Die Stadt der Übergänge

 Das Kind lebt allein und still im Tempel, wo es als Inkarnation der Göttin Taleju verehrt wird. Draußen tobt der Verkehrslärm, überall entstehen neue Rooftop-Bars und Espresso-Cafés. In Kathmandu verschwimmt die Grenze zwischen Tradition und Moderne.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Gaby Herzog Redaktion

Die lebende Göttin ist drei Jahre alt. Mit schwarz umrandeten Augen und einer leuchtend rot geschminkten Stirn zeigt sie sich für einen kurzen Moment am Fenster des Kumari-Palastes im Herzen von Kathmandu, der Hauptstadt von Nepal. Eingerahmt von aufwändigen Schnitzereien, wie in einem Gemälde, schaut das Mädchen hinunter in den Innenhof auf die Gläubigen und Touristen, die dort auf sie gewartet haben. Ihr Blick ist ernst, kein noch so kleines Lächeln. „So muss es sein“, sagt Prabin, der in der Nachbarschaft lebt und senkt ehrfürchtig den Kopf. 

Unerschütterlichkeit gehört zu den 32 Merkmalen, die ein Mädchen erfüllen muss, um als Kumari – als Inkarnation der Göttin Taleju – verehrt zu werden. Sie stammt aus der buddhistischen Kaste der Newar, um für ihr Amt geeignet zu sein, muss außerdem das Horoskop stimmen, ihre Haut makellos, ihr Körper frei von Narben sein. Selbst ihr Temperament wird geprüft. 

Einige der Auswahl-Rituale wirken dabei, zumindest aus westlicher Perspektive, befremdlich. „In einem dunklen Raum, nur von einer flackernden Butterlampe erhellt, wird das Kind ganz allein zwischen Opfergaben und Tiermasken gesetzt“, erklärt Prabin, der als Fahrer arbeitet und regelmäßig herkommt, um Segen zu erbitten. „Sie darf nicht weinen. Die zukünftige Göttin muss beweisen, dass sie sich von nichts aus der Ruhe bringen lässt.“ Erstaunlich, dass es solche Kinder überhaupt gibt. Vielen Außenstehenden fällt es schwer, sich vorzustellen, das eigene Kind so früh aus den Händen zu geben. Pravin sieht das anders: Eine lebende Göttin in der Familie sei ein Geschenk. Zögern würde er nicht.

Seit September 2025 ist Aryatara die Kumari in Kathmandu. Nur zu großen religiösen Festen verlässt sie ihren Palast am Durbar Square, wird dann in einer Sänfte getragen. Ihre Füße dürfen den Boden nicht berühren. Mit der ersten Menstruation wird ihre Zeit als Göttin dann enden. Aus der verehrten Figur wird wieder ein gewöhnliches Mädchen. Lange bedeutete das einen harten Bruch. Denn früher gingen die Kumari nicht in die Schule, wurden kaum auf das Leben danach vorbereitet. Dagegen hatten Menschenrechtsorganisationen viele Jahre lang protestiert. Erst seit einem Urteil des Obersten Gerichtshofs 2008 erhalten die Kumari nun regelmäßig Privatunterricht.

Während im Palast mit gedämpfter Stimme gesprochen wird, tobt draußen das Leben. Kathmandu wächst schnell. Rund zwei Millionen Menschen sollen aktuell in der Stadt am Fuße des Himalaya wohnen. Immer mehr ziehen aus ländlichen Regionen hierher. Wo einst Reisfelder lagen, stehen heute Häuser. Die vielen Tempel und Pagoden, die während des verheerenden Erdbebens vor elf Jahren zerstört wurden, sind wieder aufgebaut. Motorräder und Autos verstopfen die engen Straßen, Smog ist ein Dauerthema.

Die westliche Welt entdeckte Kathmandu in den 1970er-Jahren. Damals brachte der legendäre „Magic Bus“ junge Aussteiger aus Europa in die nepalesische Hauptstadt. Rund zwanzig Tage dauerte die Reise auf dem „Hippie Trail“ über Istanbul, Teheran und Kabul bis zur New Road. Bald nannte man eine Seitenstraße nur noch „Freak Street“, weil dort immer mehr bunt gekleidete Reisende auftauchten – eingehüllt in Haschischwolken und auf der Suche nach einem anderen Leben.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Batik-Shirts und Pumphosen sind im Backpacker-Viertel Thamel selten geworden. Stattdessen dominieren Outdoor-Läden das Straßenbild. Trekkingtouristen kaufen Daunenjacken und Schlafsäcke von bekannten Marken zu erstaunlich günstigen Preisen. Dumm nur, wenn sich das vermeintliche Schnäppchen beim Wetterumschwung auf einem Himalaya-Trail als Fälschung erweist.

