Neue Mobilität

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

Neue Mobilität

Kommt die Abkehr von Benzinern und Dieseln? Jedenfalls könnte sie das Leben für viele Menschen lebenswerter machen. Doch die eine allumfassende Alternative wird es wohl nicht geben, Detailarbeit ist gefragt.

Illustration: Helena Pallaré
Kai Kolwitz / Redaktion

Berlin boomt. Die Einwohnerzahl steuert auf die Vier-Millionen-Marke zu. Hinzu kommen die Pendler. Und wo viele Menschen leben, müssen viele Menschen zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Schule, in die Kita. Die Enge in der Stadt ist inzwischen deutlich greifbar und Reibung erzeugt Hitze: Auto- gegen Radfahrer, Radfahrer gegen Fußgänger, die Nutzer der neuen E-Roller gegen alle anderen.


Nicht nur in der Hauptstadt, auch in anderen Metropolen wird langsam der Platz für den Verkehr knapp. Und die Stimmen werden lauter, ihn neu unter den verschiedenen Parteien zu verteilen. Besonders im Fokus steht dabei das Auto, schließlich hat es pro beförderter Person den höchsten Flächenverbrauch. Und Straßen und Parkräume in den großen Städten lassen sich nicht beliebig erweitern.


Auf dem Land stellt sich die Lage dagegen ganz anders dar. Platz ist genug da. Doch wer hier lebt, für den ist der eigene Wagen oft unverzichtbar. Zu selten fährt der Bus, zu kompliziert ist es, Einkäufe ohne Auto zu erledigen, zu viel Zeit ginge verloren, wenn man alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln schaffen wollte. Aber auch hier ist der Veränderungsdruck spürbar. Denn Luftgüte und Klima sind auch jenseits der Städte ein Thema. Außerdem könnten Nutzer von Verbrennungsmotoren irgendwann Probleme bekommen, wenn es mit dem Wagen doch mal in die Stadt gehen muss.


Für Planer, Ingenieure und Politiker sind das spannende Zeiten. War das mit Benzin oder Diesel betriebene Auto über Jahrzehnte das Verkehrsmittel der Wahl für alle, die es sich leisten konnten, gilt es nun, nach neuen Maximen zu arbeiten.


Ansätze dafür gibt es schon seit einigen Jahren, inzwischen aber auch die ersten Ernüchterungen – und die Erkenntnis, dass es die eine, große Lösung wohl nicht geben wird. So haben Großstadtbewohner inzwischen die Wahl zwischen einer Fülle von Alternativen zum eigenen Wagen: öffentlicher Nahverkehr, Carsharing, Roller und E-Bikes zum Ausleihen, oft auch Kleinbusse, die als Sammeltaxis fahren.


Allerdings sind mit vielen der autolosen Optionen auch Nachteile verbunden: Das Wetter ist oft schlecht und manchmal unkalkulierbar, Busse und Züge sind vielerorts überfüllt, wenn man sie braucht, man kann nicht mehr so spontan agieren wie mit dem eigenen Wagen – und auch ein Carsharing-Auto braucht einen Parkplatz, ein elektrisches dazu eine Ladestation. Und die eine App, die alle Möglichkeiten bündelt und übersichtlich darstellt, lässt weiter auf sich warten – auch wenn so einige Firmen daran arbeiten.


So kommt es, dass viele den eigenen Wagen immer noch als am bequemsten empfinden oder mangels Alternativen auch in der großen Stadt noch fah-ren müssen – zum Beispiel dann, wenn komfortable Park-and-Ride-Angebote für Pendler fehlen. Zwar zeigt sich, dass für viele Jüngere das Auto einen deutlich geringeren Stellenwert hat als für ihre Eltern. Doch klar ist auch, dass die allermeisten unter den Autonutzern ihren Wagen erst stehenlassen werden, wenn die Alternativen ähnlich viel Komfort bieten.


In Berlin zum Beispiel werden deswegen gerade im großen Stil neue U- und S-Bahn-Waggons beschafft. Die Bahn will bis 2030 bundesweit gut 150 Milliarden Euro in ihre Infrastruktur investieren, viele Städte arbeiten daran, ihre Verkehrssysteme mehr auf das Fahrrad auszurichten – oft auf Druck von Bürgerbewegungen.


Doch daran zeigt sich auch: Die Sache wird dauern. Wo bis vor wenigen Jahren noch Strecken stillgelegt und Unternehmen des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs zu Profit Centern erklärt wurden, die möglichst ohne jeden Zuschuss auskommen sollten, fällt das Umsteuern zurück in Richtung Daseinsvorsorge schwer. Und da, wo kein Platz für neue Straßen ist, ist es auch nicht leicht, Platz für neue Gleise zu finden.


Mittendrin stehen die Unternehmen, deren Geschäft das Auto war und ist. Sie stehen vor großen Herausforderungen. Denn es gilt zu klären, wo man dabei sein sollte, um auch von neuen Mobilitätsformen zu profitieren: VW, BMW oder Mercedes sind im Carsharing präsent, VW und Mercedes experimentieren mit Sammeltaxis für die Städte, BMW und Mercedes gehören zu denen, die mit einer App Struktur in das Dickicht der Mobilitätsmöglichkeiten bringen wollen.


Doch nachdem die Bemühungen am Anfang von großer Euphorie getragen waren, reden zunehmend auch die Controller mit. Mercedes und BMW sind daher gerade dabei, ihre Carsharing-Services zusammenzulegen, um einer Kos-tendeckung näherzukommen. Und die Bosch-Tochter Coup, deren elektrische Leih-Scooter in Städten wie Berlin schon ein wichtiger Teil des Mobilitätsmixes zu sein schienen, stellt ihren Betrieb nun sang- und klanglos ein. Die Autobauer dürfte es sorgen, dass auch Autonomes Fahren und Elektromobilität hohe Investitionen erfordern – da muss man aufpassen, sich nicht zu verzetteln.


Geht am Ende alles weiter wie bisher, weil einfach keine preiswerten und komfortablen Alternativen in Sicht sind? Wohl nicht, angesichts der drängenden Probleme mit dem Verkehr, so wie er heute funktioniert. Und es gäbe ja auch einiges zu gewinnen, wenn es gelingt, aus Verkehrsraum wieder Fläche zu machen, die den Menschen zugutekommt. Paris hat das mit dem Seine-Ufer vorgemacht – und wer ein bisschen fantasiebegabt ist, sollte einmal durch die Straßen seiner Stadt gehen und sich ausmalen, wie viel Platz für andere Dinge da wäre, wären die unzähligen geparkten Wagen auf einmal verschwunden. Nicht durch Zwang, sondern deshalb, weil es auch ohne sie geht.


Für solche Visionen lohnt es sich zu arbeiten. Und da, wo gefahren werden muss, könnten elektrisch betriebene Autos dann zur spannenden Alternative werden: Wer sein eigenes Haus auf dem Land hat, weiß, dass er dort laden kann und oft auch zwei Fahrzeuge vorhalten muss. Für den könnte ein Stromer mindestens zur Alternative für den Zweitwagen werden, später dann auch für den ersten. Schneller und leichter jedenfalls als für den Städter, der abends nicht nur einen freien Parkplatz, sondern auch einen mit Lademöglichkeit finden muss. Aber dem bieten sich in einigen Jahren ja ziemlich wahrscheinlich andere Möglichkeiten – siehe oben…