Der so genannte „Weißkitteleffekt“ ist tückisch: Wird in einer Arztpraxis oder beim Blutspenden der Blutdruck gemessen, steigt er bei manchen Menschen in ungesunde Höhen. Die Situation, der prüfende Blick des Doktors, das anschwellende Oberarm-Messgerät, sie sorgen unbewusst für Stress und verfälschte Werte. Die Situation kann sich einprägen und das nächste Mal schon zum Anstieg des Blutdrucks führen, sobald die Person nur einen weißen Kittel sieht. Alternativen wie eine 24-Stunden-Messung sind aufwendig. Praktikabler sind regelmäßige Messungen in Ruhe und vertrauter Umgebung – so, wie sie viele Smartwatches mittlerweile beherrschen.
Und nicht nur das. Puls, Sauerstoffsättigung, Herzrhythmus, all das lässt sich längst schon in Echtzeit mit sogenannten Wearables messen. Sie tracken die Gesundheit und die Fitness oder überwachen verschiedene Körperfunktionen. Andere Sensoren werden, zumindest teilweise, im Körper getragen. Ein bekanntes Beispiel sind Glukose-Sensoren, die den Blutzuckerspiegel messen. Fortgeschrittene Modelle mit mehreren Komponenten können die Werte analysieren und bei Bedarf automatisch Insulin ausschütten. Therapien, die sich an den aktuellen Körperzustand anpassen, sind längst keine Zukunftsmusik mehr.
Was noch alles möglich sein könnte, zeigt ein Blick in die Forschung. Sorala, eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts, entwickelt ein dünnes, KI-gestütztes Sensorpflaster, das Druckgeschwüren vorbeugen soll. Das Pflaster überwacht kontinuierlich die Gesundheit des Haut- und Gewebeareals und erkennt kritische Veränderungen frühzeitig – bevor eine Wunde sichtbar wird. Die Hochschule Koblenz arbeitet an einer autarken Mini-Analyseplattform auf der Haut, die kontinuierlich Laktat-, Glukose- und Cortisol-Werte erfassen soll. Ob Sturzprävention, Psychotherapie oder Parkinson: Es gibt kein medizinisches Feld mehr, auf dem nicht mittels KI und Apps Fortschritte erzielt werden.
»Messdaten allein, auch wenn sie noch so einfach zu erheben sind, verlängern das Leben um keinen einzigen Tag.«
Allerdings besteht ein Unterschied zwischen üblichen Fitnesstrackern oder Smartwatches und zugelassenen Medizinprodukten. Erstere ersetzen keinen Arztbesuch und messen manchmal nicht allzu genau. Werden sie regelmäßig benutzt, können sie aber erste Hinweise auf Auffälligkeiten geben. Ärzte werden sich zunehmend darauf einstellen müssen, dass Patienten selbst erhobene Messwerte zur Abklärung mit in die Praxis bringen.
Das kann zu einer Datenflut führen, die die ohnehin knapp bemessene Zeit von Ärzten weiter strapaziert. Doch auch hier kann die KI helfen: Es gibt bereits Systeme, die große Mengen von Rohdaten aus Wearables filtern und aufbereiten. Diese Daten richtig einzuordnen und gegebenenfalls selbst Untersuchungen zu veranlassen, bleibt aber Aufgabe des Arztes. Das Institut für Medizinische Informatik an der Berliner Charité will beide Welten noch besser miteinander verbinden: Zwar schätzt man das Potenzial von Wearables für Prävention, Nachsorge und personalisierte Medizin auch dort als groß ein. Allerdings fehlten noch Standards und Schnittstellen sowie Modellprojekte und passende Prozesse zur Integration in die Regelversorgung. Genau daran arbeitet das Institut.
DATEN ALLEIN HELFEN NICHT
Dass der individuelle Nutzen von Innovationen sehr unterschiedlich sein kann, zeigen zwei Beispiele. So gibt es mittlerweile mehrere Studien, die nahelegen, dass Wearables Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern „entdecken“ können, oftmals sogar, bevor Symptome auftreten. Der klinische Nutzen sei mittlerweile gut belegt, berichtet das Deutsche Ärzteblatt. Bei Schlaftrackern ist das Bild hingegen weniger eindeutig. Sie können, bislang zumindest, keine Nacht im Schlaflabor ersetzen. Hinzu kommt die Gefahr einer „Orthosomnie“: So nennt man das Phänomen, dass sich Nutzer so intensiv mit ihren Schlafwerten beschäftigen, dass selbsterzeugter Druck oder Ängste bei schlechten Werten schließlich wirklich zu Ein- und Durchschlafstörungen führen.
Es gibt eine weitere grundsätzlich mögliche Einschränkung: den Datenschutz. Bei den erhobenen Gesundheitswerten handelt es sich um sensible Daten, die Rückschlüsse auf die eigene Verfassung zulassen. Medizinprodukte müssen im Gegensatz zu den sogenannten Consumer Wearables strengen gesetzlichen Vorgaben genügen, ausführliche Dokumentationspflichten erfüllen und offiziell zertifiziert sein. Während manche Menschen kein Problem darin sehen, ihre Joggingrunden mit Herzfrequenz und Uhrzeit ins Netz zu stellen, sind andere vorsichtiger und informieren sich beispielsweise, welche Daten wohin übertragen und wie sie geschützt werden.
ANSPORN ZU GESUNDHEITS-BEWUSSTEREM VERHALTEN
Es bleibt festzuhalten: Messdaten allein, auch wenn sie noch so einfach zu erheben sind, verlängern das Leben um keinen einzigen Tag. Die medizinische Revolution kommt auf leisen, aber dafür nachhaltigeren Sohlen. Ein großer Vorteil der Wearables ist, dass sie kontinuierlich Daten in alltäglichen Lebenssituationen erzeugen. Im Gegensatz zu punktuellen Messungen in Arztpraxen oder Laboren können sie Auffälligkeiten aufdecken, die anlassbezogen untersucht werden können. Dabei kommt es zunächst einmal nicht entscheidend darauf an, ob die Werte bis zur zweiten Nachkommastelle exakt sind. Trotz allem sollte man die Verantwortung für den eigenen Körper nicht an irgendwelche Gadgets abgeben. Wer sich schlecht fühlt oder meint, negative Veränderungen an sich zu bemerken, sollte zum Arzt gehen.
In allen Teilbereichen der Medizin wird unterdessen weitergeforscht: Wearables und auch Kleidungsstücke, die Medikamentenspiegel messen oder Infektionen erkennen können. Virtuelle Abbilder eines Patienten, an denen sich Behandlungen und Therapien testen lassen. Vernetzte Daten und automatisierte Abläufe, die gesundheitsgefährdete Menschen wie auch Arztpraxen vorausschauend warnen, wenn Werte aus dem Ruder laufen. Das alles und noch viel mehr ist denkbar. Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Menschen wären derzeit schon froh, wenn die elektronische Patientenakte einigermaßen praktikabel und sinnvoll nutzbar wäre.