#OffenGesagt – Kompetenz vor Diagnose

Chronische Erkrankungen sind kein Randgruppenthema. Sie betreffen unsere gesamte Arbeitswelt.

Dr. Eva Koch leitet in der Hertie-Stiftung die Multiple-Sklerose-Projekte. Foto: Tanja Valérien
Dr. Eva Koch leitet in der Hertie-Stiftung die Multiple-Sklerose-Projekte. Foto: Tanja Valérien
Gemeinnützige Hertie-Stiftung Beitrag

Frau Dr. Koch, warum sprechen wir über das Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung?

Wir sehen in den vergangenen Jahren große Fortschritte in der Forschung und Therapie verschiedener Erkrankungen. Aber im gesellschaftlichen Umgang hinken wir hinterher. Wir neigen dazu, unseren Blick auf Menschen zu verändern, sobald eine Diagnose bekannt wird. Gerade im Arbeitsleben wird das besonders sichtbar. Deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen, wie wir miteinander arbeiten und leben wollen.
 

Wie kann man Menschen für dieses Thema sensibilisieren?

Für #OffenGesagt arbeiten wir mit Creatorn zusammen, die sich dem Thema in ihrem ganz persönlichen Stil über ihre Kanäle auf LinkedIn, Instagram und TikTok widmen. 

Einige haben selbst Erkrankungen wie z.B. Endometriose, Multiple Sklerose (MS) oder Morbus Crohn und erzählen offen von den oft unsichtbaren Symptomen und Herausforderungen, die sie im Alltag und Berufsleben begleiten.

Dadurch entsteht eine Perspektiv-Vielfalt, mit der wir Menschen und Lebenswelten erreichen, zu denen wir als Stiftung sonst keinen direkten Zugang hätten. Die Resonanz ist gut, und wir hoffen, mit dieser Kampagne mehr Offenheit für ein wichtiges Thema in die Gesellschaft tragen zu können.
 

Betrifft das denn so viele Menschen?

Mehr als jeder zweite erwachsene Mensch gibt an, mit einer chronischen Erkrankung zu leben, Tendenz steigend. Wir sprechen also nicht über ein Randgruppenthema.

Aber es betrifft letztlich uns alle, weil wir alle Teil der Arbeitswelt sind: Kolleg:innen, Führungskräfte oder Mitarbeitende. Und wir alle beeinflussen durch unser Verhalten, wie wir miteinander umgehen, und ob Menschen sich verstanden fühlen oder das Gefühl haben, sich ständig erklären zu müssen.

#OffenGesagt ist eine Social-Media-Kampagne der Hertie-Stiftung.
#OffenGesagt ist eine Social-Media-Kampagne der Hertie-Stiftung.

Was macht Erkrankungen mit unsichtbaren Symptomen im Arbeitskontext so besonders?

Sie führen häufig zu einer paradoxen Situation. Weil man sie nicht sieht, werden sie leicht unterschätzt. Mitunter wird unterstellt, so schlimm könne es ja nicht sein. Wird die Erkrankung dagegen offen angesprochen, passiert manchmal das Gegenteil: Auf einmal steht nicht mehr die Kompetenz im Vordergrund, sondern die Diagnose. Dann wird aus der kompetenten Kollegin schnell „die mit der Erkrankung“.
 

Was können wir konkret tun?

Ich wünsche mir, dass wir alle etwas aufmerksamer füreinander werden und uns regelmäßig daran erinnern, dass wir immer nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens anderer Menschen sehen. Die Kollegin im Meeting, der Mensch neben uns im Zug oder die Person am Nachbartisch. Wir wissen oft nicht, was an diesem Morgen bereits passiert ist, oder wie viel Kraft es gekostet hat, überhaupt dort zu sein – geschweige denn, ob jemand mit einer Erkrankung lebt.

Wir sprechen oft darüber, dass Menschen offen mit ihrer Erkrankung umgehen sollten. Ich glaube, wir sollten genauso darüber sprechen, wie aufmerksam das Umfeld ist. Nicht jede Unterstützung beginnt mit einer Offenlegung. Manchmal beginnt sie damit, zuzuhören und nachzufragen: Was brauchst Du, damit es für Dich geht?

ghst.de/arbeiten-mit-einer-chronischen-erkrankung
 

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