»Die Krankheit darf nicht alles bestimmen«

Dreimal pro Woche ins Dialysezentrum: Für viele Nierenkranke bestimmt die Behandlung den Alltag. Eine Alternative ist die Peritonealdialyse zu Hause – oft sogar im Schlaf.

Dr. Mustafa-Bačinović, Internist und Nephrologe am Dialysezentrum Rotenburg (Wümme)
Dr. Mustafa-Bačinović, Internist und Nephrologe am Dialysezentrum Rotenburg (Wümme)
Vantive Beitrag

Regelmäßig fährt Mathea Rosenau mit ihrem Mann übers Wochenende nach Leipzig. Die 54-Jährige lebt in einem kleinen Ort nahe Bremen und arbeitet Vollzeit in der Buchhaltung. Am Samstag geht es auf einen großen Flohmarkt. Dass Rosenau auf eine Dialyse angewiesen ist, ändert daran wenig. Für eine Nacht im Hotel nimmt sie ein paar Beutel mit Dialyselösung mit, eine Wärmflasche und einen Haken zum Aufhängen. „Dann ist gut“, sagt sie. Im Oktober 2021 fühlte sich Rosenau zunehmend schlechter, Treppensteigen wurde schwierig, ihr Körper lagerte immer mehr Wasser ein. Schließlich fuhr sie selbst ins Krankenhaus in Rotenburg (Wümme). Die Untersuchungen ergaben, dass ein lange unbemerkter hoher Blutdruck beide Nieren schwer geschädigt hatte. Sie konnten das Blut nicht mehr ausreichend von Schadstoffen reinigen und überschüssiges Wasser aus dem Körper entfernen. Rosenau brauchte deshalb eine Dialyse – eine Behandlung, die diese Aufgaben der Nieren zumindest teilweise übernimmt.

Die Ärzte empfahlen ihr die Peritonealdialyse, schon am folgenden Tag wurde ihr dafür ein Katheter in den Bauch gelegt. Damit war sie eine Ausnahme. Die meisten Dialysepatienten in Deutschland werden mit Hämodialyse behandelt: Ihr Blut wird außerhalb des Körpers gefiltert. In der Regel müssen sie dafür dreimal pro Woche ins Dialysezentrum, die Behandlung dauert etwa vier Stunden. Hinzu kommen An- und Abfahrt, Vorbereitung und die Zeit nach der Dialyse.

„Montag, Mittwoch, Freitag um sieben Uhr“, nennt Dr. Mustafa BaČinoviĆ, Internist und Nephrologe am Dialysezentrum Rotenburg (Wümme), als Beispiel. Drei Tage der Woche bekommen damit einen festen Takt. Für Berufstätige ist das besonders schwierig, aber auch für ältere Menschen kostet die Behandlung viel Zeit.
 

DAS BAUCHFELL WIRD ZUM FILTER


Eine Alternative ist die Peritonealdialyse, kurz PD. Dabei dient das gut durchblutete Bauchfell als körpereigene Filtermembran. Über einen Katheter fließt Dialyselösung in die Bauchhöhle. Schadstoffe und überschüssiges Wasser gelangen aus dem Blut in die Flüssigkeit, die anschließend wieder abgelassen und ersetzt wird.

Bei der automatisierten Peritonealdialyse übernimmt ein Cycler den Austausch der Dialyselösung – die Behandlung findet zu Hause statt.
Bei der automatisierten Peritonealdialyse übernimmt ein Cycler den Austausch der Dialyselösung – die Behandlung findet zu Hause statt.

Das kann mehrmals am Tag manuell geschehen. Rosenau hat zunächst so dialysiert. Etwa alle vier Stunden wechselte sie ihre Beutel, auch während der Arbeit. Ihr Arbeitgeber stellte ihr dafür einen Raum zur Verfügung.

Heute findet ihre Dialyse vor allem nachts statt. Dafür nutzt Rosenau einen sogenannten Cycler. Das Gerät wird abends mit Dialyselösung und einem Schlauchsystem bestückt und mit ihrem Katheter verbunden. Während sie schläft, steuert es über rund acht Stunden automatisch den Austausch der Flüssigkeit. Am Morgen koppelt Rosenau sich ab.

