Wenn Körper, Geist und Seele ausgebrannt sind

Knapp 200.000 Menschen jährlich haben einen Burnout – über Ursachen und Hilfen spricht Carmen von Nasse, Chefärztin der Kasseler Habichtswald Privat-Klinik.

Carmen von Nasse, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, ausgebildet in spezieller Psycho-traumatherapie und Chefärztin der Habichtswald Privat-Klinik
Carmen von Nasse, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, ausgebildet in spezieller Psycho-traumatherapie und Chefärztin der Habichtswald Privat-Klinik
Habichtswald Privat-Klinik Beitrag

Frau von Nasse, fast jeder Mensch kennt jemanden, der von einem Burnout betroffen ist, aber die wenigsten wissen, was das bedeutet – wie würden Sie den Begriff definieren?
Wir sprechen vom Burnout-Syndrom, also einem Bündel verschiedener Symptome. Wer von einem schweren Burnout betroffen ist, befindet sich in einem Zustand tiefer geistiger, emotionaler und körperlicher Erschöpfung ohne Möglichkeit zu regenerieren.

Als Ursache benennt die Weltgesundheitsorganisation WHO „Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt werden kann“ – deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
In den meisten Fällen liegen dem Burnout massive Probleme mit der Arbeit zugrunde, bei uns gilt das für rund zwei Drittel der Patient:innen.

Was läuft bei diesen Menschen falsch?
Manche Menschen sind sehr leistungsorientiert und perfektionistisch, sie haben hohe Ansprüche an sich und identifizieren sich sehr mit ihrem Beruf. Andere haben ein Abgrenzungsproblem, sie sagen hundertmal ja, bevor sie einmal nein sagen – bei beiden ist der Selbstwert stark angegriffen.

Wer ist besonders gefährdet?
Überrepräsentiert sind Berufe, die eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit brauchen, das kann die Führungspersönlichkeit aus einem Unternehmen sein, aber auch die Lehrkraft, die mit einem System nicht mehr klarkommt, das sie mit 30 Kindern in der Klasse alleinlässt.

Was sind Alarmzeichen für einen beginnenden Burnout?
Am Anfang ist man immer wieder erschöpft, ohne sich wirklich erholen zu können. Man arbeitet sehr viel und ist am Wochenende nicht aktiv, sondern bleibt lieber auf der Couch. Diese Phase kann Jahre andauern, je nach individueller Stressresistenz. In der zweiten Phase kommt eine Selbstwertkrise hinzu, die Menschen sind gereizt und ziehen sich aus ihren sozialen Beziehungen zurück, Hobbys sind nur noch lästig. Familie oder Freund:innen bemerken das, aber die Betroffenen wollen es oft nicht wahrhaben. Bis bei ihnen gar nichts mehr geht – in dieser dritten Phase sehen wir sie dann in der Klinik.

Die zur Wicker-Gruppe gehörende Habichtswald Privat-Klinik in Kassel liegt eingebettet in die Natur am größten Bergpark Europas, mit dem Schloss Wilhelmshöhe.
Die zur Wicker-Gruppe gehörende Habichtswald Privat-Klinik in Kassel liegt eingebettet in die Natur am größten Bergpark Europas, mit dem Schloss Wilhelmshöhe.

Wie können Sie ihnen in der Habichtswald Privat-Klinik helfen?
Die Behandlung umfasst intensive psychotherapeutische und psychosomatische Einzel- und Gruppentherapien, unter anderem Gespräche, Meditation, Achtsamkeitsübungen, Stressmanagement, Training sozialer Kompetenzen und Hilfe bei der Abkehr von alten Strukturen. Im Bergpark bieten wir Waldbaden an, auch ein Teil des Sportprogramms findet in der Natur statt. Der Speiseplan kann, inklusive Ernährungsberatung, individuell zusammengestellt werden, die Patient:innen wohnen in komfortablen Einzelzimmern.

Wie lange dauert ein Aufenthalt inder Regel?
Wer stationär zu uns kommt, ist absolut ausgebrannt und hat eventuell schon Symptome einer Depression entwickelt. Diese Patient:innen benötigen ein multimodales Therapieangebot, das i.d.R. fünf bis sechs Wochen dauert. Viele brauchen schon allein zwei Wochen um zu akzeptieren, dass sie sehr krank sind und ihnen die Therapie helfen kann. Einen Satz höre ich in Gruppengesprächen am Anfang immer wieder: „Verglichen mit den anderen geht’s mir doch richtig gut!“ – und dann erst beginnt der Erkenntnisprozess.

Wie geht es nach dem stationären Aufenthalt weiter?
Wir geben den Patient:innen Übungen als Handwerkszeug zur Stressregulation mit und helfen beim Anbahnen weiterführender Unterstützung, etwa in ambulanten Therapien, Tageskliniken oder Selbsthilfegruppen. Die Gefahr eines Rückfalls ist groß. Wir sagen allen Patient:innen bei der Entlassung: Unsere Tür steht euch immer offen – und manche sehen wir tatsächlich noch ein zweites Mal.

www.habichtswald-privat-klinik.de

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