Frauen mit HIV – Oft betroffen, selten gesehen

In Deutschland ist jede fünfte Person mit HIV eine Frau. Warum werden sie trotzdem oft übersehen und was sind Herausforderungen für die Zukunft? Dazu fragen wir Anne von Fallois, Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung.

Anne von Fallois, Deutsche AIDS-Stiftung. Foto: Barbara Frommann
Anne von Fallois, Deutsche AIDS-Stiftung. Foto: Barbara Frommann
Deutsche AIDS-Stiftung Beitrag

Frau von Fallois, was macht die Situation von Frauen mit HIV besonders?

HIV wird hierzulande noch vorrangig mit Männern verknüpft, auch in medizinischen Einrichtungen. Deshalb kann es lange dauern, bis HIV bei Frauen überhaupt erkannt wird - trotz Symptomen. Viele Frauen haben dann bereits eine medizinische Odyssee hinter sich, mit Folgen für ihre Gesundheit. Die meisten Diagnosen sind Zufallsbefunde oder werden bei Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft gestellt. Denn dann wird standardisiert ein HIV-Test angeboten. 
 

Ein positiver Test kann sehr aufwühlen. Wo finden Frauen psychosoziale Begleitung?

Allererst in Beratungsstellen, die es in einigen größeren Städten gibt. Sie haben zumeist auch Angebote für Frauen, zum Beispiel Sprechstunden zu „Schwanger mit HIV“ oder Selbsthilfeprogramme. Einige Projekte fördert die Deutsche AIDS-Stiftung. Manchmal müssen im ersten Schritt digitale Angebote helfen. Denn für stark eingebundene Mütter oder für Frauen, die in ländlichen Regionen leben, ist es mitunter sehr herausfordernd, sich vor Ort zu vernetzen. Das gilt auch für Frauen mit Migrationshintergrund. Sie müssen oftmals sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden.
 

Wie unterstützt die Deutsche AIDS-Stiftung?

Unsere Stiftung hilft finanziell, mit Hilfe unserer Spenderinnen und Spender. Wir sichern Beratungsangebote und wir motivieren zu neuen Projekten für Frauen mit HIV. Dazu haben wir jüngst mit dem Partner ViiV Healthcare einen Förderfonds für Frauen-Projekte aufgelegt. Es kamen Anträge aus vielen Regionen Deutschlands. Darüber freuen wir uns sehr. Zugleich ist uns wichtig, in die Zukunft zu schauen. Wir fragen uns: Wie sieht künftig die Versorgung von Menschen mit HIV aus, von Frauen und Männern? Dazu gibt es von uns ein aktuelles Gutachten.

Foto: Istock_DisobeyArt
Foto: Istock_DisobeyArt

Was sind die Hauptergebnisse, insbesondere mit Blick auf Frauen?

Es gibt moderne Therapie- und Präventionsangebote, von denen Frauen besonders profitieren könnten. Aber sie werden immer noch zu selten darauf aufmerksam gemacht. Das ist nicht nur schade, sondern auch ungerecht. Frauen sollten wissen, dass es zum Beispiel Medikamente gibt, die viele Monate lang reichen und nicht täglich eingenommen werden müssen. Für Frauen, die nicht offen mit ihrer Infektion umgehen können, wäre das eine große Erleichterung. Eine begleitende Befragung zu unserem Gutachten hat bestätigt: Frauen mit HIV sehen Verbesserungsbedarf in der Kommunikation mit ärztlichen Ansprechpersonen und bei Informationen rund um die Infektion und Behandlung.
 

Ist für Frauen das Outing als HIVpositiv schwieriger?

In der Mehrzahl definitiv ja. Frauen müssen mit Nachrede rechnen, mit Distanzierungen, Gerüchten. Sind sie Mütter, sind rasch auch die Kinder mitbetroffen. Deshalb braucht es für Frauen und ihre Kinder besonders geschützte Räume. Und es ist wichtig, dass Frauen sich gegenseitig Mut machen, wenn Situationen schwierig sind, zum Beispiel als Alleinerziehende oder als Frau mit Migrationsgeschichte. 
 

Was wünschen Sie sich für Frauen mit HIV?

Vor allem, dass sie sich nicht verstecken müssen. Das gilt selbstverständlich für alle Personen, die mit HIV leben. Deshalb setzt sich die Deutsche AIDS-Stiftung seit jeher für Respekt und gegen Diskriminierung ein. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Menschen mit HIV gut versorgt bleiben. Unser Gutachten hat gezeigt, dass 2035 bis zu 130 spezialisierte HIV-Ärzt*innen fehlen könnten. Insbesondere in ländlichen Regionen kann das für Frauen problematisch werden. Hier sind viele Akteure gefragt.

aids-stiftung.de
 

Nächster Artikel