsendungen und Kochbestseller können das nur bestätigen. 

 

Die offene Küche ist wie ein offenes Buch. Mit dem Rotweinglas in der Hand lässig an der großzügigen Kochinsel stehen – da ist es nicht egal, was unter der Hightech-Abzugshaube steht. So werden renommierte Künstler aus aller Welt gebeten, Edelstahltöpfe mit filigranen Schmetterlingen und bunten Blumen zu bemalen. Ein bisschen Romantik muss sein, aber selbstverständlich hat der Dampfgarer einen Sensor im Deckel, der via Bluetooth mit der App für das Smartphone kommuniziert. Mit einem akustischen Zeichen an den Koch gelingt so ein exzellentes Ergebnis. Es ist eben gut zu wissen, wann das Gemüse und wann das Fleisch dran ist – perfekt für eine junge Zielgruppe.

 

Meiner Mutter genügten zur Deko die Prilblumen-Aufkleber. Und wann das leckere Essen gar war, das hatte sie einfach im Gefühl.