Innovation ist die Zukunft

Juli 2018 | Handelsblatt | Innovation 4.0

Innovation ist die Zukunft

Um am Markt zu bestehen, müssen viele Unternehmen sich und ihre Produkte immer wieder neu erfinden. Erfolg hat nur, wer innovativ ist.

Illustration: Mario Parra
Axel Novak / Redaktion

Wer ein gutes Geschäftsmodell und gute Produkte anbietet, dem steht die Zukunft offen. Doch nicht für lange Zeit, denn Neues ist Trumpf – ob beim Waschmittel, bei der Gesichtscreme oder beim IT-Service. Unternehmen müssen ihre Produkte stets weiterentwickeln und neu vermarkten, wenn sie langfristig überleben wollen. Die jährlichen Ranglisten der weltweit innovativsten Unternehmen gelten daher als Beleg für die Fähigkeit eines Unternehmens, auch in Zukunft noch ordentlich Gewinn zu machen.

ServiceNow zum Beispiel liegt in einem solchen Vergleich vorne: Im Forbes Ranking der innovativsten Unternehmen dieser Erde rangiert das Cloud-Computing-Unternehmen aus Kalifornien noch vor dem letztjährigen Spitzenreiter Salesforce, vor Workday, Amazon und Netflix – und wie die Unternehmen alle heißen, die mit innovativen Geschäftsmodellen in der disruptiven Digitalisierung viel Geld verdienen.

Innovativer Mittelstand in Deutschland

Doch was die Konzerne und Start-ups können, steht deutschen Mittelständlern häufig nicht zur Verfügung. Zwar ist auch für sie ein effektives Innovationsmanagement mindestens genauso wichtig wie für die großen Konzerne, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Allein, oft fehlt es an Ressourcen. Dennoch stehen Deutschlands kleine und mittlere Unternehmen nicht nur für die wirtschaftliche Stärke der Bundesrepublik. Sondern sie gelten bislang auch als sehr innovativ. „Die meisten Innovationssprünge kommen aus dem Mittelstand, nicht aus den Konzernen“, sagt Sebastian Theopold in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. Er ist Partner bei der Munich Strategy Group, die alljährlich den innovativsten Mittelständler Deutschlands kürt.

Für die Innovationsfreude der KMU gibt es einige Gründe. Sie gäben mehr Geld für Innovationen aus, so Theopold. Die Entscheidungswege seien kürzer, der Kontakt zum Kunden enger. „Die von uns untersuchten Mittelständler melden im Schnitt pro 1000 Mitarbeiter etwa 25 bis 30 Patente an, bei Konzernen sind es im Schnitt nur sechs.“ Der wichtigste Grund aber liegt laut Theopold an einem: „Innovation fängt oben an. Bei den Siegern stehen mutige, rastlose Chefs an der Spitze.“

Früher befragte ein Händler namens Reinhold Würth seine Kunden und entschloss sich im Anschluss daran, selber Schrauben herzustellen, eigene Produkte zu entwickeln und zu unter dem eigenen Namen zu vertreiben. Heute ist die Würth-Gruppe nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial. Doch wie vergänglich der Ruf des Innovators ist, zeigt der Vergleich: Längst rangiert Würth in Sachen Innovation weit abgeschlagen hinter einem Armatur- und Badmöbelhersteller Duravit, einem Trockenfrüchtehändler Seeberger oder einem Medizintechniker Stockert.

Entwicklungsabteilung und Learning by Doing

Wie aber sichert man sich als Unternehmen Innovationen und Innovationsgeist? Erfolgreiche Firmen stützen sich auf ihr Ideenmanagement, ein modernisiertes betriebliches Vorschlagswesen, auf eine große Entwicklungsabteilung und natürlich auf kreative Ideen ihrer Mitarbeiter. Die Viessmann Group beispielsweise hat erst im vergangenen Jahr ihr neues Forschungs- und Entwicklungszentrum Technikum eingeweiht. 50 Millionen Euro steckt der Heizungshersteller in die Einrichtung. Dort tauschen sich 100 feste Mitarbeiter mit bis zu 60 weiteren Kollegen teamübergreifend aus, um Prototypen bis zur Marktfähigkeit zu entwickeln und zu erproben.

Häufig aber ist eine Neuerung nicht nur dann eine Innovation, weil sie eigens erforscht wurde – wie zum Beispiel Fahrerassistenzsysteme. Sondern viele mittelständische Unternehmen entwickeln Innovationen aus ihrem normalen Produktionsprozess heraus oder in Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern. Denn über den Erfolg einer Innovation entscheidet der Kunde: Eine Innovation ist erfolgreich, wenn der Kunde Nutzen spürt – und sei es emotionaler Nutzen.

Also finden innovative Unternehmen heraus, was dem Kunden nutzt. Dienstleister fragen ihre Kunden, gehen enge Partnerschaften ein oder suchen auf Messen und anderen Veranstaltungen den Schulterschluss mit den Kundenbedürfnissen. Andere befragen die Community im Netz nach den Trends von morgen und binden Nutzer ein, neue Produkte zu präsentieren.

Innovationsfähigkeit sinkt

Allerdings stehen Deutschlands kleinere und mittlere Unternehmen heute in heftigem Wettbewerb. Im „Innovation Union Scoreboard 2017“ der EU liegt Deutschland mittlerweile hinter skandinavischen Ländern, hinter Großbritannien und den Niederlanden. In ihrem Innovationsbericht Mittelstand 2017 bestätigt die Kfw-Bank, dass die Innovationsfähigkeit des Mittelstands gesunken ist. Der Anteil der innovativen Mittelständler beträgt heute nur 27 Prozent – vor zwölf Jahren waren es noch 42 Prozent. Auch die Investitionen in Marktneuheiten, Erfindungen und Ideen von Wettbewerbern, sanken zwischen 2015 und 2016 um 4,5 auf 32,2 Milliarden Euro. „Für die deutsche Wirtschaft und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit sind dies keine guten Nachrichten“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei der KfW. Gründe für diese Zurückhaltung nennt die Kfw auch: Die gute Geschäftslage mindert in vielen Unternehmen den Innovationsdruck. Mehr als die Hälfte der Mittelständler sehen keine Notwendigkeit, neuartige Produkte oder Prozesse zu entwickeln. Jedes fünfte Unternehmen hat nicht einmal Ideen für neue Produkte.

Dabei gehen anderswo die Innovationen weiter: Die wahren Innovatoren sitzen mittlerweile in der Garage, am Schreibtisch oder in gemeinsam genutzten Werkstätten. Schon vor einigen Jahren hatte Eric von Hippel, Professor im US-amerikanischen Cambridge, das Zeitalter der Innovator-Konsumenten ausgerufen. Seine These: Millionen Menschen erfinden täglich neue Produkte, verbessern und verändern Vorhandenes, um es näher an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Solche Innovator-Konsumenten sind in Deutschland beispielsweise die Maker. Sie stellen neue Dinge her oder bauen existierende um  – und zwar meist mit hochmoderner Technik. In Fab Labs genannten offenen Werkstätten stehen ihre teuren Präzisionsmaschinen – vom 3-D-Drucker bis zur CNC-Bohrfräsmaschine – zur Verfügung. Um ihre eigenen Entwürfe zu realisieren. Um selber innovativ zu werden.