Digital Health

März 2018 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Digital Health

Die Digitalisierung könnte dabei helfen, medizinische Dienstleistungen effizienter und kostengünstiger zu machen – und das Verhältnis von Patient und Arzt grundsätzlich neu zu denken.

Illustration: Juliana Toro Suarez
Klaus Lüber / Redaktion

Die Zeichen stehen auf Wandel. Ende Februar gab Amazon bekannt, gemeinsam mit der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway des Investors Warren Buffett und der größten US-Bank JP Morgan Chase eine Krankenkasse gründen zu wollen. Ziel des zunächst auf eigene Mitarbeiter beschränkten Dienstes sei es, so Amazon, mittels digitaler Technologie effizientere und billigere Gesundheitsversorgung zu bieten.

Nur wenige Wochen zuvor kündigte Apple an, den Nutzern seiner iPhones in Zukunft über ein neues Feature namens Health Record die Möglichkeit zu geben, Gesundheitsdaten wie Impfungen, Rezepte und Laborergebnisse zentral auf dem Smartphone zu speichern und bei Bedarf an medizinisches Fachpersonal weiterzugeben. Schon jetzt können User des iPhones und der Apple Watch über die Health App mit den entsprechenden Sensoren unter anderem Gewicht, Blutdruck, Körpertemperatur und Herzfrequenz messen. Darüber hinaus kündigte das Unternehmen eigene Gesundheitszentren für Mitarbeiter an.

Auch Alphabeth, Googles Mutterfirma, investiert inzwischen kräftig in den Bereich Healthcare und lotet hier besonders die Möglichkeiten von Künstlicher-Intelligenz-Anwendung aus. So behauptet die Firma, mittels KI-Technologie schon heute den möglichen Tod von Schwerkranken deutlich früher vorhersehen zu können, als das mit herkömmlichen Methoden möglich ist. Und von Facebook hört man, dass es ebenfalls mit KI-basierten Gesundheitsdiensten arbeitet – etwa zur Früherkennung von Depression und Suizidrisiken mittels Nutzeranalysen.

Der geballte Vorstoß der Tech-Giganten könnte ein Indiz dafür sein, dass der tiefgreifende Wandel des Gesundheitswesens, den Apologeten von sogenannten Digital-Health-Anwendungen schon seit Jahrzehnten prognostizieren, nun tatsächlich eintritt. Es geht dabei darum, zwei grundsätzliche Probleme des bestehenden Systems in den Griff zu bekommen: Ineffizienz und hohe Kosten. Immer mehr Patienten, selbst der reichsten Industrie-nationen, fühlen sich nicht wirklich gut behandelt. Dabei belaufen sich die Ausgaben staatlicher Gesundheitsdienstleistungen auf durchschnittlich zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wie das Beratungsunternehmen Deloitte für 2015 ermittelte. In seinem aktuellen Global Health Care Outlook 2018 geht das Unternehmen von einer weiteren Zunahme aus, auch bedingt durch die zunehmende Überalterung der Gesellschaft.

Die Lösung liegt, so zumindest die Idee von Digital Health, in den Daten. Genauer gesagt in persönlichen Gesundheitsdaten, die inzwischen jeder ohne großen Aufwand sammeln und nutzen kann. Die Möglichkeiten sind schon heute erstaunlich. So kann das eigene Smartphone inzwischen durch eine Vielzahl an Zusatzgeräten komplexe medizinische Diagnosen durchführen, etwa Hirnströme ableiten, ein EKG aufzeichnen, den Augen-innendruck messen, den Blutdruck bestimmen, Herzgeräusche speichern, Innenohraufnahmen machen, die Lungenfunktion prüfen oder den Atemalkoholgehalt analysieren.

Besonders chronisch Kranke können enorm von dieser Entwicklung profitieren, am vielleicht deutlichsten sichtbar in der Diabetes-Therapie. Blutzuckermessgeräte laden den Glucose-Level auf ein Smartphone, wo die Daten in einer speziellen App gemanagt werden. Oder es wird gar ein Sensor ins Unterhautfettgewebe eingesetzt. In den USA ist ein von der Firma Johnson & Johnson gefördertes Start-up mit einer App namens Blue Star erfolgreich. Diese erlaubt es Patienten mit Typ-2-Diabetes, ihren Glukose-Level zu messen, um dann umgehend von einem virtuellen Patienten-Coach Feedback zu bekommen.

Nehmen solche ernstzunehmenden Anwendungsmöglichkeiten zu, so die Prognose vieler Experten, könnte das einen generellen qualitativen Sprung für den gesamten Bereich sogenannter Mobile-Health-Applikationen bedeuten. Die sogenannten Gesundheits-Apps, bestehend aus Tracking-Armbändern, einer zugehörigen Software und lange Zeit als bessere Schrittzähler belächelt, schaffen immer öfter den Sprung zu seriösen Medizinprodukten. „Schon in naher Zukunft verschieben sich die Schwerpunkte der M-Health-relevanten Anwendungen von Tracking, Coaching und Fitness stärker in Richtung Gesundheit“, so eine Analyse von Deloitte.

Auch der Staat hat längst die Dringlichkeit erkannt, sich an diesen Entwicklungen anzupassen. Mit dem 2015 verabschiedeten Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen, dem sogenannten E-Health-Gesetz, hat die deutsche Bundesregierung eine flächendeckende IT-Infrakstruktur zur Vernetzung sämtlicher Akteure des Gesundheitswesens beschlossen. Ferner wurde auch die Einführung einer elektronischen Patientenakte angekündigt, auf der Krankheits- und Gesundheitsdaten zusammengeführt werden.

Nur an der technischen Umsetzung scheint es bislang zu hapern. Ursprünglich für Mitte 2016 geplant, wurde die Deadline für das erste große Etappenziel, die digitale Vernetzung der gesetzlich Versicherten, auf Ende des Jahres 2018 verschoben. „Und selbst wenn der Zeitplan eingehalten wird, von einer wirklichen digitalen Revolution im deutschen Gesundheitswesen sind wir dann immer noch sehr weit entfernt“, so Sebastian Krolop, Leiter Life Sciences & Health Care bei Deloitte. „Wir haben dann ein funktionierendes und hoffentlich sicheres System zur Verfügung, aber die elektronische Patientenakte wird zunächst wenig mehr bieten als den automatischen Abgleich von Patientenstammdaten, etwa den Adressabgleich nach einem Umzug.“

Andere Akteure glauben offenbar nicht mehr an eine rasche Umsetzung von staatlicher Seite. So arbeitet etwa die Techniker Krankenkasse seit Anfang des Jahres gemeinsam mit IBM an einer eigenen elektronischen Gesundheitskarte für ihre Versicherten. 2019 soll sie fertig sein und in den Worten des TK Vorstandsvorsitzenden Jens Baas genau das Versprechen einlösen, das man sich von einem modernen Gesundheitssystem erhofft: „Erstmalig haben Patienten Transparenz über ihre Daten und sind über Diagnose und Therapie umfassend informiert. Sie bekommen ein Tool an die Hand, das es ihnen ermöglicht, gemeinsam mit dem Arzt selbstbestimmte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen.“