Doch auch die Ära der Low-Budget-Reisenden geht langsam zu Ende. Im Stadtzentrum werden Luxushotels gebaut, internationale Ketten eröffnen Dependancen, es entstehen Rooftop-Bars und Cafés mit schicken Espresso-Maschinen. Bürgermeister Balen Shah, einst Rapper und politischer Quereinsteiger, ließ Straßen und Flussufer säubern und vertrieb lärmende Affen von den Dächern. Aktuell wird sogar das Stromkabelwirrwarr, das wie ein schwarzes Spinnennetz tief über den Gassen hängt, unter die Erde verbannt. 

Für viele Reisende verschwindet damit ein „typisches“ Fotomotiv, und manche wünschen sich, Kathmandu möge für immer wie ein lebendiges Museum wirken. Doch die Bevölkerung ist jung, im Schnitt 26 Jahre alt. Die Menschen wollen nicht stillstehen, sondern Teil einer globalen Zukunft sein, und dazu gehört auch eine sichere Stromversorgung.
 

»Manche Touristen wünschen sich, Kathmandu möge für immer wie ein lebendiges Museum wirken.«


Im Stadtteil Boudha: Besuch einer Teppichwerkstatt. Die Tibeter, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, haben ihr jahrhundertealtes Handwerk über die Berge mit ins Kathmandu Valley gebracht und ihr Wissen an ihre Nachfahren weitergegeben. Knoten für Knoten, Reihe für Reihe wachsen die modernen Designs, die heute meist internationale Luxuslabels hier in Auftrag geben. Die Arbeitsbedingungen gelten als gut, die Löhne sind gestiegen. Das müssen sie auch, denn viele Nepali suchen ihr Glück sonst im Ausland, auf Baustellen in Katar oder in Pflegejobs in Malaysia.

An dem Knüpfstuhl neben dem Eingang sitzen vier Jungs. Ihre Unterarme sind tätowiert wie die von Messi oder David Beckham, die Haare gestylt. Zwischen die Kettfäden haben sie ihre Smartphones gesteckt. Einer schaut das neuste Musikvideo von Taylor Swift, der andere eine Bollywood-Schnulze.

Nach Feierabend gehen viele Knüpferinnen und Knüpfer aus. Die meisten bummeln zur nahen Stupa, einem weißen Kuppelbau, über dem die allsehenden Augen Buddhas wachen. Immer im Uhrzeigersinn umrunden die Gläubigen den Platz, murmeln Mantras und geben den quietschenden Gebetsmühlen einen Schubs. So soll das „Om“ in die Welt getragen werden. „Om“ steht – stark verkürzt ausgedrückt – für eine heilsame Energie. Die kann die Welt ja auf jeden Fall gebrauchen.

Ein anderes Freizeitziel der Knüpfer:innen ist der Tempelkomplex von Pashupatinath. Dass es sich hierbei um ein hinduistisches Heiligtum handelt, scheint dabei nicht weiter wichtig zu sein – in Kathmandu verlaufen die Grenzen zwischen den Religionen fließend. Auf der alten Handelsroute zwischen Indien und Tibet gelegen, war die Stadt schon immer ein Schmelztiegel. Hinduismus und Buddhismus greifen ineinander. Die Kumari ist dafür nur ein Beispiel: ein buddhistisches Mädchen, verehrt als Göttin in einem hinduistischen Ritual.

In der Tempelanlage von Pashupatinath, am Stadtrand von Kathmandu, geht die Sonne unter. Gut betuchte Hindus lassen hier ihre Toten verbrennen. Denn wer an diesem Ort verbrannt wird, so glaubt man, wird von schlechten Wiedergeburten befreit und kann schneller den ewigen Kreislauf des Lebens verlassen. So eine Zeremonie mit edlem Sandelholz kostet umgerechnet 2000 Euro und mehr. Doch das ist es vielen gläubigen Familien wert. Immer wieder fährt auch ein Krankenwagen am Haupttor vor und lädt Sterbende ab, die hier ihre letzten Tage verbringen wollen.

