Adipositas ist für die deutsche Volkswirtschaft ein Kostenfaktor in Milliardenhöhe. Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Dr. Tobias Effertz und seiner Kollegen kostet die Krankheit jährlich rund 63 Milliarden Euro. Davon entfallen knapp 29 Milliarden Euro auf direkte medizinische Ausgaben wie Arztbesuche und Reha-Maßnahmen. Der weit größere Teil entsteht jedoch indirekt: Rund 34 Milliarden Euro gehen zurück auf unverschuldete krankheitsbedingte Fehlzeiten, eingeschränkte Leistungsfähigkeit im Berufsalltag und frühzeitige Verrentungen. Ohne Gegenmaßnahmen könnten die Kosten für Adipositas und Übergewicht laut World Obesity Federation bis 2060 auf 216 Milliarden Euro steigen.
Die Zahlen sind seit Jahren bekannt. 2020 hat der Deutsche Bundestag Adipositas zudem offiziell als chronische Erkrankung anerkannt. In der Praxis hat das bislang wenig geändert. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten weiterhin keine leitliniengerechten medikamentösen Therapien – ein Ausschluss, den Paragraf 34 des Sozialgesetzbuchs V ausdrücklich vorsieht. Damit ist Adipositas unter den anerkannten chronischen Krankheiten ein Sonderfall: Patienten müssen ihre medikamentöse Therapie selbst bezahlen, obwohl die Erkrankung längst als solche eingestuft ist.
DIE FOLGEN AM ARBEITSMARKT
Ein Teil der indirekten Kosten von nicht behandelter Adipositas entsteht am Arbeitsmarkt. Und dort trifft es u. a. Branchen, in denen ohnehin Fachkräfte dringend fehlen. In Verkehrs- und Logistikberufen beispielsweise haben 22,5 Prozent einen BMI über 30 kg/m2, d. h. leben mit Adipositas. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass Adipositas zusätzlich das Risiko für über 200 Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder verschiedene Krebsarten erhöht. Medikamente zur Behandlung von Adipositas sind längst verfügbar, doch sie bleiben nur denjenigen zugänglich, die sie selbst zahlen können – eine moderne Zweiklassen-Medizin.
DIE VERSORGUNGSLÜCKE
Die Kosten einer Behandlung sind daher nur die eine Seite der Rechnung. Auf der anderen stehen die Kosten, die entstehen, wenn Adipositas und ihre Folgeerkrankungen nicht oder erst spät behandelt werden. Die Wissenschaft zeigt, dass innovative Medikamente nicht nur zum Therapieziel beitragen können, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sind – möglicherweise sogar kostensparend. Daher ist auch aus volkswirtschaftlicher Sicht eine ganzheitliche, evidenzbasierte Versorgung keine Mehrbelastung, sondern eine Investition: in den Erhalt von Gesundheit – statt des Verwaltens von Folgeerkrankungen.
Gesundheitspolitisch lohnt es sich, den Blick auf die Gesamtrechnung zu richten. Denn eine chronische Erkrankung nicht zu behandeln, heißt nicht, dass sie nichts kostet. Die Rechnung kommt nur später – und fällt meist deutlich höher aus.
lilly.com
CMAT-56616, Sept 2026
3 FRAGEN AN PROFESSOR DR. MATTHIAS LAUDES, PRÄSIDENT DER DEUTSCHEN ADIPOSITAS-GESELLSCHAFT (DAG)
Warum ist Adipositas eine Krankheit und nicht einfach eine Frage der Willensstärke?
Unser Körper ist evolutionär darauf ausgelegt Energiereserven anzulegen. In einer Umgebung mit ständig verfügbarem, sehr energiereichem Nahrungsangebot kann diese biologische Veranlagung jedoch zu Adipositas führen. Adipositas ist deshalb kein Versagen des Einzelnen, sondern ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren und modernen Umweltbedingungen.
Wie sieht eine zeitgemäße Behandlung aus?
Sie kombiniert langfristige Lebensstilmaßnahmen – Ernährung, Bewegung – mit medikamentösen Möglichkeiten. Ziel ist es, Betroffene dabei zu unterstützen, Verhaltensänderungen nachhaltig umzusetzen. Wie auch andere chronische Krankheiten erfordert Adipositas eine dauerhafte Behandlung.
Wann ist eine Behandlung erfolgreich?
Erfolg misst sich nicht an der Zahl auf der Waage. Entscheidend ist, dass sich die Person besser fühlt und ein Gewicht erreicht, welches Begleiterkrankungen und die Lebenserwartung positiv beeinflusst. Schon eine moderate Gewichtsreduktion kann Gesundheitsrisiken deutlich senken.