Bei Frauen kann ein Infarkt atypisch verlaufen mit Übelkeit, ungewöhnlichem Unwohlsein, Schmerzen im Oberbauch oder plötzlicher Erschöpfung. Fehldiagnosen sind häufig“, sagt die Ärztin und bekannte TV-Moderatorin Dr. Franziska Rubin. „Atypisch“ heißt, der starke Schmerz, die Enge in der Brust, über die betroffene Männer klagen, fehlen oft oder fallen deutlich schwächer aus. Herzinfarkte von Frauen wurden deshalb noch vor zehn oder 15 Jahren meist nicht erkannt und endeten tödlich. Schon lange setzt sich Rubin für eine gendersensible Medizin ein. „Ich selbst bin immer wieder verblüfft, wie viele einzelne, erforschte Fakten wir über den kleinen Unterschied zwischen Frau und Mann kennen“, sagt die Ärztin. „Bitter ist nur, wie wenig das im Grunde dann in der Praxis, also bei der Behandlung der Patientinnen, berücksichtigt wird.“
Jahrhundertelang haben sich Medizin und Forschung vor allem am männlichen Körper orientiert. Ein Beispiel: Bei Frauen funktioniert das Verdauungssystem anders. Medikamente bleiben dadurch oft länger im Körper. Die vorgeschlagene Dosierung von Arzneimitteln wurde aber auf den Bedarf von Männern abgestimmt. Aufgrund ihrer Konstitution kann es bei den Frauen zu stärkeren Nebenwirkungen kommen. Bereiche, die eng mit dem weiblichen Lebenszyklus verbunden sind, wie etwa Menstruation, Schwangerschaft, Geburt oder die Wechseljahre gelten nicht nur in der Forschung als Nischenthemen, sondern stehen auch im Alltag unter Tabu. Es gibt außerdem Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen. So sind Frauen viel öfter von Angststörungen, Depressionen, Migräne oder chronischen Schmerzen betroffen. Männer erhalten häufiger die Diagnose Bluthochdruck oder Diabetes Mellitus Typ 2. Sie erkranken eher an Grippe und haben mehr mit Suchtproblemen zu kämpfen.
90 MILLIONEN EURO FÜR FRAUENGESUNDHEIT
Das Wissenschaftsjahr 2026, das unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ steht, soll die individuelle Konstitution von Patienten und Patientinnen stärker in den Vordergrund rücken. „Die geschlechtersensible Gesundheitsforschung darf kein Randthema bleiben. Noch immer wissen wir zu wenig darüber, wie sich Krankheiten bei Frauen und Männern unterschiedlich zeigen. Das müssen wir ändern“, sagt Bundesforschungsministerin Dorothee Bär. 90 Millionen Euro werden deshalb in den nächsten fünf Jahren in die Frauenforschung fließen. Gefördert werden damit vor allem Projekte, die sich mit Endometriose, den Wechseljahren, reproduktiver Gesundheit, geschlechtersensibler Forschung oder dem Gender-Data-Gap, der Lücke zwischen den vorhandenen medizinischen Daten zur Männer- und zur Frauengesundheit beschäftigen. Weitere 10 Millionen hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) für konkrete Forschungsvorhaben zur Frauengesundheit bewilligt und zwei Förderrichtlinien dazu aufgestellt. Die Gelder sollen helfen, die patientenzentrierte Versorgung von Frauen zu verbessern. Dies gilt unter anderem bei frauenspezifischen Erkrankungen, aber auch für die Wechseljahre, während einer Schwangerschaft, einer Geburt, im Wochenbett, bei Kinderwunsch oder für die Betroffenen von Gewalt.
Wie Forschung zur Frauengesundheit konkret aussehen kann, zeigt ein Beispiel der Universität Ulm, deren interdisziplinäres Projekt HoPE (A Holistic and system-biological approach to understand the biomolecular Pathomechanisms of Endometriosis) dazu beitragen soll, Endometriose besser zu verstehen. Die Charité in Berlin, das Leipziger Helmholtz-Zentrum und die Universität Jena sind daran ebenfalls beteiligt. Erforscht wird das Zusammenspiel von Darmmikrobiom, Immunsystem, Stoffwechsel und Ernährung. Bei Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, auch außerhalb der Gebärmutterhöhle und kann so anderen Organen schaden. Es handelt sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betrifft. Zu den Symptomen gehören unter anderem starke Regelschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder auch Unfruchtbarkeit. „Mit HoPE wollen wir untersuchen, wie Nahrungsmittelintoleranzen, der Ernährungsstatus und Darmbakterien entzündliche und hormonelle Mechanismen beeinflussen können“, erklärt Professorin Iris-Tatjana Kolassa, die das Projekt leitet. Die Forschenden versprechen sich davon neue Behandlungskonzepte und verbesserte Diagnosemöglichkeiten. „Wir wollen die Lebensqualität von Frauen, die an Endometriose leiden, signifikant verbessern“, sagt Kolassa. HoPE wird bereits vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,7 Millionen Euro gefördert. Außerdem gibt es noch vier weitere geförderte Forschungsprojekte, die Schmerzursachen bei Endometriose, den Krankheitsverlauf, Unfruchtbarkeit und verbesserte Behandlungsmethoden untersuchen.
WECHSELJAHRESBESCHWERDEN IM FOKUS
Eine der beiden neuen Förderlinien des BMG unterstützt seit Januar die Forschung zu Therapie, Prävention und Diagnostik von Wechseljahresbeschwerden. Vor allem interdisziplinäre Verbundprojekte sollen finanziert werden. Zurzeit befinden sich in Deutschland etwa neun Millionen Frauen in den Wechseljahren. „Weniger bekannt ist, dass diese hormonellen Veränderungen oft gesundheitliche Folgen haben können und sich auf viele Prozesse im Körper auswirken, zum Beispiel auf das Herz-Kreislauf-System, das Gehirn und die Knochen – etwa durch ein erhöhtes Risiko für Osteoporose – ein Wissen, das für Prävention und Gesundheitsförderung wichtig ist. Es fehlt uns aber an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen zu diesem Lebensabschnitt“, sagt Dorothee Bär. Bei etwa einem Drittel der Frauen sind die Symptome so ausgeprägt, dass die Lebensqualität darunter leidet. Die Forschungsförderung soll dazu beitragen, die Behandlung von Frauen mit Wechseljahresbeschwerden zu verbessern und mögliche Gesundheitsrisiken zu reduzieren. Mit der zweiten Förderrichtlinie sollen vor allem Nachwuchsgruppen an (Fach-)Hochschulen aufgebaut werden. Nicht zuletzt soll bei den Forschungsvorhaben geprüft werden, wie Künstliche Intelligenz Diagnostik und Therapie unterstützen kann.