Von gedämpfter Friedhofsstimmung aber ist keine Spur. Im Gegenteil. Kinder spielen Fangen, Händler verkaufen Cola und Kettchen, Polizisten versuchen, mit schrillen Trillerpfeifen den Besucherstrom zu bändigen. Es wird geschubst und geschrien. Pashupatinath fühlt sich eher an wie ein Jahrmarkt. Dazu kommt ein Geruch, der bittersüß und schwer in der warmen Luft liegt. Es ist ratsam, eine kleine Dose Tiger Balm in der Tasche zu haben. Das scharfe Eukalyptusöl schaltet die Nase aus. 

Unten am Fluss, auf drei Mauervorsprüngen, brennen Feuer. Über die Brücke wird gerade eine Tote auf einer Bahre herbeigetragen. Der Körper ist in weiße Tücher gewickelt, man sieht die geschlossenen Augen, die nackten Füße. Zwei Männer richten derweil das Holz auf dem Scheiterhaufen und bringen Kannen mit flüssigem Ghee herbei. Die geklärte Butter ist leicht entzündlich und erzeugt hohe Temperaturen. Trotzdem dauert es viele Stunden, bis der Körper vollständig verbrannt ist.

Hinterher wird die Asche mit langen Stäben zusammengeschoben und von den Angehörigen dem Fluss übergeben. Der Bagmati fließt hunderte Kilometer weiter südlich in die indische Tiefebene und dort in den Heiligen Ganges, dessen Wasser von allen Sünden befreit. Ein kleiner Teil der Asche wird später auch von den Sadhus zu einer Paste verarbeitet, mit der sie ihre Körper einreiben – ein sichtbares Zeichen der Vergänglichkeit. 

Tatsächlich sitzen mehrere dieser heiligen Männer im Lotussitz vor einer kleinen Pagode. Ihre verfilzten Haare sind zu hohen Nestern aufgetürmt, sie tragen lange Bärte, Gesicht und Arme sind weißgrau bemalt, die Stirn mit gelben und roten Linien verziert. Auf dem Weg, mitten in der Menschenmenge, liegt eine Kuh.
 

»Ein Asket mit einem Smartphone – ist das nicht ein Widerspruch?«


Sie ist mit einem der Sadhus als spirituelle Begleiterin auf Wanderschaft. Solange die Männer nicht gerade meditieren, dürfen auch Touristen mit ihnen in Kontakt treten. Wer um einen Segen bittet, darf sich zu ihnen setzen. Sogar Fotos sind in der Regel erlaubt – aber hier wird eine Spende erwartet.

Abends kommen viele Sadhus in einem der Ashrams unter, die rund um die Tempelanlage liegen. Selbst wenn es auf den ersten Blick absurd scheint: Auch hier sind Fremde willkommen, sie können sogar an einer Zeremonie, einer Puja zu Ehren der Götter, teilnehmen. Einer davon ist der „Shri Annapurna Ashram“: Links liegt der Stall, Unterkunft für die mitreisenden Kühe, rechts eine Terrasse, auf der ein kleines Feuer brennt und in dessen Glut ein Dreizack als Zeichen für Lord Shiva steht.

In der Küche werden Brotfladen gebacken, süßer Gewürztee köchelt in einem Metalltopf. Neben dem Herd steht ein mit Fliesen verkleideter Quader, auf dem die Figur eines Mannes sitzt. „Das ist Naga Baba Shiv Giri“, erklärt Hardevgiri, ein junger indischer Sadhu auf Wanderschaft. „Er war ein bedeutender Guru. Als er 2017 starb, wurde er hier sitzend in der Grube eingemauert.“

Wirklich, mitten in der Küche? „In unserer Mitte“, bestätigt Hardevgiri. Und warum wurde Naga Baba nicht auch verbrannt? „Sein Körper hat sich schon im Leben von allem Weltlichen gelöst. Er war spirituell so weit, dass die reinigende Funktion des Feuers nicht mehr nötig war.“ Während Hardevgiri spricht, zieht er sein Smartphone aus seinem Umhang und zeigt Fotos des Verstorbenen. Ob ein Asket mit einem Smartphone nicht ein Widerspruch ist? Hardevgiri schüttelt den Kopf. Entscheidend sei die innere Haltung, nicht das Objekt. Man könne ein Handy besitzen, ohne daran zu hängen. „Das Gerät hilft mir nur, meine Pilgerrouten zu organisieren, und ich bleibe mit anderen in Kontakt“, sagt er. „Aus meiner Sicht verschwindet nicht die Tradition – sie verändert nur ihre Form.“

Erster Artikel
Lifestyle
März 2026
Illustration: Natascha Baumgärtner
Redaktion

Globale Jugend

 Schüleraustausch, aber auch schon kurze Reisen ins Ausland, fördern den Selbstwert junger Menschen.