Allerdings hat sie die Technik aus dem Schlafzimmer verbannt. Der Cycler steht im Badezimmer und ist über einen rund drei Meter langen Schlauch mit ihr verbunden. Manchmal brumme das Gerät oder gebe Alarm. „Ich nehme die Krankheit mit nach Hause. Aber sie darf nur im Badezimmer wohnen.“ Und dann fügt sie hinzu: „Die darf da sein, aber alles darf sie nun auch nicht so bestimmen.“
 

ZU HAUSE, ABER NICHT ALLEIN


Rosenau kommt einmal im Monat zur Kontrolle nach Rotenburg. Moderne Cycler zeichnen zudem den Verlauf der nächtlichen Behandlung auf und übermitteln die Daten an das Dialysezentrum. BaČinoviĆ und sein Team können so etwa wiederkehrende Alarme erkennen. Alle Therapieeinstellungen lassen sich aus der Ferne anpassen. Rosenau selbst wiegt sich täglich, misst ihren Blutdruck und kontrolliert die abgelassene Dialyseflüssigkeit. Ist sie trüb, kann das auf eine Entzündung hindeuten. Dann ruft sie im Zentrum an und bringt eine Probe vorbei.

Dass die PD nicht ohne Risiken ist, hat sie selbst erlebt. Wegen wiederkehrender Entzündungen musste ihr erster Katheter entfernt werden. Während der Heilungsphase wurde sie zwei Wochen lang mit Hämodialyse behandelt. Im Zentrum sei es laut gewesen, die Behandlung anstrengend, danach sei sie sehr erschöpft gewesen. Anschließend bekam sie einen neuen PD-Katheter.

Auch die größere Freiheit beim Reisen hat Grenzen. Während eines Urlaubs an der Müritz traten bei Rosenau Probleme auf. Sie fuhr zu einem Dialysezentrum in Neubrandenburg – doch mit ihrer Peritonealdialyse konnte man ihr dort nicht weiterhelfen. Schließlich musste sie zurück nach Rotenburg.
 

WARUM IST DAS VERFAHREN SO SELTEN?


Obwohl die Peritonealdialyse seit Jahrzehnten etabliert ist, wird sie in Deutschland vergleichsweise selten eingesetzt. BaČinoviĆ sieht mehrere Gründe. In der Facharztausbildung spiele das Verfahren eine kleinere Rolle als die Hämodialyse, nicht jedes Zentrum verfüge über entsprechende Erfahrung. Zudem erscheinen die Materialkosten zunächst hoch. Dem stehen allerdings geringere Aufwendungen für Personal, Räume, Strom und Wasser gegenüber.

Auch für das Gesundheitssystem könnte mehr Heimdialyse interessant sein. Krankentransporte zu drei Behandlungen pro Woche entfallen, ebenso werden weniger Dialyseplätze benötigt. In BaČinoviĆs Zentrum könne eine Pflegekraft bis zu 20 PD-Patienten betreuen, bei der Hämodialyse seien es maximal fünf. Angesichts des Fachkräftemangels könnte das künftig wichtiger werden.

Grundsätzlich eignet sich die PD für die meisten Patienten – in etwa drei Viertel aller Betroffenen. Doch es gibt auch Einschränkungen. Nach zahlreichen Bauchoperationen etwa können Verwachsungen die Behandlung erschweren, bei einem künstlichen Darmausgang besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko. Und wer die Dialyse nicht selbst durchführen kann, braucht Unterstützung durch Angehörige.

Mathea Rosenau kommt mit ihrer Form der Dialyse aber gut zurecht. Sie arbeitet weiter Vollzeit, fährt in den Urlaub und kann ihren Alltag weitgehend selbst bestimmen. Natürlich müsse sie auf einiges achten, sagt sie. Aber für ihre Lebenssituation passe die PD. „Wenn man schon so was hat, ist das eine sehr gute Lösung, so wie ich es mache.“

vantive.eu/de
 

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